Der Schritt über die Schwelle des Todes
Galadriel kam mir entgegen, reichte mir ihre Hand und ich fasste zu. In jenem Moment fühlte ich mich frei und eigentümlich leicht, es war so, als ob ich nie das Gebrechen des Alters hatte erfahren müssen… …
Kapitel 01
Ein sonniger und strahlender Septembermorgen begrüßte mich, als ich den Festerladen meines kleinen Zimmers zurückschlug. Ich hielt mich an der Fensterbank fest und atmete die saubere Luft ein. Ich wusste nicht, wie viele ich noch davon erleben würde, deshalb tat ich immer so, als wäre er mein letzter.
„Mister Parker, sie sollen das doch nicht machen, dafür bin ich doch da, und eine Jacke haben Sie sich auch nicht übergezogen, und das in ihrem Alter. Sie wissen doch, das sie sehr anfällig sind, warum fordern sie es dann jeden Tag aufs neue heraus?“
Ich seufzte auf, das war Johnson, meine Pflegekraft und ein ewig nervender Mensch. Schon als meine Frau noch lebte, war er zu uns gekommen und half uns, wo immer er gebraucht wurde. Doch vor zwei Jahren war sie dann von mir gegangen, hatte mich zurückgelassen, in dieser kalten und unwirklichen Welt. Ganz sanft war sie über Nacht entschlafen, doch am nächsten Morgen wurde sie mir weggenommen, mir brutal entrissen.
Weiß gekleidete Männer kamen damals in unser Haus, schlugen sie in einen scharlachroten Plastiksack ein und nahmen sie ohne Worte des Abschieds einfach mit. Wie gern hätte ich noch ein wenig bei ihr gesessen, wie gern hätte ich mich noch von ihr verabschiedet, wie gern hätte ich ihr ein letztes Mal gesagt: ‚Ich liebe dich’.
Doch all das blieb mir verwehrt, meine Wünsche wurden nicht respektiert. Ich wollte ein kleines stilles Begräbnis, doch dem wurde nicht entsprochen, denn auf dem einzigsten Friedhof meines Landes war kein Platz für sie, denn sie war keine hochgestellte oder berühmte Persönlichkeit, also blieb für sie nur die Städtische Müllverbrennungsanlage übrig, ein Los, welches sie mit Tausenden anderen teilte…
Wir schreiben das Jahr 2035…
**
Am Frühstückstisch erwartete mich wie immer gähnende Leere. Johnson verzichtete darauf, mit mir den Tag zu beginnen, in all den Jahren habe ich es aber auch nicht bedauert, denn den ganzen restlichen Tag war er um mich herum, was mir manchmal ehrlich gesagt, überhaupt nicht recht war. Er behandelte mich wie einen Greis, der zu nichts mehr selbständig in der Lage war.
Nun ja, ich wurde in ein paar Wochen zwar 65 Jahre, doch das hatte ja noch lange nichts zu bedeuten. Noch immer lief ich jeden Tag 2 Meilen auf dem Band. Ich fühlte mich fit, brauchte keinen Stock zum gehen, oder gar solch einen verhassten Rollstuhl. Bis auf ein paar kleinere Gebrechen hier und da ging es mir wirklich blendend…
„Sie haben heute Post, ich leg Sie ihnen in Ihr Arbeitszimmer. Auf dem Terminplan steht für heute ein Besuch bei ihrem Freund Mark, wollen sie diesen Termin wahrnehmen?“ Ahh… Das würde ein vergnüglicher Nachmittag werden. „Ja, ich werde gehen.“ Johnson sah mich an. „Gut, dann werde ich den Wagen bereithalten.“ Ich nickte kurz und bündig, dann erhob ich mich, legte die Serviette auf den Tisch und ging leicht gebeugt in mein Arbeitszimmer.
Hinter mir schloss ich geräuschvoll die Tür, Johnson sollte wissen, das er mich nun nicht stören sollte. Dieser Mensch ging mir gehörig auf die Nerven mit seinem vornehmen Getue. Er war so um die 40, genau wusste ich das allerdings nicht, sein dunkles schwarzes Haar lag immer am Kopf an, so als währe es festgeklebt.
Er hatte eine hohe Stirn, pechschwarze Augen und eine Nase, die man wohl als Adlerschnabel bezeichnen konnte. Er war groß von Statur und sehr schlank. Jeden Tag trug er einen schwarzen Anzug mit einem weißen Hemd dazu. Ich kam mir an manchen Tagen vor, als würde er zu einem Begräbnis gehen.
Ich sah mich um und die Erinnerung holte mich wie immer ein. Hier warmein Reich, hier fühlte ich mich wohl, hier hing und stand alles, was mich an bessere Tage erinnerte, an Tage, die nicht so einsam und eintönig waren wie diese hier. Zu meiner linken waren lange Regale an den Wänden angebracht wurden. Hier standen meine Drehbuchtexte von der Zeit, als ich noch Schauspieler war.
Die damals so erfolgreiche Serie ‚Xena’ nahm dabei viel Platz ein, dann folgten mehrere Filme und diverse Serien. Ganz hinten dann lagen die Texte von ‚Herr der Ringe’. Andächtig ließ ich die Hand über die schmalen Rücken der Bücher streifen, mein Gott, das war Jahre her und trotzdem kam es mir vor, es währe erst gestern gewesen. Wenn ich die Augen schloss, so kamen die Bilder, Bilder, die ich nie vergessen werde. Sie waren sehr wertvoll und kostbar für mich, denn es war ein Teil meines Lebens.
Zu meiner rechten befand sich die große gläserne Vitrine. Auf der einen Seite lagen einzelne Stücke, wie ein Dolch, eine kleine Armbrust, ein Turban, von den verschiedenen Xena Episoden, in denen ich mitgespielt hatte. Auf der anderen Seite jedoch, hang das kostbarste was ich besaß…
Ich öffnete die Türe und berührte den feinen roten Stoff, dem auch die letzten Jahre nichts anhaben konnte. Noch immer fühlte er sich so an, wie ich es im Gedächtnis hatte. Meine Finger fuhren weiter, zu der goldenen Halbmondspange hin, dann über sie hinweg hinab zum ebenfalls goldenen Brustpanzer. Wieder schloss ich die Augen und die Bilder vom damaligen Dreh waren im Nu da. Ich sah die wilde Schlacht gegen die Uruk-hais, welche ich auf den Zinnen von Helms Klamm miterlebte.
Wie verbissen kämpfte ich gegen sie an, doch sie wurden immer mehr. Und dann musste ich laut Drehbuch sterben und das Abenteuer war für mich beendet. Ich sah meine Rüstung von damals wieder an. Auch alle anderen Bekleidungsstücke waren noch vorhanden, ebenso wie die silberblonde lange Perücke. Ich vermisste diese Zeit und meine Freunde, die ich dort kennengelernt hatte. Ich war gern ein Elb gewesen, schade, das ich es nicht wirklich sein konnte, denn ich hatte mich damals mit der Rolle des Haldirs identifiziert, ich wünschte mir schon damals er zu sein. Ich seufzte auf, ja, das waren noch Zeiten gewesen…
Ich schloss den gläsernen Schrank wieder und ging zum Schreibtisch hinüber. Ich setzte mich auf den hohen schweren Drehsessel und sah mich ein letztes Mal um. Außer den besagten Sachen, hatte ich noch Tausende von Fotos an den Wänden hängen, und auf jedes einzelne von ihnen war ich stolz. Sogar auf Henley, der mich Kaugummikauend von einem ansah.
Meine Finger ertasteten ein paar Umschläge und sofort war ich wieder voll da. Ich setzte die Lesebrille auf und öffnete den ersten von ihnen. Es war ein Angebot einer großen Versicherungsfirma bezüglich einer Lebensversicherung, ich lachte auf, na die kamen ein paar Jahre zu spät. Der nächste Brief war im Vereinigten Europa abgestempelt worden, eiligst riss ich ihn auf. Meine langjährige Freundin Jeanette, die ursprünglich aus Deutschland kam, hatte mir mal wieder ein paar Zeilen geschrieben. Hintendran war ein anderes Schriftstück geheftet, es war von ihrer Tochter und die schieb mir, das sie diesen Brief bei den Schreibsachen ihrer Mutter gefunden hatte, als sie deren Nachlass bereinigt hätte. Jeanette war also auch gestorben und zwar schon letzten Monat…
Ich trauerte aufrichtig um sie, denn sie war es einst gewesen, die mich über viele Jahre hin begleitet hatte, damals, als der Film ‚Herr der Ringe’ ins Kino kam und etliche Conventions in der ganzen Welt stattfanden. Sie war es gewesen, die mich immer wieder auf den Boden zurückholte, sie war es aber auch gewesen, die mir gezeigt hatte, das es auch ein Leben noch dem Film gab.
Ich legte den Brief zur Seite und nahm den letzten auf. Ich staunte, was wollte denn meine ehemalige Managerein von mir? Neugierig zog ich das eng beschriebene Blatt heraus.
„Lieber Craig,
ich hoffe es geht dir soweit gesundheitlich gut. Du wirst dich jetzt bestimmt fragen, warum ich mich nach all der Zeit bei dir melde, ganz einfach, wir haben unseren Vertrag nie gelöst, also bin ich noch immer deine Managerin, so komisch das auch klingen mag.
Ich habe dir eine Kopie der Einladung der Conventions Enterprises mit beigelegt. Stell dir vor, drüben in Europa ist ‚Herr der Ringe’ der absolute Renner geworden, alle wollen den Film sehen, und es wird eine Con veranstaltet werden, ganz so, wie in der guten alten Zeit.
Ich weiß schon jetzt, alter Freund, das du dir dieses nicht entgehen lassen wirst, und wünsche dir schon jetzt eine angenehme Reise. Berichte mir dann, wie es gewesen war und denk ein wenig an mich.
Deine Karen
PS Auch dein Haldir-Kostüm wird dich begleiten, sofern du es gestattest. Eine entsprechende Firma wurde schon beauftragt, am 20.diesen Monats wird sie abgeholt werden.
Ich lass die wenigen Zeilen ein zweites und ein drittes Mal, doch sie blieben stehen und so etwas wie Vorfreude machte sich in mir breit. Neben der Einladung fand ich auch noch ein Flugticket, der Hinflug war am 10. Oktober. Ich ließ die Hände sinken, noch immer konnte ich es nicht fassen, doch der Brief in meinen Händen gab mir die Gewissheit, das es so war, das ich wirklich noch einmal zu einer Con geladen war. Das musste ich unbedingt Mark heute nachmittag erzählen…
**
Wie ein Teenager in den besten Jahren fühlte ich mich. Johnson fuhr mich im Wagen zum Flughafen, und begleitete mich dann noch zum Einchecken. Lange war es her, das ich das Flughafengebäude von innen gesehen hatte, doch nun war es soweit. Mein Flieger in Richtung Europa war auch schon da und eine junge nette Stuardess begleitete mich zu meinem Platz.
Ich sah auf die Uhr, verdammt, er würde sich wie immer verspäten. Die Rede war von Mark, der trotz seiner schon fortgeschrittenen Herzkrankheit unbedingt der selben Einladung folgen wollte, wie auch ich es tat. Zehn Minuten vor dem Abflug traf er endlich ein und ließ sich schwer atmend in den Sitz neben mir fallen. Sofort ging sein nächster Handgriff zu der kleinen runden Pillendose hin und nachdem er eine Tablette genommen hatte, ging es ihm schon ein wenig besser.
Mein Freund war alt geworden, ich meinte das jetzt nicht nur vom eigentlichen Alter her, sondern so ganz im allgemeinen. Sein Haar war dünn geworden und war jetzt schon ganz weiß. Seine Gestalt war gebeugt, so als ob er eine schwere Last auf den Schultern tragen würde. Außerdem, so schien es mir, war er geschrumpft und so hatte ich während des Fluges Gelegenheit, über meinen Freund zu witzeln.
Da auch der Fortschritt beim Fliegen nicht untätig gewesen war, so dauerte jetzt der Flug nur noch gut 4 Stunden und das war auch gut so, denn trotz der bequemen Sessel konnte ich nicht mehr auf meinen 4 Buchstaben sitzen. Die Passkontrolle dauerte nur wenige Sekunden, denn traten wir hinaus und standen mitten in Europa, auf einem Flecken Erde, der zu meiner Zeit Deutschland hieß…
Um unser Gepäck wurde sich bereits gekümmert und so hatten Mark und ich nichts weiter zu tun, als uns in das gepanzerte Auto zu setzten, welches man uns geschickt hatte und das der Conventions Enterprises gehörte. Auf direktem Wege ging es zu einem riesigen Hotelkomplex, wo wir schon erwartet wurden. Mark verdrehte die Augen, als er zwei Weißkittel zu sehen bekam, die waren wohl für uns bestimmt, dachte ich nach. Und dem war auch so…
Es war jetzt nachmittags, genaugenommen 17 Uhr. Das Hotel hatte schon alles im voraus bedacht und in einem kleinen Speisesaal war bereits der Tee serviert. Hier trafen wir dann auch die anderen vom damaligen Dreh. Viggo war noch immer eine beeindruckende Persönlichkeit, der jetzt graumeliertes Haar hatte, aber dennoch gut aussah. Orlando war mit seiner Ehefrau gekommen, die noch immer einen leicht rötlichen Schimmer im braun gefärbtem Haar hatte.
Auch er war älter geworden, doch er sah noch immer so gut aus, das er noch immer weibliche Fans hatte, auch wenn diese nicht mehr dem Teeniealter angehörten. Wir setzten uns zu ihnen und begannen eine Unterhaltung, die erst in den späten Abendstunden endete. Conventions Enterprises hatte auch dafür gesorgt, das wir rundum die Uhr betreut wurden, und so brachte mich eine keck aussehende Mittvierzigerin namens Marie auf mein Zimmer und gab mir entsprechend den Anweisungen meines Hausarztes meine Pillen. Dann ging sie und ich war allein…
Die Stadt war mir unbekannt, zu vieles hatte sich geändert, als aus den verschiedenen Staaten das Vereinigte Europa wurde. In dieser Nacht schlief ich nicht so gut, es war wohl das fremde Bett, oder das Zimmer, oder aber auch das ganze Drumherum. Außerdem kam noch die Aufregung dazu, denn morgen begann die Con, die, die mein Leben ändern sollte. Als ich auch so gegen zwei Uhr noch immer nicht schlief, nahm ich eine der Schlafftabletten, die ich in meiner Notfalltasche immer bei mir hatte. Schon eine halbe Stunde später war ich eingeschlafen und hatte einen wunderschönen Traum…
Ich war wieder im goldenen Wald, zuerst dachte ich, das ich mich wieder am Drehort befand, doch dem war nicht so, denn ich sah nirgends irgendwelche Kabel, Kameras oder ähnliches. Ich roch den Wald, es war warm und ich trug eine grünbraune Tunika. Ich stand unweit eines kleinen Sees und als ich hinein sah, sah ich mich. Ich war der Elbenhauptmann Haldir. Ich trug wieder jene Perücke, doch diese juckte nicht so wie sonst. Ich zog vorsichtig daran, es tat auf der Kopfhaut weh…
Doch noch etwas ah ich, ich war wieder jung, stand in der Blüte meines Lebens. Ich atmete tief ein. Ja, hier war ich zu Hause, hier fühlte ich mich wieder jung und unbeschwert, hier war ich das, was ich seit dem Dreh schon immer sein wollte, ein Elb. Dies bestätigte mir auch ein Griff zu meinen Ohren hin, sie waren nicht angeklebt, es tat weh, wenn ich in die Spitze kniff.
An meiner Seite hing die lange Elbenklinge, auf meinem geraden Rücken befand sich der Bogen und der Köcher mit den weißbefiederten Pfeilen. Ich hörte Schritte hinter meinem Rücken, leise nur, doch ich vernahm sie ganz deutlich. Ich blieb stehen und sah geradeaus. Ein räuspern neben mir ließ mich umdrehen und ich sah geradewegs in die Augen von Mark, Entschuldigung, von Gil Galad, dem Elbenkönig.
Ich wunderte mich noch mehr, doch mein Gegenüber sprach mit leiser Stimme: „Es ist wahr, Craig, ich bin hier, du bist hier und wie du dir sicherlich schon denken kannst, sind wir nicht allein. Ich bin schon eine Weile hier, wohl deshalb, weil ich gleich die Schlaftablette genommen habe.“ Wir grinsten uns beide an, doch eins wollte mir nicht in den Kopf, warum tauchte Mark in meinem Traum auf, der so real schien?
‚Das kann ich dir beantworten. Schon lange wartet unser Volk auf eure Rückkehr, viele Zeitalter sind vergangen, als ihr von uns gegangen wart. Doch nun ist die Zeit gekommen, da ihr euch entscheiden müsst. Die Valar selbst haben es euch gestattet zu wählen, ob ihr weiter als Mensch leben wollt, oder wieder zu dem werdet, was ihr einstmals wart. Beide sehnt ihr euch im Herzen danach, wieder als Elb zu wandeln, nun liegt es an euch, ob ihr das Angebot zur gegebenen Stunde annehmen wollt, oder nicht.’
Ich hatte Galadriels Worte verstanden, auch wenn ich sie nur in meinem Kopf gehört hatte. Mark erging es da wohl ebenso, denn er sah mich nachdenklich an. Fast lautlos traten aus dem Waldsaum etliche der Galadhrim heraus, unter ihnen sah ich auch meine ‚Brüder’. Ich fühlte mich frei, und schon jetzt wusste ich, das ich das Angebot nicht ausschlagen würde, egal was es kostete.
Doch die Frage blieb: Was passierte nach dem Wechsel in die andere Welt mit mir, was wurde aus meinem Körper, was wurde aus Johnson, und was aus meinen Freunden? Ich sah Mark an, das auch er diese Überlegungen anstellte, nur bei ihm war es weitaus anders, er hatte noch Familie, ich nicht. Er schien zu überlegen und um uns herum wurde es hell…
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Marie zog schwungvoll die schweren Vorhänge der großen Fenster zur Seite und das Licht der Sonne kam herein. Blassblau war der Himmel, ohne eine einzigste Wolke am Himmel. Sie öffnete das Fenster weit für mich und sagte fröhlich: „Guten Morgen Herr Parker, ich hoffe sie haben gut geschlafen. In einer Stunde wird das Frühstück im kleinen Speisesaal serviert, um 10 Uhr ist dann wie gewöhnlich die Pressekonferenz.“
„Danke, Marie. Hängen sie mir doch bitte noch den dunkelblauen Anzug raus, zusammen mit dem hellblauen Hemd und der Krawatte.“ Marie öffnete den Schrank aus Kirschholz und lächelte. „Alles schon erledigt, Herr Parker.“ Sie wandte sich zum gehen und ich schickte ihr ein: „Danke, Marie“ hinterher. Könnte nicht auch Johnson so sein? Ich meine, könnte er nicht sie sein? Halt eben weiblich, so wie diese hier?
Über diese Vorstellung grübelte ich noch lange nach, auch als ich dann fast fertig angekleidet in dem kleinen Salon stand, der zu meinem Zimmer gehörte. Marie erschien wieder und geleitete mich zum Speisesaal hinunter, wo auch schon Mark auf mich wartete, der heute früh ein wenig mitgenommen aussah.
„Guten Morgen, mein Freund, hast du gut geschlafen?“ Marie schob mir den Stuhl zurecht und ich setzte mich. „Nein, nicht gut, ich habe schlecht geträumt. Hast du denn gut geschlafen?“ Marks Augen sahen mich fragend an und ich sagte leise: „Ich habe auch geträumt und es war unglaublich. Da war wieder der goldene Wald…“
„Du auch? Galadriel sprach zu uns…“ Mark stierte mich an und uns überkam die Erkenntnis, das wir beide das selbe geträumt hatten. „Weißt du, wie du dich entscheiden wirst?“, fragte mich Mark kauend und ich nickte. „Ja, ich denke schon. Und du?“ Ich nahm ein Schluckkaffee und Mark antwortete: „Ich auch.“
Es entstand nicht mal ein Ansatz nach der Frage des ‚Warum’ oder nach dem ‚Wieso’, das überraschte mich doch ein wenig, denn genau damit hatte ich gerechnet. Doch es war so, als ob das alles so war, nie anders gewesen war. Wir wunderten uns nicht, warum gerade uns das wiederfuhr, vielleicht war es die Gnade des Alters, das man solche Fragen nicht stellte? Fragen, auf die man sowieso keine Antworten bekam..
Ich glaubte nicht an Gott, Allah, oder wer auch immer dort oben im Himmel sitzen sollte, es war mir egal, doch komischerweise dachte ich immer, das es in grauer Vorzeit einmal Elben gegeben hat, woher sollte sonst auch Tolkien das alles gewusst haben? In meinem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander und ich gab es auf, mir darüber den Kopf zu zerbrechen.
Fest stand, ich würde so oder so eines Tages sterben und mir war es dann egal, was aus mir wurde, doch wenn ich wirklich die Gelegenheit bekommen sollte aus Elb weiterzuleben, dann war das auch gut, sehr gut sogar… Ich sah auf die Uhr und Mark brummelte etwas in seinen grauen Bart, das sich ungefähr so anhörte: „Kaum sitzt man hier, da guckt der schon wieder auf die Uhr, immer das selbe mit dem Kerl, hat sich nicht geändert…“ Ich grinste nur.
Es war zehn Minuten vor 10. Nachdem auch mein Freund sich nach einem letzten Schluck Tee erhaben hatten, gingen wir hinter den anderen Gestalten her, die sich auch in Richtung Konferenzzimmer bewegten. Blitzlichtgewitter empfing uns und ich kniff die Augen zusammen. Kaum das wir Platz genommen hatten, ging das Gefrage schon los, und was die alles wissen wollten…
Nacheinander wurde unser Leben vor, während und nach dem großen Erfolg von Tolkiens Wunderwerk buchstäblich unter die Lupe genommen. Ob ich schwul sei, wurde ich gefragt, jetzt fing das schon wieder an. Schon damals hatten sie deswegen einen Aufstand gemacht, obwohl ich diese Frage nie beantwortet hatte. Erstens stimmte es nicht und zweitens ging es keinen was an.
Ich setzte die schmale Brille ab und rieb mir über die Augen. Es war doch ein wenig zuviel für mich, denn die Bilder blieben unscharf, mein Kopf dröhnte, ich hatte Durst, doch alles Mineralwasser konnte ihn nicht löschen. Mein Herz raste, ich schwitzte, was angesichts der vielen grellen Scheinwerfer die auf uns gerichtet waren, auch kein Wunder war.
Ich blinzelte in den Raum hinein, das Bild flimmerte vor mir. Schon hörte ich das Rauschen meines Blutes in den Ohren, mein Herzschlag setzte für einen Schlag aus. Ich jappste regelrecht nach Luft, bekam nichts mehr mit, was sich überhaupt um mich herum abspielte. Ich sah zwar viele Gesichter vor mir, doch ich verstand nicht, was sie mir sagen wollten.
Dann war Mark bei mir und er hielt meine Hand, doch auch ihn konnte ich nicht verstehen. Nach einer Weile, die mir heute wie Jahre erscheinen, sah er mich einfach nur noch an, ohne was zu sagen, doch meine Hand hielt er noch immer. Ich lag flach auf dem Boden und über mir flimmerte noch immer die Luft.
‚Die Zeit ist gekommen, Haldir, bis du bereit, den Schritt über die Schwelle des Todes zu wagen? Willst du mir uns gehen?’ Da war sie wieder, Galadriels Stimme, die in meinen Ohren einer Engelsmusik glich. Das Rauschen in meinen Adern wurde leiser und auch meinen eigenen Herzschlag konnte ich nun nicht mehr hören. Ich richtete mich ein wenig auf.
‚Ja, ich werde mit euch kommen, doch was ist mit meinem Freund, wird er uns nicht begleiten?’ Ich hatte die Frage nur in meinen Gedanken ausgesprochen, bekam aber trotzdem eine Antwort. ‚Seine Zeit ist noch nicht gekommen, aber schon bald werdet ihr euch wiedersehen. Komm, fass meine Hand…’
Im Flimmern der Luft war auf einmal eine Gestalt zu erkennen, es war Galadriel, meine Herrin. Doch noch weitere Elben tauchten auf. Da waren Celeborn, Rumil und Orophin, dann noch ein paar Elben, die ich vom Dreh her kannte, und auch Gandalf sah ich dort. Galadriel kam mir entgegen, reichte mir ihre Hand und ich fasste zu. In jenem Moment fühlte ich mich frei und eigentümlich leicht, es war so, als ob ich nie das Gebrechen des Alters hatte erfahren müssen.
Ich schwebte förmlich mit ihr davon, doch kurz bevor ich diese Gefilde verließ, sah ich mich ein letztes Mal um. Mark sah mich an, er hielt noch immer die Hand meiner sterblichen Hülle, und doch sah er mir nach, wie ich mit Galadriels Hilfe hinauf glitt. In seinen Augen standen Tränen, doch er lachte mir auch zu und sein Mund formte die Worte: „Bald schon mein Freund werden wir uns wiedersehen.“
Dann wurde die Welt unter mir kleiner und ein milchiger Schleier bedeckte sie. Doch dieser wich mit der Zeit und ich setzte mich auf. Meine Herrin sah mich an und sagte leise: „Herzlich Willkommen im goldenen Wald, Hauptmann Haldir.“
**
Anm.: wenn dass das Leben nach dem Tod ist, wenn dies möglich ist, dann wünsche ich uns allen, das auch wir uns eines Tages in Mittelerde begegnen werden. Meine Anschrift ist dann Lothlorién, nicht zu verfehlen, klingelt einfach bei Haldir…
The End

