Ein Teil meines Lebens
Haldir wird ans Sterbebett einer Menschenfrau gerufen. Was soll er dort und was wird die Frau ihm in den letzten Minuten ihres Lebens noch offenbaren?

Kapitel 01 – der Bote
„Hauptmann Haldir? Lord Celeborn schickt mich, Ihr sollt sofort zu ihm kommen.” Nachdenklich sah ich den jungen Elben an und nickte. Ich gab einem der Gruppenführer seine letzten Anweisungen und folgte dann dem Boten.

Mit eiligen Schritten ging ich die vielen Stufen zum Palast hoch oben in einem der mächtigen Mallornbäumen hinauf und wurde von deren Wache sofort eingelassen. Ich verbeugte mich vor meinem Herrn und wartete darauf, was er mir zu sagen hatte.

Er sah mich an und sagte mit leiser Stimme: „Haldir, heute haben unsere Grenzwachen einen Mann in Gewahrsam genommen. Er stand am Waldrand und rief Euren Namen. Euer Bruder Orophin hat sich seiner angenommen und ihn befragt, was er von Euch wolle, doch der Mensch bestand darauf, nur mit Euch zu reden.”

Ein Mensch? Was wollte er von mir? Warum ausgerechnet ich? Celeborn gab den Wachen einen Wink, und eine andere Türe öffnete sich. Orophin schob einen Mann vor sich her, dem die Augen verbunden waren und stellte ihn mir gegenüber. Doch wer war das? Kannte ich ihn?

Er trug eine abgewetzte, braune Lederhose und einen passenden Wams dazu. Seine Stiefel waren abgetragen und staubig, und sein helles Hemd hatte an einigen Stellen dunkle Flecken. Sein schwarzes Haar lag ihm schwer auf den Schultern und war sicherlich schon einige Tage nicht mehr gewaschen worden.

Jedoch roch er nicht wie einer der Menschen, die sich ab und an hier in den Wald verirrten. Nein, er war sogar rasiert. Orophin nahm ihm die dunkle Augenbinde ab, und der Mann blinzelte ins Licht. Dann sah er mich an, und seine dunklen Augen wurden groß…

Nun erkannte ich, wen ich hier vor mir hatte. „Eowain? Was macht Ihr denn hier? Ist etwas geschehen?“ Der angesprochene nickte langsam, und in seinen Augen stand purer Hass. „Ja, ich bin es, Haldir. Lange haben wir uns nicht gesehen. Doch für dich war es sicherlich nur ein Augenblick, du lebst ja ewig.“

Seine Worte waren voller Zorn gesprochen, und seine Augen glänzten dabei. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt, und voller Verachtung sah er mich an. „Eowain, was habe ich dir getan, dass du von Zorn und Verachtung erfüllt bist?“ Ich dachte nach. Nein, da war wirklich nichts, was ich mir zu Schulden kommen lassen hatte.

„Nicht mir hast du etwas getan, nein. Du hast meiner Schwester etwas angetan!! Du hast ihr einst das Herz gestohlen, und nun liegt sie im Sterben. Sie trug mir auf, dich zu suchen. Ein letztes Mal will sie dich sehen, ehe sie uns für immer verlässt.“

Nein, das konnte doch nicht sein? Erenwen lag im sterben? Warum nur lebten die Menschen so kurz, warum war ihnen nicht mehr Zeit vergönnt? Ich sah zu meinem Lord, und er beantwortete meine stumme Frage sofort. „Geht Haldir, aber reist nicht allein.“

Kapitel 02 – Das Wiedersehen
Ich wandte mich zum Gehen, und Eowain folgte mir. Legolas, der schon einige Sonnenläufe in unserem Reich weilte, erwartete uns am Fuße der Treppe und sah uns fragend an. Orophin führte den Bruder Erenwens zu den Ställen, und ich schlug den Weg zu meinem Talan ein, um noch einige Sachen für die bevorstehende Reise zu holen. Unterwegs erzählte ich Legolas, was er wissen wollte, und sofort willigte er ein, mich zu begleiten.

Auch mein Bruder war schon reisefertig, wie ich an seinem Pferd sehen konnte. Alagos wurde gerade aus dem Stall geführt, und dankbar nickte ich dem jüngeren Elb zu. Legolas’ Stute begrüßte meinen Hengst erfreut, und zu viert machten wir uns auf nach Lyrienden, einem kleinen Dorf nahe den Schwertelfeldern.

Unser Ritt war von Schweigen geprägt, und kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir das kleine Dorf. Die Menschen hielten inne in ihrem Tun, als sie unserer gewahr wurden. Sie starrten uns mit unverhohlener Neugierde an, und als wir sie passiert hatten, fingen sie an, leise zu reden.

Wir ließen das Dorf hinter uns und kamen an den Lauf der Schwertel, welche nach einigen Meilen in den Anduin mündete. Wir folgten ihr ein Stück, und vor uns sahen wir ein kleines Häuschen. Solch ein Haus bewohnten hier in der Gegend nur die Menschen. Es war aus Lehm und Holz gebaut und hatte nur kleine Fenster, die wenig Licht in das Innere ließen. Das Dach war mit Stroh gedeckt, wie auch der Unterstand für die Pferde. Wir stiegen ab, und Legolas nahm mein Pferd mit sich, während Orophin sich um die anderen kümmerte.

Ich folgte Eowain und trat über die niedrige Schwelle des Hauses. Dunkelheit umfing mich, und ich brauchte einen Lidschlag, um zu erkennen, wo ich mich gerade befand. In dem niedrigen Raum stand ein Schrank, und unter dem Fenster standen ein Tisch mit zwei Stühlen und daneben ein Bett.

Auf einem der Stühle saß eine junge Frau in einem hellen Kleid und mit langem, blondem Haar. Sie weinte und hielt in ihrer Hand die Hand einer anderen… meiner Erenwen. Langsam ging ich zu ihr hin und blieb vor dem Bett stehen. Beide Frauen sahen mich an, und Erenwen bat leise: „Lass uns bitte allein. Ich habe noch einiges mit Haldir zu bereden.“

Die junge Frau verließ uns mit leisen Schritten und schloss die Tür hinter sich. „Komm her zu mir, Haldir. Setzt dich doch. Was ich dir zu sagen habe, bedarf ein wenig deiner Zeit.“
Ich setzte mich auf den Rand ihres Bettes und sah sie musternd an.

Ich sah Alter und Schmerz, Sorgen und Last. Meine Erenwen war alt geworden. Jenes Leiden hatte sie erfasst, welches uns Elben nie heimsuchte, welches wir nicht kannten, weil wir mit Unsterblichkeit gesegnet worden waren.

Ich nahm ihre Hand in meine. Warme, braune Augen beobachteten mein Tun, und meine Gedanken glitten an jenen Tag zurück, als ich sie das erste Mal gesehen hatte. Heute wusste ich, dass mein Verhalten von damals nicht Rechtens gewesen war, auch wenn es nur eine einzige Nacht gedauert hatte.

Damals hatte sie noch schwarzes Haar gehabt, und ihre helle Haut war makellos gewesen. Jetzt jedoch sah ich graues, fast weißes Haar und ihre Haut war von Falten durchzogen. Ich fragte mich, ob es wehtat, zu altern und wie es war, dem Tod zu begegnen. Ich hingegen sah noch immer so aus wie zu jener Zeit.

„Haldir, ich werde sterben, und ich wollte dich noch ein einziges Mal sehen, bevor ich meine Augen für immer schließe. Ich habe die Nacht, die ich damals mit dir erleben durfte, nie vergessen können. Ich hatte immer jemanden um mich, der mich daran erinnerte, der mich an dich erinnerte.“

Erenwen sah mich an, und ein Lächeln umspielte ihre farblosen Lippen. Was meinte sie nur damit, dass es jemanden gab, an den ich sie erinnerte? Hatte uns damals jemand gesehen? „Erenwen, sag mir, was du damit meinst. Ich kann deinen Gedanken nicht folgen.“ Ich sah sie bittend an, und sie lächelte wieder.

Kapitel 03
„Du hast doch Eámane gesehen. Ist dir denn gar nichts aufgefallen?“ Sie sah mich fragend und auch ein wenig amüsiert an, und ich versuchte mir das Bild der jungen Frau ins Gedächtnis zu rufen. „Haldir, damals in jener Nacht… nun wie soll ich es dir sagen… Eámane ist deine Tochter!“ Ich erstarrte in meinen Bewegungen! Nein, das konnte doch nicht sein! Sie konnte nicht meine Tochter sein, das hätte ich doch niemals zugelassen! Meine Gedanken begannen wild in meinem Kopf zu kreisen, und schon bald spürte ich einen unangenehmen Druck hinter meinen Schläfen.

„Sie hat dein Haar, deine blauen Augen und kann genauso schnell einen Pfeil auf die Bogensehne legen wie du. Und… sie hat deine spitzen Ohren…“ Es war also wahr, und doch wünschte ich, dass es nicht so war. Ich hatte eine fast erwachsene Tochter, und sie war eine Halbelbin…
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und hielt einfach nur Erenwens Hand. „Bitte Haldir, kümmere dich um sie. Du hast ja meinen Bruder Eowain erlebt, nie würde er es zulassen, dass sie weiter unter diesem Dache weilt.“ Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und entgegnete leise: „Erenwen, ich kann sie nicht mitnehmen. Ich kann sie doch nicht ihrem Ziehvater entreißen. Was sagt er denn zu deinen Überlegungen?“ Erenwen keuchte auf und fing an zu husten. Ich schob ihr den Arm unter den Rücken und hob sie ein Stück nach oben, um ihr einen Becher mit Wasser an die Lippen zu setzten. Nach zwei kleinen Schlucken ließ ich sie wieder zurück ins Kissen gleiten.

„Haldir, es gibt keinen anderen Vater für sie. Ich habe nie geheiratet. Nur du warst in meinem Herzen, und dieses wollte ich an keinen anderen verschenken, denn es wäre Verrat gewesen, Verrat an meiner Liebe zu dir…“ Nur leise vernahm ich ihre Worte, die Wort für Wort in meinen Kopf sickerten. Warum nur hatte sie sich das angetan? Warum hatte sie mich das nicht schon früher wissen lassen?
Doch über meine Lippen kam kein Vorwurf. Nein, das hatte sie nicht verdient. Sie stand an der Schwelle des Todes, und ich war ihr unendlich dankbar, dass sie sich mir anvertraut hatte. Ich sah sie wieder an und erschrak. Der Hauch des Todes lag über ihr, und nur mühsam verstand ich ihre letzten Worte:

„Haldir, bitte nimm dich ihrer an! Nimm sie mit dir in den goldenen Wald und lehre sie, eine Elbin zu sein. Nimm ihr den Schmerz, den ich ihr jetzt bereiten werde und tröste sie in den schmerzlichen Stunden, die folgen werden. Sei einfach für sie da, sei einfach ein guter Vater für sie. Haldir, versprich es mir, gib mir darauf dein Wort.“

Kapitel 04
Meine Augen suchten die Ihren, und leise kam es aus meinem Mund: „Ich verspreche es, du hast mein Wort.“ Erleichtert atmete sie aus und umfasst meine Hand. „Danke Haldir… sag ihr, dass ich sie von Herzen liebe.“ Der Griff ihrer Hand wurde kraftloser, die Haut merklich kühler. „Ich sage es ihr, Erenwen.“ Mehr bekam ich einfach nicht heraus. „Haldir? Ich liebe Dich.“ Ich erschrak bei diesen Worten, die nur noch so leise wie ein seichter Hauch des Windes waren. Ich suchte ihre Augen, doch sie blickten mich gebrochen und ohne jegliche Kraft an. Sie war gegangen… ins weite Land ihrer Ahnen, wo sie jetzt gnädig aufgenommen wurde. Ihre Hand lag nun kraftlos in meiner, und ich legte sie neben ihr ab.

Meine Hand glitt über ihre Augen und schloss diese. Selbst im Tod hatte sie noch gelächelt, und ihre Wangen hatten einen leichten, rosigen Ton angenommen. Sie sah so friedlich aus, als würde sie schlafen, doch es war ein Schlaf ohne Erwachen.

Mein Herz trauerte, und ich erhob mich von ihrem Lager. Ich ging die zwei Schritte bis zum Fenster und sah hinaus. Eámane unterhielt sich mit Legolas, und beide verhielten sich so, als wenn sie sich schon ewig kannten.

Ich ging wieder zu Erenwens Lager, sprach ein kurzes Gebet, faltete ihre Hände und zog ihr die leichte Decke über den Kopf. Ich blieb noch eine Weile dort stehen und versuchte meine Gedanken zu ordnen.

Ein wenig später ging ich hinaus, von Eowain war nichts zu sehen, doch Eámane starrte mich an. Ich senkte den Blick, und sie fing wieder an zu weinen. Legolas zog sie an sich und bettete ihren Kopf an seiner Schulter.

Ich ging ein paar Schritte. Ich wollte allein sein und nachdenken. Ich hörte, wie meine Tochter ins Haus zurückkehrte und dort ihren Schmerz hinausweinte… am Bett ihrer Mutter.

Der Tag neigte sich dem Ende zu, und noch ehe der Mond am Himmel stand, lag Erenwens toter Körper auf einem großen Stoß trockenen Holzes, den Orophin und Legolas aufgeschichtet hatten. Ich entzündete eine Fackel und gab sie an Eámane weiter. Sie nahm sie an sich und sprach ein leises Gebet, dann entzündete sie das trockene Holz…

Eowain sah ich nicht wieder, doch dies berührte mich nicht. Als der neue Tag graute, stand ich noch immer vor dem Haufen glimmender Asche. Es war vorbei, sie kam nie wieder, und doch war von nun an ein Teil immer bei mir: Eámane, unsere Tochter…

Eine Hand strich mir zaghaft über den Rücken, und ich schloss die Augen. „Vater? Können wir aufbrechen?“ Ich sah sie an, sah in ihre blauen Augen, die die Farbe des Himmels hatten und sagte leise: „Ja, meine Tochter, reiten wir nach Hause. Dein neues Zuhause, in den goldenen Wald.“ Wir gingen zu den Pferden und saßen auf. Dabei entgingen mir nicht die Blicke, die sich Eámane und Legolas zuwarfen. Orophin sah mich an und gemeinsam ritten wir los, während die anderen zwei uns mit einigem Abstand folgten.

Es würde ein neuer Lebensabschnitt für uns beide beginnen, und ich freute mich auf unsere gemeinsame Zukunft, in der Legolas, wie es schon jetzt aussah, auch einen festen Platz zu haben schien.

The End

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