Einsam, Zweisam, Dreisam
Eigentlich sollte mein Fortgehen aus Deutschland der Beginn eines neuen Lebens sein, doch die Realität war nicht annähernd so, wie in meinen Vorstellungen…

Kapitel 01
Es hatte schon wieder unendlich viel Schnee gegeben, der in diesem Winter einfach nicht enden wollte. Fröstelnd verschränkte Anne die Arme vor der Brust und schmiegte sich wärmesuchend an Craigs Brust. Beide sahen von der grünen Parkbank aus ihrer Hündin Aranka zu.

„Komm Aranka, komm. Schnell nach Hause und vor den Kamin.“ Annes hoffnungsvolles Flehen ließ die deutsche Schäferhündin kalt, denn diese fegte laut bellend durch den Park von Auckland. Voller Begeisterung wühlte sie mit der Nase in dem neuen Schnee, der letzte Nacht gefallen war und warf ihnen immer wieder herausfordernde Blicke zu.

„Macht schon, werft den Ball, was ist denn, es ist doch nicht kalt…“ So in etwa konnten sie den Blick aus ihren dunkelbraunen Augen deuten, und natürlich konnten keiner diesen nicht widerstehen, es war einfach unmöglich.

Hin und wieder stellten Anne und Craig fest, das sie dieser Rabauke ganz schön im Griff hatte, doch sie war ja auch etwas ganz besonderes in unseren Augen, denn sie hatte ihrer beider Leben verändert, von Grund auf verändert…

*********************

Zwei Jahre ist es nun schon her, und mein Leben war alles andere als berauschend und friedlich gewesen. Ich steckte zu der Zeit gerade in einer tiefen Krise, denn ich war als Aupair hierher nach Neuseeland gekommen und hatte mich in den älteren Sohn der Familie verliebt.

Eigentlich sollte mein Fortgehen aus Deutschland der Beginn eines neuen Lebens sein, doch die Realität war nicht annähernd so wie in meinen Vorstellungen. Tim gaukelte mir Gefühle vor, doch sie waren nicht echt, wie ich dann später durch einen dummen Zufall im nahen Supermarkt herausbekommen hatte.

Vielmehr war es eine Wette unter Gleichaltrigen, wer wohl als erster die dunkelhaarige Schönheit aus Deutschland in sein Bett ziehen konnte, doch da hatte er die Rechnung ohne mich gemacht. Die Dame in der Vermittlungsstelle hatte ein Einsehen mit mir und brachte mich bei einer anderen Familie in Auckland unter.

Hier kannte ich keinen, fühlte mich einsamer als jemals zuvor. Es war eine Gegend in der Reiche und gut behütete Leute wohnten, doch keiner wollte sich mit mir abgeben, und bei den Gleichaltrigen stieß ich sogar auf Ablehnung, denn ich war ja keine von ihnen.

Ich trug mich mit dem Gedanken wieder nach Hause zurückzukehren, doch auch in Old Germany hatte ich keine Heimat mehr, da meine Familie vor einem Jahr bei einem Autounfall auf dem Weg an die Ostsee ums Leben gekommen war. Doch wenn ich dann den kleinen Timmy von meiner neuen Familie hier vor mir sah, dann wischte ich die trüben Gedanken beiseite, denn ich hatte den Kleinen von Anfang an in mein Herz geschlossen.

Doch abends, wenn er schlief und ich nichts mehr zu tun hatte, fühlte ich mich einsam. Ich dachte dann an unseren Hund, den wir hatten, eine Labradorhündin namens Aika. Schon immer hatte ich um mich herum viele Tiere gehabt, und die Sehnsucht nach ihnen kam dann besonders in jenen einsamen Momenten wieder hoch.

Timmys Mom war alleinstehend, und für einen Hund konnte sie sich nicht wirklich erwärmen. Meistens hatte sie nur Zahlen im Kopf und irgendwelche DAX Richtlinien. Ich konnte ihr bei diesem Bankkram nie richtig folgen.

Es kam der Tag, an dem die zwei zu den Großeltern eingeladen wurden, auf dem anderen Teil der Insel. Schon bald stand fest, dass ich auf Haus und Garten achten und nebenher auch einen Sommerkurs für Geschichte absolvieren sollte. Ich blieb also zu Hause, allein.

Das Haus war nicht schwer in Ordnung zu halten, für den Garten gab es einen angestellten Gärtner, und der Kurs war an drei Tagen immer vormittags. Ich sehnte mich nach einer Tätigkeit, die ich in der Zwischenzeit machen konnte, und die Post brachte mir dazu einen entscheidenden Hinweis.

„Suche zuverlässige Menschen, die an zwei bis drei Tagen in der Woche mit unseren Schützlingen Gassi gehen oder im Park spielen. Unsere Rufnummer…“ Wieder und wieder las ich mir den kleinen Zettel durch und dann stand meine Entscheidung.

Die Dame am anderen Ende war sehr freundlich, und wir vereinbarten auch gleich darauf einen Termin für den nächsten Tag. Eine nette Frau mit dem Namen Haller führte mich durch die weiträumigen Anlagen des Tierheims und ließ mich dann in der “Hundeabteilung“ allein. Ich sollte durch die Reihen gehen und mir ein Tier aussuchen, das von nun an meine Freizeit ausfüllen sollte.

Und dann saß da plötzlich Aranka in einem der Käfige und sah mich ruhig mit dieses großen Augen an. Sie war damals gerade ein Jahr alt und wusste nicht, wie ihr geschah. Später dann las ich in den Unterlagen, dass sie ihren früheren Besitzer zu anstrengend war und auch viel zu groß geraten. Sie hatten sich wohl vorgestellt, dass sie immer dieses kleine, tollpatschige Fellknäuel bleiben würde.

Dreimal in der Woche gingen wir also zusammen spazieren, und in der braunschwarzen Hündin fand ich einen guten Zuhörer. Fast schien es so, als würde sie mich verstehen können, wenn ich ihr mein Herz ausschüttete. Doch was mir jedes mal wieder das Herz brach, war, das ich sie ja wieder zurückbringen musste, und Aranka spürte dies auch.

Und dann kam der Tag, an dem der Käfig leer war. „Oh nein, nicht das…“, flüsterte ich leise und sah mich suchend um, doch sie war weg. ‚Hoffentlich hatte sie jemanden bekommen, der sie genauso lieb hat wie ich’, dachte ich mir und rutschte weinend am Gitter hinab. Ich schlang die Arme um die Beine und weinte still und leise vor mich hin.

Doch dann stupste mich etwas feucht-kaltes an der Wange an, und ich sah hoch. „Aranka…“ Ich schlang meine Arme um den Hals des Tieres und weinte in das weiche Fell hinein. Nach einer Weile schaute ich auf und sah genau in zwei blaue Augen.

Ich war unfähig mich von ihnen loszureißen, bis mich der Typ ansprach: „Sorry, wenn ich gewusst hätte, dass du das Tier bereits ausführst, dann hätte ich einen anderen Hund genommen. Ich glaube, da muss ich noch mal mit meiner Schwester reden.“ Er hielt noch immer die schwarze Leine fest und sah mich ganz betroffen an. „Ist wieder alles OK mit dir?“

Ich nickte und kraulte das weiche Fell. „Ja, jetzt ist wieder alles OK. Wer ist denn deine Schwester?“ Während er mir aufhalf, erzählte er mir ein wenig über seine Schwester, die mit Nachnamen Haller hieß. „Ach übrigens ich heiße Craig, Craig Parker.“ Er hielt mir die Hand hin, und ich legte meine in seine. „Ich bin Anne Fiedler.“, stellte ich mich vor und sah ihn an.

Und dann kam mir die Erkenntnis, wer er war, denn einen Tag, bevor Timmy abgereist war, hatten wir uns noch „Die Gefährten“ angesehen, denn er liebte die Elben über alles. Mir schlug das Herz bis zum Hals, und als er wie zufällig meinen Arm berührte, glaubte ich, es würde zerspringen.

Ich hatte mich Hals über Kopf verliebt und doch glaubte ich, ich würde alles nur träumen. Doch dann fragte mich Craig: „Würdest du noch mit mir einen Kaffee trinken kommen?“ Da konnte ich natürlich nicht ablehnen, und Minuten später saßen wir in dem kleinen Coffee Shop um der Ecke.

Die nächsten Tage waren einfach traumhaft, und wenn Craig ab und zu Zeit erübrigen konnte, dann gingen wir zusammen mit Aranka spazieren. Eines Tages fragte er mich dann, ob ich mit ihm in ein REM Konzert gehen wollte, und ich sagte zu. Es war die erste Verabredung ohne die Hündin, jedoch bei weitem nicht die Letzte.

Dann etwa ein Jahr später war meine Zeit als Aupair rum, und Craig trug stolz meine Sachen in sein Auto. Aranka wartete geduldig und fiepte auf, als ich mich neben den Mann meines Herzens setzte. Timmy winkte mir nach, doch er weinte nicht, denn er wusste, dass ich nur wenige Straßen weiter ein neues Zuhause gefunden hatte und das er mit der Hündin jederzeit spielen konnte.

Aranka legte hinter mir ihre Vorderpfoten auf meine Sitzlehne und sah vom einem zu anderen. Ihr Blick schien zu fragen: „Ich darf doch hier bleiben, oder?“ Natürlich durfte sie das, denn wer sollte mich beschützen, wenn Craig irgendwo auf der Welt beim Dreh war?

***

Meine Welt war einsam, doch heute ist sie wieder voller Leben.

***

The End

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