Du, meine einzigste Liebe
Ob er wohl weiß, was ich für ihn empfinde? Verachtet er mich deshalb? Nur noch einen letzten Blick will ich auf ihn werfen, bevor ich für immer gehe… …
Kapitel 01
Stolz und unnahbar war er schon immer, hochmütig manchmal sein Blick, mit dem er mich immer bedachte. Kalt sehen mich seine Augen an. Ob er wohl weiß, was ich für ihn empfinde? Verachtet er mich deshalb? Nur noch einen letzten Blick will ich auf ihn werfen, bevor ich für immer gehe…
Seine Hände halten den Bogen, seine Augen fixieren das Ziel, sein Schwert führt selten das zu Ende, was sein Pfeil nicht vermochte. Er tötet jeden Feind, um das Leben der Herrin Galadriel zu schützen. Er kennt nur diese Aufgabe, nichts anderes kommt ihn in den Sinn.
Doch mein Herz sieht all das nicht, es fühlt nur und ist erfüllt mit Liebe zu ihm. Stets suche ich heimlich seine Nähe, unbemerkt nähere ich mich ihm. Seine Gegenwart beglückt mich mit Frieden, seine Nähe ist mein Ziel.
Doch er nimmt mich nicht wahr, ich bin noch weniger als Luft für ihn. Wenn ich mich ihm offenbaren würde, würde er mich abweisen, denn ich bin seiner nicht würdig. Doch warum ist das so? Warum hält er mich für unwürdig?
Erst letzten Monat unternahm ich einen Vorstoß, wollte mich ihm nähern, einen einzigen Blick von ihm erhaschen, doch er sah mich nicht, nahm mich wie immer nicht wahr, doch seine Herrin - die sah er mit großen leuchtenden Augen an.
Es tat weh, so unglaublich weh. In diesem Moment wusste ich, dass ich ihm niemals so nah sein würde, dass er mich nie so nah an sich heranlassen würde, dass ich niemals einen Platz in seinem Herzen haben würde. Es tat weh…
Und deshalb beschloss ich, dass ich gehen musste. Ich kann ihn nicht mehr ansehen, ohne an meine Unzulänglichkeit zu denken, an den Schmerz, den mir diese Gedanken bereiten, an die Pein, die dabei über mich herfällt, an die schlaflosen Nächte, deren Zahl ich verdrängt habe.
Ich muss gehen, muss meiner Heimat den Rücken kehren und mein Herz vor weiterem Schaden bewahren. Dieses letzte Bild von ihm, wird aber für Ewigkeiten in meinem Herzen ruhen, meine unsterbliche Seele berühren und mich Tag für Tag begleiten.
Ich reiße mich von seinem Anblick los, nehme das kleine Bündel mit meinen wenigen Habseligkeiten auf und wage den ersten Schritt ins Ungewisse…
„Wohin wollt Ihr zu so später Stunde gehen? Ihr wisst, das es nicht sehr ratsam ist, den schützenden Wald zu verlassen, noch immer treibt sich allerlei lichtscheues Gesindel da draußen herum.“
Seine Stimme ist schneidend und kalt, er hat mich also doch bemerkt, mich gefunden. Ob er wohl gekommen war, um mich zurückzuhalten von meinem Vorhaben? Langsam drehe ich mich um, werde von seinem Blick magisch angezogen, seine Nähe bringt mein Innerstes in Aufruhr, ich will fliehen, vor ihm, seiner Nähe, seinen blauen Augen.
Dann ich wage es und sage mit zittriger Stimme: „Ich verlasse den goldenen Wald, der viele Zeitalter meine Heimat war. Haltet mich nicht zurück, ich will gehen…“ Doch mein Herz schreit ‚nein’ und er scheint dies zu wissen. „Warum wollt Ihr gehen? Bin ich euch so zuwider, das Ihr vor mir flüchtet?“
Die Welt scheint innezuhalten, doch meine Gedanken rasen wie wild herum, nicht fassend was sie soeben vernommen haben. Mein Herz indes jubelt laut, meine Haut steht in Flammen, heiß und kalt ist’s mir im selben Moment.
Er hat meine Gedanken, meine Ängste und meine Gefühle richtig gedeutet. Seine Worte geben mir Hoffnung auf mehr, denn seine Stimme ist nun warm und weich, die Härte aus seinem Gesicht ist verschwunden. Selbst das Blau in seinen Augen strahlt eine herzliche Wärme aus, der ich nun nicht mehr widerstehen kann.
„Ihr seid mir nicht zuwider, doch ich bin für euch unzulänglich, ich bin nicht das, was Ihr verdient, und deshalb gehe ich.“ Tränen bahnen sich ihren Weg, doch er nimmt mich wortlos in seine Arme und trocknet sie vorsichtig mit einem weichen Tuch.
„Ihr seid nicht unzulänglich, wie nur könnt Ihr dies sagen? Ihr seid mehr, als ich zu hoffen wagte, Ihr seid das fehlende Stück meines Ichs, Ihr füllt mein Herz mit Eurer Anmut, mit Eurer Liebe und Eurem Verständnis. Deshalb kann ich euch nicht gehen lassen, niemals…“
Er spricht Worte aus, die auch die meinigen sein könnten. „Wollt Ihr nun noch immer gehen?“ Fragend ruht sein Blick auf mir. „Nein, ich werde bleiben.“ In Gedanken fügte ich hinzu: ‚Und ich hoffe, dies nie zu bereuen.“
Seine Lippen senken sich zu mir herab, werden von meinen eigenen freudig begrüßt. Die Gedanken an meine Unzulänglichkeit sind getilgt, jetzt, hier, in diesen Augenblicken, doch ein paar winzig kleine Zweifel waren geblieben, ließen sich nicht verdrängen, auch nicht in der folgenden Nacht, in der wir das Lager teilten…
Als er dann ermattet neben mir lag und schlief, tauchten sie wieder auf, waren mit einem Mal da, ließen sich nicht wieder in die unzähligen Winkel und Ecken verbannen. Er sah in mir ein reines und vollkommenes Geschöpf, er sah in mir eine Frau, die er zur seinigen gemacht hat. Er vertraut mir und erwartet selbiges von mir.
Doch das alles war ich nicht und ich konnte ihm das nicht geben, niemals, so sehr ich dies auch wollte…
**
Rund und voll stand der Mond am Himmel und schickte sein helles Licht hinab nach Arda. Friedlich lag die Welt zu seinen Füßen. Sein Augenmerk jedoch lag heute Nacht auf dem goldenen Wald. Er sah wie eine junge Maid sich einem der Galadhrim hingab, mit aller Leidenschaft zu der sie fähig war.
Doch sie war nicht das, was sie vorgab zu sein. Er hatte Mitleid mit ihr, denn ihr Los war nicht einfach und ihr aufgebürdet worden, vor ewig langer Zeit, durch die schwarze Magie von Angmar.
Als sie den Wald heimlich verließ, zog er eine große Wolke herbei und verbarg die Maid in ihrem Schatten. Nach einer Weile stieß er sie wieder weg und so sah er noch, wie ein weißer, großer Wolf mit Tränen in den Augen zurück sah und dann anschließend über die weite flache Ebene davon lief.
Haldir, der seine Gefährtin im Wald suchte, fand am frühen morgen nur noch die taufeuchten Kleider seiner Geliebten. Lautlos formten seine Lippen das Wort: „WARUM?“ Doch eine Antwort bekam er nicht…
The End

