Bis in den Tod
Hier, auf fremden Boden weit ab meiner Heimat, dem goldenen Wald, endete nun mein Dasein in dem Arm des zukünftigen Königs von Gondor. Doch mein allerletzter Gedanke galt meiner Frau… …
Kapitel 01
Die Galadhrims hatten sich unter den großen Mallornbäumen eingefunden. Alle waren gekommen, die zur Zeit keinen Dienst im Lande hatten. Wir warteten, warteten darauf, dass die hohe Frau Galadriel zu uns sprach. Wir wussten um die Vorkommnisse in letzter Zeit. Erst kürzlich war die Ringgemeinschaft von Lórien aus aufgebrochen, den einen Ring zum Schicksalsberg zu bringen, um ihn dort endgültig zu zerstören. Doch würden sie Erfolg haben?
Galadriel erschien, und wie immer, wenn ich sie erblickte, befand ich mich in ihrem Bann. Zum Gruß neigten wir die Häupter, und die Hand lag am Herzen. Ihre Gestalt war von hellem Licht umgeben, und in ihren Augen erstrahlten die Sterne des Himmels. Eine Hand stahl sich in meine, und ich blickte zur Seite. Neben mir, ebenfalls in der Uniform der Galadhrim, stand meine Frau und sah mich mit ihren dunklen Augen belustigt an. Sie wusste, wie unsere Herrin auf mich wirkte.
Ich liebte diese Frau hier neben mir, schon viele Jahrhunderte gingen wir gemeinsam unseren Weg in dieser Welt. Sie war eine hochangesehene Kriegerin unter den Elben und mir in vielerlei Hinsicht ebenbürtig. Nicht vielen Elbinnen gelang es in den Rang eines Hauptmanns aufzusteigen.
Galadriel erzählte mit leiser Stimme, was sich gerade in der Welt der Menschen zutrug, das Uruk Hais mit der weißen Hand Sarumans in das Land Rohan marschierten und das die Bevölkerung auf den Weg nach Helms Klamm sei, um dort Zuflucht zu suchen. Hauptsächlich Kinder und Frauen, sowie alte Menschen seien betroffen und könnten sich nicht sehr lange verteidigen, wenn die Burg angegriffen werden sollte.
Es wurden Freiwillige unter uns gesucht, die den Menschen dort beistehen sollten. Sofort meldeten sich unzählige Krieger, ebenso wie ich, meine Brüder Orophin und Rumil und meine Frau Gilraen. Dann wandte sich Galadriels Stimme an mich: „Haldir, Ihr als mein oberster Hauptmann werdet die Krieger unseres Volkes anführen.“ Ich senkte den Kopf und legte meine Hand aufs Herz.
Zwei Tage später kamen zwei Dutzend Krieger aus Bruchtal zu uns, die uns Lord Elrond bereits angekündigt hatte. Auch sie hatten sich freiwillig gemeldet und standen jetzt zusammen mit den Anderen zum Abmarsch bereit. Einhundert Elbenkrieger in Rüstung und mit Waffen bestückt warteten auf meinen Befehl und setzten sich schließlich in Bewegung, schweigsam und lautlos.
Nach gut drei Tagen des Marsches erblickten wir Helms Klamm direkt vor uns in der untergehenden Sonne. In der Ferne sahen wir auch das anrückende Heer der Uruks. Sie waren laut, und ihr Gestank erreichte schon jetzt unsere empfindlichen Nasen. Ich ließ das Horn Lóriens erschallen, während wir in geordneten Reihen auf das verschlossene Tor zugingen.
Dieses wurde sofort geöffnet, und hoch erhobenen Hauptes schritten wir die Stufen zum Burginneren hinauf. Man sah uns staunend, aber auch respektvoll an, und ihr König schien unser Kommen sehr zu verwundern. Mit leiser und stolzer Stimme erklärte ich ihm, warum wir da seien, und Freude zeigte sich in seinem Gesicht, Freude und ein Funken Hoffnung, den sie so dringend brauchten.
Zu meiner Überraschung waren auch Aragorn und Legolas hier. Gimli der Zwerg war bestimmt auch nicht weit. Beide waren langjährige Freunde von meiner Frau und mir, und beide freuten sich von Herzen, uns nach langer Zeit endlich wiederzusehen, wenn auch der Anlass alles andere als glücklich war. Aragorn bekam einstimmig das Kommando über die Elben, da er die Sprache der Rohirim ebenso gut konnte wie die Sprache der Elben.
Ich besprach mich kurz mit ihm, gingen dabei den Wall ab und teilten dann die Krieger nach seinen Vorschlägen hin auf. Dann bezogen auch wir unsere Stellungen. Wir standen und warteten, warteten, dass der Feind kam, den Feind, den wir alle hassten. Und er kam, näher und näher. Ihre Fackeln waren weit sichtbar für uns, und ihr Gebrüll war jetzt selbst für die Menschen zu hören.
Gilraen neben mir atmete pfeifend aus, als sie die schwarze herannahende Masse im hellen Licht eines Blitzes sah. Es fing an zu regnen, doch wir standen einfach nur da, angespannt und bereit, unser Leben zu geben und die Burg zu retten, denn die Frauen und Kinder hatten sich in den Höhlen unter ihr zurückgezogen. Ich sah mich noch ein Mal um, sah meine Brüder, meine Frau, meine Freunde, meine Krieger und schickte ein stummes Gebet zu den Valar.
Die Heranmarschierenden stoppten und begannen ein wildes Gebrüll. Ein einziger Pfeil setzte dem ein Ende und es begann… Der Angriff kam schnell und gnadenlos. Der Feind vor uns war blutrünstig und schlachtete alles ab, was seinen Weg kreuzte. Auf ein Kommando Aragorns hin, legten wir die ersten Pfeile ein und schossen sie ab. Es blieb nicht bei diesem Einen, Pfeil um Pfeil verließ sirrend unsere straff gespannten Bogensehnen.
Dann tauchten die ersten Leitern auf, und wir griffen zum Schwert. Gegner um Gegner streckten wir nieder, kannten kein Erbarmen mit diesen elenden Kreaturen der Finsternis. Dunkles Blut troff von den Schwertern, und schon bald stand ich in einem See davon. Dann geschah das Unfassbare, mit dem keiner von uns gerechnet hatte…
Wie von Zauberhand entstand unter lautem Getöse ein Loch in der langen und massiven Mauer. Felsbrocken krachten rings um uns hernieder, während die restliche Mauer erzitterte. Sofort stürmten die Feinde durch den neu geschaffenen Durchgang, wurden aber sogleich von den Bogenschützen auf der anderen Seite erwartet. Ein Pfeilregen ging auf sie herunter, und etliche büßten dabei ihr wertloses Leben ein. Doch ich konnte nichts weiter sehen, musste mich hier konzentrieren, denn immer mehr Uruks stürmten die Leitern herauf und erschlugen unzählige Menschen und Elben.
Ich sah kurz meine Frau in meinem Gesichtsfeld. Eine lange Schnittwunde zierte ihr ebenmäßiges Antlitz, doch sie kämpfte unentwegt, erschlug mutig einen um den anderen Gegner. Auch ich tat mein Bestes, und dann hörte ich die Stimme Aragorns, der mir zurief, dass wir uns in die Burg zurückziehen sollten. Ich schrie es den anderen Elben zu, und in diesem unachtsamen Moment streifte mich die Klinge eines Uruk-Schwertes an der Seite. Ungläubig sah ich auf das Blut, welches über meinen Arm floss.
Ich sah auf und sah, wie Gilraen fiel, getroffen von einem Pfeil einer Armbrust, der ihn ihrem Rücken steckte, sah die vielen Krieger, die mit gebrochenem Blick gen Himmel sahen und deren Geist gerade dabei war, in Mandos Hallen einzukehren. Ich spürte den nun folgenden Schlag auf meinen Hinterkopf kaum noch. Ich wusste, dass dies das Ende sein würde, dass auch ich nun in Mandos Hallen einkehrte. Stimmen und Geräusche drangen nur noch sehr leise an meine Ohren.
Dann fühlte ich den Schmerz, der sich in rasenden Wellen in mir ausbreitete und mich zu verzehren drohte. Ich fühlte das heiße Blut über meinen Rücken laufen, fühlte wie mit jedem Tropfen das Leben aus mir wich. Ein dunkler Schleier legte sich auf meine Augen und meine Beine gaben unter mir nach. Ich sank auf die Knie und im selben Augenblick sah ich schemenhaft, wie sich Aragorn mir näherte.
Ich lebte nun schon über tausend Jahre, doch dem Tod hatte ich noch nie ins Auge geblickt. Jetzt sah ich ihn, sah und fühlte ihn. Es wurde kalt um mich herum, und das Letzte, was ich fühlte, war, dass ich gehalten wurde und mich Aragorn ansah, sah das ihm Tränen in den Augen standen, fühlte wie mein Kopf auf seinem Arm ruhte.
Dann wurde es dunkel, dunkel und kalt, und mein letzter Blick galt dem dunklen, sternenüberzogenen Himmel über mir. Hier, auf fremden Boden weit ab meiner Heimat, dem goldenen Wald, endete nun mein Dasein in dem Arm des zukünftigen Königs von Gondor. Doch mein allerletzter Gedanke galt meiner Frau. Gilraen, ich liebe dich, liebe dich bis über den Tod hinaus, ich komme nun zu dir, und gemeinsam werden wir in Mandos Hallen wandeln…
The End

