Die letzte FF
Wie fühlt man sich, wenn man seine allerletzte FF geschrieben hat? Wenn man wirklich fertig geworden ist und all seine Gedanken aufs Papier gebannt hat? Ist es wirklich das Ende, was als nächstes kommt? Kann es überhaupt ein Ende geben, wo schreiben doch eine Sucht ist? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht… …
Kapitel 1
„Kommst du bald Schatz?“ Das war mein Mann, der da aus dem Schlafzimmer rief, doch was tat ich? Ich rief ihm nur zu: „Ja, bin gleich fertig, dauert nicht mehr lange.“ Ein brummeln war die Antwort, doch wie immer, wenn ich vor meinem kleinen Laptop saß, vergaß ich die Zeit, war völlig eingetaucht in die Zeit, die ich in meiner Fantasie erschaffen hatte und die ich dann niederschrieb.
Es war eine Zeit voller Abenteuer und Helden, von Bösewichten und grausigem Getier, von Menschen und Elben, von weiten Ebenen und hohen Wäldern, eine Zeit der Könige und deren Getreuen, in der Freundschaft und Liebe über alles ging. Mein Mann akzeptierte mein Hobby und als ich ihm eines Tages mal von meiner aberwitzigen Wette erzählte, schüttelte er nur den Kopf, denn es galt 40 FFs zu schreiben…
‚Also, was willst du alles von mir wissen, was du dann in deine Geschichten schreiben kannst?’ Er setzte sich damals mir gegenüber, ich hatte Stift und Block vor mir liegen und dann erzählter er mir Dinge aus seiner Vergangenheit, einige Dinge, die er sich wünschte und einige Sachen, die nie publik geworden waren, in all der Zeit.
Bei manchen Geschichten bekam ich selbst noch rote Ohren, ich konnte teilweise nicht fassen, was ich da zu hören bekam, denn so hatte ich meinen Mann noch nie erlebt. Ich stellte fest, das ich nur ein Bruchteil von ihm kannte, zugegebenermaßen nur einen ganz kleinen Bruchteil.
Doch in meiner Zeit des Schreibens kamen wir uns dann näher, ich lernte ihn noch besser kennen, bis ich glaubte alles von ihm zu wissen, doch wie sollte es anders sein, ich irrte mich auch dieses Mal. Er erzählte mir von seinem besten Freund, wie er mal in Versuchung gekommen war, ihn zu küssen, weil die Neugier ihn dazu trieb mal etwas ganz anderes zu probieren, doch das war noch vor meiner Zeit.
Damals tauchten auch die ersten Gerüchte auf, das er schwul sei, welche ich heute und hier entkräften kann, denn dem ist bei weitem nicht so. Und doch lernte ich an ihm eine ganz neue, eine ganz andere Seite kennen, eine Seite, die mich wiederum neugierig machte, mich aber auch schon mal ängstigen ließ.
Dann gab es da noch so manche andere Story, die mein Herzchen in ungeahnte Höhen schnellen ließ. Er sprach von Verfolgungswahn, wie es Mark so schön sagte, von einer Anzeige, die er mal aufgegeben hatte, um eine Partnerin zu finden, und von noch einigen Zwischenfällen, von denen einige auch in seinem Bett gelandet waren.
Auch über seine diversen Abenteuer bei den Conventions schwieg er sich nicht aus, er erzählte es zwar nicht bis in jedes kleinste Detail, doch ich konnte von mir aus dann eins und eins zusammenzählen. Doch wie gesagt, das war alles lange vor meiner Zeit. Ich weiß nicht, wie viele Stunden, Tage, Wochen und Monate ich hier am Tisch gesessen hatte, wie ich Worte suchte, wie ich fluchte, wenn sie mir nicht einfielen, oder ich ganze Kapitel gelöscht hatte, die in meinen Augen nicht gut genug waren, um all seine Gedanken und Gefühle wiederzugeben.
Viele der FFs fielen unter die NC-17 Kategorie und es machte mir einen Heidenspaß, ihn damit zu gängeln um wirklich alles zu erfahren. Es war mir nicht genug, es nur aus der Perspektive einer Frau heraus zu schreiben, ich wollte, das auch er sich darin wiederfand.
Dann galt es noch, Betas zu finden denen ich vertrauen konnte, und die um meine Situation wussten. Es gab nicht viele, doch die, die ich mir ausgesucht hatte, genießen auch heute noch mein vollstes Vertrauen. Bei der Auswahl galt es darauf zu achten, das sie bestimmte Dinge nicht weitererzählten, denn ich wollte nicht, das sich dann mein Gesagtes oder Geschriebenes am nächsten Morgen in der Zeitung fand.
Aber auch hier hatte ich während all der Zeit Glück, nichts drang nach außen. Die Zahl 40 rückte immer näher und dann, eines Tages, war es soweit. 39 FFs waren betagelesen worden und standen online, es galt nun noch eine zu schreiben, eine einzige letzte FF…
So setzte ich mich eines schönen Morgen in unseren Garten und fing an, die ersten Zeilen einzutippen. Es war wie immer, einmal angefangen, schossen mir die Worte nur so heraus. Es blieb kaum Zeit, einmal innezuhalten, mehrmals vergaß ich sogar das Essen darüber.
Manchmal erwischte ich mich auch dabei, wie ich ganze Nächte durchschrieb und wenn mein Mann dann des Morgens aufwachte und mich fragte: „Sag mal, schreibst du etwa schon wieder?“, konnte ich nur antworten: „Schon wieder? Du wolltest sagen immer noch!“ Dann schrieb ich weiter und er ging kopfschüttelnd ins Bad.
Wenn ich dann mal bei einer Freundin zu Besuch war, saß er vor meinem Geschriebenen und las es sich durch. Nicht das ich den FF-Ordner habe sperren lassen müssen, doch hin und wieder kam es schon mal vor, das wir das, was ich mir in meinen NC-17 Kaps vorgestellt hatte, auch in die Realität umsetzten. Oder aber er hinterließ mir zu der betreffenden FF ein paar Zeilen, wo er mich noch auf dies oder das hinwies.
Alles in allem war es wirklich eine schöne Zeit, meine Fantasie wurde wie nie zuvor angeregt. Wenn er mal nicht in Reichweite war, dann tat es auch ein Bild von ihm, oder von meiner Lieblingsfigur Haldir, die er allerdings als ernstzunehmende Konkurrenz betrachtete.
Einmal kam es sogar vor, das ich ihm am Telefon etwas vorgespielt hatte, wegen Haldir und seinem Talan und was man nicht alles auf seiner Bettstatt so anstellen konnte. Er setzte sich sofort ins Auto, kam im Eiltempo nach Hause und überraschte mich mit seinem absolut anbetungswürdigen Haldir-Kostüm. Dann zeigte er mir, was man alles zu Hause auf dem Bett anstellen konnte…
Ich wusste bald nicht mehr, wenn ich lieben sollte, war es mein Mann, oder war es der gutaussehende silberblonde Elb, der in Lothlorién wohnte und hoch oben in den Mallornbäumen seinen Dienst schob? War es der lustige Kerl, mit dem ich Bett und Tisch teilte oder war es der immer zurückhaltende tapfere und gefühlskalte Elbenhauptmann? Manchmal konnte ich mich wirklich nicht entscheiden…
Und so verging die Zeit. Ich schrieb und schieb und konnte irgendwann nicht mehr aufhören mit Schreiben, es war wie eine Sucht, von der ich nicht geglaubt hatte, das es sie gab. Fairerweise muss ich dazu sagen, das mich die Webmiss dieser Site auf die Gefahr hingewiesen hatte, doch ich habe es in aller Selbstüberschätzung abgelehnt, daran zu glauben. Heute gebe ich ihr recht und ich danke ihr aufrichtig für all ihre Hilfe und Unterstützung.
Auch habe ich einst mal gesagt, das ich nach 40 FFs aufhören würde zu pinseln, doch jetzt, wo ich diese letzte Worte schreibe, bin ich davon schon nicht mehr so recht überzeugt. Außerdem muss ich ja noch 3 FFs beenden, was sicherlich noch einige Zeit brauchen wird. Ehrlich gesagt, habe ich mir dieses Hintertürchen offengelassen, denn so ganz von heute auf morgen aufzuhören, wird mir bestimmt mehr als schwerfallen. Also kann ich dann langsam Abschied nehmen und irgendwann mein Schreibgerät wieder in die Tasche packen, wo es das vergangene Jahr nicht gewesen war.
Tja, was soll ich noch sagen… Es gibt so viele schöne Geschichten über unsere Lieblinge im Web, da wird es nicht auffallen, wenn es eine Verfasserin weniger gibt. Trotzdem möchte ich hier und jetzt gleich die Gelegenheit nutzen, meinen treuen Lesern zu danken. Nicht nur weil sie alle so fleißig meine Ergüsse gelesen haben, nein, weil auch viele ihre Meinung kundgetan hatten, mir Reviews und Mails geschickt hatten, mich angerufen und mir auch viele SMS geschickt hatten.
Viele waren des Lobes, einige waren voll mit Kritiken, andere wiederum gaben mir Tipps und Hinweise. All das hat mir in der Zeit des Schreibens sehr viel geholfen und dann gab es da noch viele liebe Leute die mich ab und zu auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt haben, nämlich immer dann, wenn ich mich in etwas zu sehr verrannt hatte, oder wenn ich die Gratwanderung mal wieder nicht hinbekam.
Auch munterten sie mich auf, wenn ich am Boden zerstört war, ich einfach keinen Bock mehr hatte, weil ich es nicht allen recht machen konnte. Es gab auch Zeiten, da mussten sie mich bremsen, weil mir wieder Tausende von Gedanken gleichzeitig im Hirn herumspukten und ich parallel an bis zu 6 FFs gleichzeitig schrieb…
Ja, das war wirklich eine ganz tolle Zeit mit euch gewesen und ich bin mehr als dankbar dafür. Sicherlich werden wir uns irgendwann mal wieder über den Weg laufen und wer weiß, bis dahin weiß ich vielleicht wieder etwas aus dem Leben meines Mannes, was es lohnt, in eine FF zu schreiben. Gebt einfach die Hoffnung nicht auf…
**
„Kommst du nun?“ Ich verdrehe die Augen, atme tief durch und beende das Programm meines Notebocks. Dann schließe ich es mit einem wehmütigen Seufzer. Ich lösche das Licht im Arbeitszimmer und gehe in Schlafzimmer hinüber. „Na, hast du es endlich geschafft?“ Fragend sieht er mich an, während ich mich auf meine Betthälfte setze und die Decke zurückschlage um darunter zu kriechen.
Sofort empfängt mich seine Wärme und ich rücke näher zu ihm hin. Liebevoll nimmt er mich in den Arm und ich sage leise: „Ja Craig, ich bin fertig, ich habe es tatsächlich geschafft.“ Ein sanfter Kuss ist die Belohnung und Craig flüstert: „Ich habe nie daran meine Zweifel gehabt.“ Dann löscht er das kleine Licht, doch ans schlafen denken wir beide noch lange nicht…
Mitten in der Nacht schleiche ich dann leise ins Arbeitszimmer zurück. Schon seit ein paar Stunden geistert da etwas durch mein Hirn, was aber erst mal nicht fassbar war. Dann nimmt es an Intensität zu. Ich setze mich in den bequemen Sessel am Schreibtisch, nehme mir Papier und ein Stift zu Hand und schreibe die ersten Worte…
The End

