Lith di Loss
“Geht es dir besser?” Sie schüttelte den Kopf. Dann überlegte sie. Und nickte schließlich doch leicht. Der Elb lächelte. “Ich… habe das vorhin nicht so gemeint. Du bist nicht Schuld daran. Das war ich selber, indem ich es zugelassen habe.” “Nein, hier ist keiner Schuld. Vergessen wir die Sache.” Sie nickte wieder und trank noch einen Schluck. Dann reichte sie Legolas den Becher zurück und dabei streiften sich ihre Hände. Lia zuckte zurück. “Wirklich schlimm?” sagte Legolas und stellte den Becher ab und zu seiner Verwunderung antwortete Lia mit einem Kopfschütteln und einem leichten Lächeln. …
Kapitel 1 - Prolog
Orientierungslos rannte sie über die zu Eis gefrorene Schneedecke. Die Bäume versuchten ihre Sinne erstarren zu lassen, indem sie ihr die starren Äste vor das Gesicht schlugen…
Zitternd sah sie sich um ohne auch nur an Rast zu denken. Sie hatte das Gefühl der Lebendigkeit aus allen Gliedern verloren. Allein ihr dunkler Mantel schützte sie vor den eisigen Einflüssen des Winters…
Nicht einmal die letzten grünen Fetzen, die von den Tannen aus dem endlosen Weiß ragten konnten sie aus ihren furchterfüllten Gedanken erlösen. Ein Wolf hätte heulen können, ohne, dass sie es bemerkt hätte.
“Lauf!” Harte, leise Stimmen drangen durch den verlassenen Wald an ihr Ohr, doch niemand war zu sehen…
Die Stimmen hallten fort.
Neue kamen hinzu.
Vor Erschöpfung ließ sie sich an der kalten Rinde eines Baumes nieder sinken. Sie kniff die Augen zu und eine eisige Träne rollte über ihre Wange.
“Lauf…”
Kapitel 2 - Asche aus Eis?
“Wartet einen Moment”, rief Aragorn und hielt seine Hand warnend hinter sich. Legolas, Boromir und Haldir, die hinter ihm ritten, blieben stehen und auch die drei Krieger der Königin Galadriel hielten ihre starken Pferde zurück.
Aragorn glitt auf den Boden und reichte Haldir die Zügel.
“Wartet hier”, befahl er und trat vom Weg zwischen die großen, weiß gekleideten Bäume.
“Hier ist jemand!” Die beiden Elben schwangen sich von ihren Pferden und gingen mit erwartungsvollen Augen zu dem Waldläufer hinüber, der sich über den Schnee gebeugt hatte.
“Ihr reitet weiter und bestellt dem Herr Bruchtals, dass wir später eintreffen werden. Lasst aber eine Decke hier. Wir folgen euch so bald wie möglich, ” befahl Aragorn und schickte die drei gepanzerten Krieger auf die Berge zu, die sich groß über ihren Köpfen erhoben.
“Zu Befehl, Herr, ” kam als Antwort zurück und die drei Gestalten trabten in die gedeutete Richtung davon.
“Weshalb schickst du sie fort?” fragte Boromir und nahm die helle Decke auf, die die Krieger auf dem Boden zurückgelassen hatten.
“Ich möchte vermeiden einen Unbekannten, von elbischen Kriegern bewacht, nach Bruchtal zu führen und dadurch Aufsehen zu erregen.”
Legolas und Haldir hatten sich bereits daran gemacht den Körper aus der tiefen Schneedecke zu befreien. Nach einigen Minuten war der Oberkörper eines Mädchens aus dem Schnee aufgetaucht.
Haldir legte den Kopf an ihre Brust und horchte.
“Lebt sie?” fragte Aragorn und schob eine Hand voll Schnee beiseite.
“Sie lebt”, antwortete Haldir und hob den Kopf. “Vielleicht können wir ihr noch helfen.”
Boromir ließ seinen Blick über den blassen Kopf wandern.
“Sie ist ein Mensch. Sie muss mindestens einen Tag im Eis eingeschlossen gewesen sein. Das überlebt niemand. Und doch scheint noch ein Funken Leben in ihr zu ruhen…”
Boromir breitete die Decke auf dem Boden aus und die drei konnten den erstarrten Körper darauf betten. Aragorn begann ein kleines Feuer zu entfachen. Haldir begann, ihre Hände an seinen eigenen zu reiben, um sie zu wärmen und Legolas legte eine zweite wärmende Decke um den eisigen Körper des Mädchens.
“Ich möchte wissen, weshalb sie allein in den Wald gegangen ist”, fragte Boromir mehr sich selbst als seine Gefährten und hob ihren Kopf an.
“Sie kommt wieder zu sich!” sagte Aragorn leise und kniete sich neben ihren Körper. Zitternd schlug das Mädchen langsam die Augen auf. Als sie die Gestalten vor ihrem Gesicht wahrnahm, schlug sie plötzlich wie wild um sich.
“Lasst mich los!” Dabei stieß sie gegen Aragorn und kroch erschrocken zur Seite. “Wir tun dir nichts!” sagte dieser ruhig und schritt der verängstigten jungen Frau hinterher. “Keine Angst.”
Sie starrte ihn furchterfüllt an und stieß bei ihrem Rückzugsversuch mit dem Rücken gegen einen Baum. Sie hatte nun keine Möglichkeit mehr auszuweichen. Ängstlich kauerte sie sich zusammen.
Haldir stand langsam auf und ging leise davon…
Das Mädchen war im Begriff, Aragorn zu schlagen, doch als sie ausholte, packte Haldir sie von der Seite und hielt sie fest. Sie wollte nach ihm treten, aber Aragorn hielt nun auch ihre Beine fest.
Legolas und Boromir versuchten sie zu beruhigen:
“Ganz ruhig. Wir wollen dir helfen. Hör auf dich zu wehren, dann lassen wir dich los.”
Langsam entspannten sich ihre Züge und sie wurde ruhiger.
“Was wollt ihr von mir?” wisperte sie unruhig.
“Von dir wollen wir gar nichts.” Legolas kam näher während er sprach. “Wie heißt du und woher kommst du?”
Das Mädchen kniff verwundert die Augen zusammen.
“Ich weiß nicht…” Boromir legte ihr vorsichtig eine Decke um die Schultern.
“Wie ist dein Name?” fragte der Elb noch einmal.
“Ich… Ich weiß es nicht! Ich weiß gar nichts! Ich kann mich an nichts erinnern! Nein!”
Aragorn und Legolas entfernten sich ein Stück von den Anderen.
“Sehr merkwürdig…” meinte Aragorn, den Elben um Rat fragend.
“Ja, ich möchte gerne wissen, was mit ihr geschehen ist… Was sollen wir mit ihr machen?”
“Lass sie uns mitnehmen. Hier kommt sie alleine nicht zurecht.”
“Sie scheint aber nicht alles vergessen zu haben. Nur, was sie selbst betrifft. Was glaubst du, was das zu bedeuten hat?”
“Ich weiß es nicht.”
“Ich kann mir auch nichts vorstellen. Und leider können wir sie auch nicht fragen.”
“Leider. Gehen wir zurück.”
Sie wechselten noch einen ratlosen Blick und traten dann wieder vorsichtig an ihre Begleiter und das seltsame Mädchen heran.
Aragorn kniete sich neben sie.
“Du kommst mit uns, einverstanden?”
Sie nickte und stocherte verwirrt mit einem Stock in der Asche des Feuers herum.
“Und wie sollen wir dich nennen?” fragte Aragorn weiter.
“Nennt mich wie ihr wollt mein Herr. Meinen richtigen Namen habe ich schließlich verloren…”
“Mmmmhh…” Aragorn überlegte.
“Wie wäre es mit Lia?” fragte Haldir in die Runde.
Legolas sah ihn skeptisch an.
“Das hat etwas mit Spinnen zu tun. Wie kommst du darauf?”
“Indem man aus Lith für Asche Lia macht. Was hält denn unsere neue Freundin davon?”
Das Mädchen sah auf.
“Ja… warum nicht… dann habe ich wenigstens wieder einen Namen…”
“Und, wenn wir herausgefunden haben, wer du bist und wo du herkommst…” begann Aragorn. “…nennen wir dich bei deinem richtigen Namen.”
“Herausfinden wer sie ist?” fragte Boromir. “Wir wollten nach Bruchtal. Nicht durch Mittelerde für in weiteres Abenteuer.”
Aragorn warf noch ein Stück Holz in die Flammen.
“Wir werden nach Bruchtal gehen. Mit einigen Umwegen, wenn es nötig ist. Ich habe nicht vor ganz Mittelerde nach einem Namen abzusuchen. Wenn jemand etwas über sie weiß, gehen wir der Sache nach. Wenn nicht, setzten wir unseren Weg nach Bruchtal fort. Wer weiß, vielleicht ist sie bei niemandem bekannt und wir würden vergeblich suchen…”
“In Ordnung.” meinte Boromir. “Auf deine Verantwortung!” Dann lachte er. Und alle anderen stimmten mit ein. Nur Lia nicht, die noch immer zusammen gekauert am Boden saß und ihre Hände gegen die wärmenden Flammen des Feuers hielt.
“Lasst uns noch einige Stunden verweilen und dann aufbrechen.” meinte Legolas und sah zum Himmel hinauf. “Das Wetter schlägt um, fürchte ich…”
Die Zeit verging und sie sprachen wenig miteinander. Niemand versuchte mehr Lia nach etwas zu fragen, da sie sowieso keine Antwort geben konnte.
Haldir legte hin und wieder einige Stücke Holz auf das Feuer und betrachtete ihre neue Bekanntschaft dann ausgiebig.
Schließlich stand Aragorn auf und deutete auf die sich vor ihnen erhebenden Berge: “Wir sollten aufbrechen. Sie scheint sich aufgewärmt zu haben und der Wind wird stärker. Es wäre sicherer, wenn wir das nächste Dorf aufsuchen. Das nächste Dorf liegt nur leider auf der anderen Seite des Berges und deshalb ist noch mehr Eile geboten. Kommt, folgt mir. Sie reitet mit mir.”
Sie packten alle Decken und Vorräte zusammen und schwangen sich auf den Rücken ihrer Pferde.
Aragorn wartete auf Lia und hielt ihr seine Hand entgegen, damit sie sich ebenfalls auf eines der Pferde stemmen konnte, doch sie brauchte diese helfende Hand nicht. Leichtfüßig sprang sie in den Sattel und sah zu Aragorn hinab, der sich kurze Zeit später hinter ihr niederließ.
“DAS scheinst du nicht vergessen zu haben.”
Lia sah sich um.
Er hatte Recht.
Daran erinnerte sie sich.
Sie strich über die Mähne des Tieres. Die anderen beobachteten sie neugierig, als Aragorn ihr langsam die Zügel in die Hand drückte.
Sie griff vorsichtig danach und betastete die starken Lederriemen. Dann packte sie zu, zog daran, machte einige schnelle Bewegungen und das Pferd setzte sich in Bewegung.
Haldir und Legolas folgten ihnen langsam. Dahinter schritt Boromir, als letzter der Truppe.
“Ich denke…” flüsterte Haldir Legolas nach einiger Zeit zu. “… man hat ihr nur das genommen, was sie wirklich vergessen sollte. die Erinnerung an Pferde wurde ihr nicht genommen. Nur das Reiten vergaß sie ein wenig. Ihr Name und ihre Herkunft wurden noch mehr verschleiert. Vielleicht sollten wir nicht nach einer bestimmten Sache suchen, meine ich…”
“Ich glaube auch was du meinst. Wir sollten all das herausfinden, was sie vergessen hat. Das könnte uns zu der Lösung ihres Rätsels führen.”
“Genau das meine ich.”
“Eine gute Idee. Aragorn?” rief Legolas nach vorne.
“Ja?” Aragorn und Lia blieben stehen.
“Vielleicht hatten wir einen Einfall, der uns weiterhelfen könnte…”
Kapitel 3 - Verwirrt im Schneesturm
Lith di Loss übrigens: Asche aus Eis (Hoffe ich zumindest
Mein Elbisch ist nicht so gut)
~”Etwas kann unwiderlegbar sein. Deshalb ist es noch nicht wahr.”
(Friedrich Nietzsche)~
Der Weg stieg steil an. Der Berg vor ihnen erhob sich wie ein stiller Riese in der weiten Ebene. Auf dem weiteren Weg hatten Boromir und Aragorn Lia einige Fragen gestellt. Beispielsweise ob sie Namen von Herrschern kannte und wie einige Bäume, Pflanzen uns Flüsse hießen.
Doch zum Erstaunen aller konnte sie sich über kurz oder lang an alle Namen erinnern.
Und das verwirrte sie…
Die dunklen Wolken kamen immer näher an sie heran und ein hereinbrechender Regen schien unvermeidlich zu sein. Dennoch begann es nicht.
Sie hatten nämlich nicht gemerkt, wie kalt die letzten Tage gewesen waren und so wirbelten anstatt feuchten Regentropfen, kristallene Schneeflocken zu ihren Köpfen hinab.
Ihre Reise wurde dadurch trotzdem nicht einfacher. Aber der Weg war gut befestigt und mit Seilen und Tauen von den Elben gesichert worden. Die Pferde hatten ein wenig Mühe die Befehle ihrer Herren zu befolgen, doch sie schafften es auch an schwierigen Stellen der Pfade.
Viel schneller als sie erwartet hatten, hatten sie das Gebirge hinter sich gelassen und den Weg in einen kleinen Wald eingeschlagen, dessen Bäume sie vor den herannahenden Schneemassen schützten.
Sie wechselten kein Wort.
Und so erschraken sie um einiges heftiger, als Lia plötzlich einen schrillen Schrei von sich gab und ruckartig zusammen zuckte.
Sie hielten und beobachteten jede von Lias Bewegungen aufmerksam.
“Was hast du?” fragte Aragorn und nahm ihren Arm.
“Irgendetwas ist merkwürdig…”
Boromir kam neben sie. “Und das sagst du uns?”
“Was ist das?” ihre Stimme zitterte leicht und sie starrte neben dem Pferd auf den Boden hinab.
“Das da?” Haldir glitt zu Boden und hielt ihr einen eingeschneiten Tannenzapfen entgegen. “Das ist ein Tannenzapfen. Was ist damit?”
Lia griff danach.
“Ich weiß schon, was das ist, aber irgendetwas ist damit…” Sie sah kurz auf. “ZURÜCK! Schnell!”
Die anderen taten, was ihnen gesagt wurde.
Aragorn nahm wieder ihren Arm.
“Was ist los?”
Doch sie brauchte nicht zu antworten. Keinen Moment später hörten sie ein lautes Knacken.
Schnee fiel vor die Pferde und noch einen Augenblick später beobachteten sie, wie einer der riesigen Bäume unter der Last des Schnees zerbrach und laut krachend vor sie auf den Weg knallte.
Legolas musterte den Baumstamm und sah dann in die Runde. Zum Schluss wanderte sein Blick zu Lia.
“Woher wusstest du das?”
“Ich weiß nicht… es… es war einfach da… in meinem Kopf… irgendwie wusste ich es… ich habe keine Ahnung wieso es da war… aber es war da…”
“Hat es vielleicht hiermit zu tun?” Legolas nahm Haldir den Zapfen aus der Hand und hielt ihn vor Lias Nase.
“Ich weiß nicht…”
“Schön…” sagte Aragorn nach einer sehr langen Pause. “Wir sollten weiter. Im Schweigen werden keine Wunder erfüllt. Kommt.”
Alle Anwesenden nickten und ließen sich wieder in ihre Sattel gleiten, soweit sie diese verlassen hatten. Nur Lia war zu verwirrt, um irgendeine Antwort von sich zu geben. In Gedanken betrachtete sie den Tannenzapfen, doch sie konnte nicht ergründen, woher er so einen Einfluss auf sie hatte.
Was hatte er nur zu bedeuten?
Als die Nacht hereinbrach suchten sie sich einen geeigneten Unterstand, denn das Dorf hatten sie nicht mehr erreicht.
Boromir schüttelte den Schnee ein wenig von den Bäumen, um zu verhindern, dass sie über Nacht eingeschneit wurden.
Haldir entzündete erneut ein Feuer und Legolas und Aragorn legten Decken zum Schlafen bereit.
Lia wusste zuerst nicht, wo sie sich beteiligen sollten, doch schließlich half sie Haldir und stellte sich beim Entfachen des Feuers sogar recht geschickt an.
Bald darauf legten sich die Menschen schlafen und die Elben, sowie Lia, die nun immer verwirrter wurde, entfernten sich ein weites Stück von ihnen um den Mond bei seiner nächtlichen Wanderung über den Horizont zu beobachten.
“Willst du nicht schlafen gehen?” fragte Haldir leise in Lias Richtung um die anderen nicht aufzuwecken.
“Schlafen gehen? Was ist das?”
Fast schon ein wenig verzweifelt sah Haldir zu Legolas hinüber und suchte Rat in den unendlichen Tiefen seíner Augen.
Dieser schien jedoch auch keine Antwort zu wissen und kam zu den beiden zurück.
“Bist du denn nicht müde?”
“Nein… ich denke nicht…”
“Was ich meine verstehst du, oder?”
“Ich weiß, was es heißt müde zu sein, ja, aber ich bin es nicht… nicht wirklich… also… ich weiß nicht genau…”
Legolas blickte zu Haldir und dieser sah genauso ratlos zurück. Vor so einer verzwickten Situation hatte bis jetzt keiner von ihnen beiden gestanden.
Schlachten hatten sie geschlagen, die Welt gesehen und einige der fremdesten Wesen erblickt, doch dies überschritt alles, was sie bis jetzt bewältigt hatten.
Legolas dachte einen Moment lang nach.
Dann nahm er Haldir zur Seite und warf einen kurzen, prüfenden Blick zu Lia hinüber.
“Was wenn…” er sah Haldir an und überlegte wieder einige Augenblicke. “Was, wenn sie kein Mensch ist, wie wir es zuerst vermuteten? Was, wenn sie eine Elbe ist?”
“Eine Elbe? Wie soll das gehen? Boromir meinte, sie sei ein Mensch.”
“Und woran hat er das erkannt?”
“An ihren Ohren vermute ich…”
“Er ist auch nur ein Mensch, Haldir. Denkst du, er sieht alles, wie wir es sehen könnten? Sicher nicht. Und sonst haben wir nichts, was uns versichert, dass sie keine Elbe ist. oder?”
“Nein.”
“Wir sollten sehen, was wir herausfinden. Würdest du uns allein lassen?”
“Natürlich. Vielleicht ist sie ja wirklich kein Mensch. Aber… aber wenn sie auch keine Elbe ist, weiß ich wirklich nicht, wo ich sie noch einordnen soll…”
“Ich werde es herausfinden.”
“Dann viel Glück, Legolas. Ich werde dort hinten sein, wenn irgendetwas ist…”
Und mit diesen Worten verließ Haldir Thranduils Sohn und entfernte sich schweigend, um sich hinter einigen Bäumen niederzulassen und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.
Legolas drehte sich um und ging langsam auf Lia zu, die sich verstört umsah und einige hell leuchtenden Sterne beobachtete, die über ihr am Himmel aufblitzten.
“Lia?”
“Ja?” Sie fuhr herum.
“Darf ich dir einige Fragen stellen?”
“Gerne. Worum geht es?”
Der Elb kam einige Schritte näher.
“Was fühlt ihr im Moment. Wenn ihr all das hier seht?” Er deutete auf die Bäume, auf den blinkenden Schnee und auf den Mond am Himmel.
“Mmhh… was soll ich da sagen? Dunkelheit, jedoch auch Geborgenheit unter den Bäumen…”
Diese Frage hatte Legolas nicht sonderlich weitergebracht und so versuchte er es mit etwas sehr simplen.
“Dürfte ich euch bitten euch dort hinzustellen?”
“Wohin genau?” Lia schien es sogar ein wenig Spaß zu bringen, sich von dem Elben ausfragen zu lassen und sie begab sich zur der von ihm daraufhin gezeigten Stelle.
“AUF den Schnee…” meinte Legolas und verfolgte jeden ihrer Schritte, den sie machte. Und tatsächlich trug sie die Schneedecke.
Doch zu seiner Überraschung nicht allzu lange. Jedoch um einiges länger, als sie einen Menschen getragen hätte.
Der Elb drehte sich um. Er hörte nur, wie Lia sich wieder aus der Schneewehe befreite. Er dachte angestrengt nach. Alles widersprach sich irgendwie. Sie wusste nicht genau, was sie fühlte und die Probe mit dem Schnee hatte auch nichts bewirkt. Er musste sich etwas anderes einfallen lassen.
Lia trat wieder an ihn heran und wartete.
Der Elb legte seine Hand gegen die Stirn und grübelte einige Momente.
Und tatsächlich fiel ihm etwas ein.
Aber würde sie es zulassen?
Er drehte sich langsam zu ihr um und sah ihr in die Augen. Ihr leichtes Lächeln, das ihr in den letzten Momenten auf den Mund gezaubert worden war, verschwand.
Legolas hob seine Hand.
“Darf ich?”
Zuerst sah sie ihn fragend an, doch sie vertraute ihm.
Seine Hand berührte vorsichtig ihr Gesicht.
Lia zuckte zurück. Es musste ihr sehr fremd sein, von jemandem berührt zu werden.
“Ganz ruhig.” flüsterte Legolas leise zu ihr hinüber und zog kurz seine Hand zurück. “Du erinnerst dich nicht an so etwas?”
Sie schüttelte den Kopf.
“Ich werde dich nicht verletzen, ja?”
Diesmal nickte sie und Legolas legte seine Hand wieder auf ihre Wange.
Und jetzt schien sie es fast sogar schon zu genießen und schloss ihre Augen. Legolas lächelte kurz, dann kehrte er wieder zu dem zurück, was er eigentlich vor gehabt hatte.
Seine Hand wanderte in Richtung ihrer Haare und strich über ihr Ohr.
Als er es berührte schrie sie auf und wich zurück.
Überrascht sah der Elb sie an. Und Lia selbst schien nicht weniger überrascht von dem Schmerz zu sein, den Legolas ihr zugefügt hatte. Der Elb sah zu seiner Hand hinunter. Einige Tropfen Blut glitten seine Fingerspitzen entlang und fielen danach in den klaren, weißen Schnee.
Lia schien zu spüren, dass es nicht seine Absicht gewesen war und so ließ sie ihn auch ein zweites Mal, nun aber noch vorsichtiger, an sich heran.
Er strich ihre Haare zurück und betrachtete ihr Ohr.
Er erschrak.
“Haldir!”
Sofort kam er hinter den Bäumen hervor, hinter denen er verschwunden war und sah über Legolas Schulter.
“Was ist?”
“Sieh dir das hier an!”
Er gab den Blick auf Lias ängstliches Gesicht frei.
“Und?”
“Hier…”
Wieder streifte Legolas Lias Haare beiseite.
Haldirs Blick wurde ernst.
“Wer tut so etwas und aus welchem Grund?”
“Ich habe keine Ahnung…” sagte Legolas leise und sah Lia an. “Ich weiß nicht, wer es wagt einer Elbe die Ohrenspitzen… abzuschneiden…”
Kapitel 4 - Wenn Asche und Wind sich treffen
“Lia!” rief Haldir und rannte auf das Fenster zu, vor dem er vor einem Moment Lias Fuß gesehen hatte. Er sprang hinaus und packte ihre Schulter.
Sie erschrak und schlug ihm mit der flachen Hand gegen das Gesicht.
Für einige Augenblicke konnte sie sich losreißen, doch sein Griff war stärker als sie.
“Bleib stehen! Wo willst du hin?”
Lia gab auf.
“Ich… ich weiß nicht… nirgendwo… ich muss…”
“Du musst nichts. Komm mit mir zurück.” Er hielt ihr seine Hand entgegen und zögernd nahm sie sie an. Hand in Hand gingen sie langsam zu dem Fenster zurück und kletterten hinein, ohne auch nur daran zu denken, die Tür zu benutzen.
Legolas wartete bis sie wieder hereingekommen waren und drückte Lia ein Handtuch für ihre, immer noch nassen Haare in die Arme.
Hinter ihm tauchten einen Moment später Boromir und Aragorn auf, die sich verwundert in dem kleinen Raum umsahen.
“Was ist hier los?” fragten beide wie aus einem Mund und sahen in die Runde.
“Sie ist aus dem Fenster geklettert.” erklärte Haldir schnell mit einem kurzen Blick auf Lia, die sich über das kalte Gesicht wischte.
Boromir setzte sich auf den Rand der Wanne.
“Warum hast du das getan? Wenn du fort möchtest, sag es uns. So musst du dir jemand anderen suchen, der dir hilft.”
Lia nickte nur kurz und verließ schnell das Bad.
Ihr Plan war fehlgeschlagen.
Diese Leute waren einfach zu aufmerksam.
Sie fühlte sich noch mehr verfolgt.
Es hatte keinen Sinn.
In ihrem Zimmer angekommen griff sie sofort nach einem von Legolas Messern und hob es vor ihre Brust.
Sie zitterte kein bisschen.
Sie war sich vollkommen sicher in dem, was sie tat.
Die Schritte der anderen kamen näher.
Einige Worte wurden gewechselt.
Sie hatte nur wenige Augenblicke.
Die Tür schwang auf.
Sie stach zu.
“Wie konnte das nur passieren?” fragte Boromir in die Runde und sah dann aufgeregt zu Lias Körper hinab. “Wieso wollte sie sich umbringen?”
Das Blut strömte aus ihrem Körper und sie hatten große Schwierigkeiten damit, sie zu versorgen.
Haldir sah fragend zu Aragorn, der dabei war, ihr das Hemd über den Kopf zu streifen und ihre Brust mit einem weißen Laken zu umwickeln.
“Wird sie es schaffen?”
“Hoffentlich.” kam nur als Antwort zurück und der Elb fragte nicht weiter, sondern half ihnen lieber.
“Sie kommt wieder zu sich!” rief Legolas plötzlich und hob ihren Kopf an.
Lia hustete und mit ihrer linken Hand krallte sie sich in Legolas Arm.
“Ganz ruhig…” flüsterte Aragorn zu ihr hinab. “Was sollte das? Wir können von Glück sagen, dass du wohl auch vergessen hast, auf welcher Seite dein Herz liegt, sonst hätten wir dich verloren.”
“Was?… Ich lebe? … Nein…”
Mit der rechten Hand suchte sie nach dem Messer, dass sie sich zuvor in die Brust gerammt hatte, doch Boromir hatte es schnell an sich genommen, nachdem sie sie gefunden hatten.
Legolas strich über ihren Handrücken, um sie zu beruhigen, doch das schien sie nur noch aufgewühlter zu machen.
Sie schlug um sich und versuchte aufzustehen, aber das gaben ihre Kräfte nicht mehr her.
“Wieso hast du das getan, Lia?” fragte Aragorn erneut und hielt sie fest.
“Ich… ich… weiß nicht, was ich hier soll! Was habe ich hier verloren? Ich… ich… habe keinen Namen, keine Erinnerungen! Zum Teufel mit euch! Hättet ihr mich doch sterben lassen! Verschwindet!”
Im nächsten Moment hielt Legolas ihr den Mund zu.
“Ruhig…” Doch das interessierte sie kaum und sie biss ihm mit voller Wucht in einen Finger.
Er zuckte zurück und legte seine Hand rasch auf eines ihrer Ohren.
Ihr Schmerzensschrei durchzog die Dunkelheit des Raumes. Ihre spitze Stimme grub sich in die Gedanken der Anwesenden und ließ sie nicht los.
Nach einiger Zeit gab Legolas sie frei.
Eine Träne rollte über ihr Gesicht und ein leises Schluchzen schallte zwischen den Wänden hin und her.
Gespannte Stille lag nun im Raum.
Aragorn stand auf und schüttelte die Kissen auf einem Bett auf. Dann wurde Lia von Boromir und Legolas hineingelegt.
“So, du bleibst jetzt hier liegen, verstanden?”
Sie nickte und vergrub ihr Gesicht sofort danach zwischen den Kissen.
Aragorn machte eine kurze Kopfbewegung und Boromir und Legolas folgten im in das andere Zimmer.
Haldir blieb bei ihr, um ein waches Auge auf sie zu werfen.
Nach einiger Zeit erhob er sich von seinem Stuhl, zog ihn neben das Bett und beugte sich, nachdem er sich wieder gesetzt hatte, wieder zu Lia hinunter.
“Darf ich fragen, was du vorhattest?” vorsichtig versuchte er ihr Gesicht aus den Kissen zu führen.
Er erhielt keine Antwort.
“Weshalb hast du das getan? Niemand sollte sein Leben vorzeitig beenden. Niemand. Niemand. Das Leben ist ein sehr wertvolles Geschenk.”
Langsam drehte Lia sich zu ihm um und versuchte seinen Worten zu folgen.
“Aber, was ist mit mir? Ich habe hier nichts… nichts, was das Leben lebenswert machen könnte. Ich habe alles verloren. Was ist mir denn geblieben?”
“Vielleicht meinte das Schicksal es auch gut mit dir und dir konnte nichts Besseres passieren als ein Neuanfang. Vielleicht hat sich damit einer deiner sehnlichsten Träume erfüllt… Wer weiß…”
“Das glaube ich kaum. Sehnlichster Traum…” plötzlich begann sie zu kichern. “Traum…” Dann griff sie nach dem Kissen, auf dem sie gelegen hatte und warf es Haldir mitten in das Gesicht.
Er verstummte.
Er überlegte einen Moment.
Dann hob er das Kissen vom Boden auf und schmiss es zurück in Lias Richtung.
Bald hatte sie daraus ein kleiner Kampf entwickelt, der erst endete, als Lia schließlich doch die Schmerzen ihrer Wunde bemerkte.
Sie ließ sich zurück in die weichen Stoffe sinken und Haldir lehnte sich außer Atem in den Stuhl zurück.
“Haldir?”
“Ja?”
“Bringst du mir Elbisch bei?”
“Wie bitte?”
“Ob du mir Elbisch beibringst.”
“Ich weiß nicht… wenn du möchtest…”
“Natürlich möchte ich! Fangen wir sofort an!”
“Nein, nicht jetzt. Zuerst ruhst du dich aus. Morgen sehen wir weiter.”
Er stand auf und sah ihr einige Augenblicke in die Augen. Dann hauchte er einen leichten Kuss auf die Stirn und wartete darauf, dass sie sich beruhigte.
Doch er hatte fast das Gegenteil bewirkt. Durch seinen Kuss hatte er sie wieder verwirrt, woraufhin er zur Antwort einiger Fragen gezwungen war.
Aber über Liebe und Freundschaft konnte Haldir viel erzählen und so begann er ihr Geschichten zu erzählen, denen sie gerne lauschte…
“Hier.” sagte Aragorn und warf dem Wirt einige Goldstücke auf die Theke. “Nehmt es.”
“Vielen Dank, mein Herr. Besuchen sie unser bescheidenes Haus bald wieder.”
Boromir öffnete die Tür und ging auf sein bereits gesatteltes Pferd zu. Es hatte aufgehört zu schneien, doch die Schneedecke war in den zwei Tagen, die sie in dem Gasthaus verbracht hatten, um einiges dicker geworden.
Lia hatte sich von Haldir einige elbische Wörter beibringen lassen, von denen sie die Hälfte jedoch immer wieder vergaß. Dennoch machte es ihr großen Spaß die Sprache der Elben zu lernen, die Haldir hinter ihr im Sattel in ihr Ohr flüsterte.
Aragorn sprang auf den Rücken seines Pferdes und drehte sich zu den anderen um.
“Wenn wir schnell reiten, können wir Bruchtal in drei Tagen erreichen. Ich habe nicht vor, noch irgendwelche Umwege zu erkunden und nach Spuren zu suchen.
Bis jetzt haben diese uns nämlich nicht sehr viel geholfen. Ich schlage vor, wir reiten den Pfad durch den Wald und dahinter an Ostseite der Stadt hinein. Einwände?”
Niemand erhob die Stimme und mit einem letzten “Gut…” setzte Aragorn sich in Bewegung und die anderen folgten ihm.
Auf dem Weg lachte Lia ausgelassen mit Haldir und Legolas, die vergeblich versuchten ihr einige schwierige Wörter und deren Bedeutung beizubringen.
“Niëninque…”
“Ni… wie war das noch mal?”
Und so ging es bei einigen Wörtern, die Lia nicht aussprechen konnte. Aber das störte die drei nicht sonderlich.
Nach einigen Stunden hatten sie den von Aragorn beschriebenen Wald erreicht.
Sie trabten einen schmalen Pfad entlang. Die Bäume waren verschneit und die Abhänge eisig gefroren.
Ein weißer Hase huschte an ihnen vorbei und versteckte sich dann zwischen den Wurzeln eines riesigen Baumes.
“Es ist sehr schön hier.” bemerkte Lia und sah sich ehrfürchtig um.
Legolas und Haldir hatten es aufgegeben, sie zu unterrichten und betrachteten ebenfalls die Umgebung.
Plötzlich packte Lia die Zügel und riss sie aus Haldirs Händen. Das Pferd wieherte laut und blieb abrupt stehen.
Haldir musste sich an ihrem Rücken festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
“Was soll das?”
Aragorn und Boromir sahen sich nur kurz an und ritten unbeirrt weiter.
“Merkwürdig ist das…” murmelte einer der beiden leise. Doch bei Lias nächsten Worten stutzten auch sie.
“Ich kenne dieses Stück… ich weiß, wo ich bin!”
Kapitel 5 - Nichts steht still
“Was sagst du da?” rief Legolas und wollte Boromir und Aragorn zurückholen, doch sie hatten Lias Worte selbst vernommen. “Du erinnerst dich?”
“Nur an dieses Stück Wald! Nicht mehr. Eichen, Birken! Dort hinten steht eine kleine Hütte! An der nächsten Biegung ist ein Baum, der aussieht wie das Gesicht von einem Ork und… Ork? Orks!”
“Sie erinnert sich!” rief Boromir voller Freude. “Rede weiter! Was weißt du noch?”
Lias Erinnerungen sprudelten nur so aus ihr heraus.
“Orks! Diese dreckigen Kreaturen und Bäume, Blumen, Zwerge, Menschen und… Elben!”
Legolas und Haldir sahen in ihr überraschtes Gesicht.
“Du weißt wieder, was Elben sind?” fragten sie beide fast gleichzeitig.
“Ich…” Auf einmal verschwand der freudige Ausdruck aus ihrem Gesicht. “Nein… das weiß ich nicht… Ich weiß immer noch nicht, wer ich bin…”
Aragorn legte seine Hand auf ihre.
“Aber du hast dich erinnert! Das ist doch schon etwas!”
“Ja, aber… viel ist es nicht…”
“Das ist egal. Kommt weiter. Vielleicht erinnert sie sich ja noch mehr, wenn wir weiter reiten.”
Alle stimmten Aragorn zu; so setzten sie ihren Weg schnell fort. Sie kamen an dem Baum vorbei, den Lia ihnen beschrieben hatte und als sie ihn sah, wurde ihr wieder ein leichtes Lächeln auf die Lippen gezaubert.
Der Waldrand kam immer näher und schon von weitem bemerkten die Elben, dass etwas nicht stimmte.
“Aragorn, warte.” mahnte Legolas und ritt voraus. Als er zurückkam, zückte er bereits seinen Bogen. “Das Dorf! Es wurde überfallen! Einige Dutzend Orks sind dabei, es nieder zu brennen!”
Niemand sagte etwas. Alle waren sich bereits einig und zogen ihre Waffen. Boromir warf Lia ein Schwert zu, das er noch mitgenommen hatte und ritt hinter Aragorn her, der das Dorf schon fast erreicht hatte.
Verwundert betrachtete sie die Waffe in ihrer Hand, doch schien sie sich auch daran ein wenig zu erinnern und so wunderte sie es auch wenig, als Legolas´ Pfeile an ihr vorbeirauschten und die ersten Orks zu Boden fielen.
Haldir war vom Pferd gesprungen und ebenfalls dabei, seine Pfeile abzuschießen. Lia achtete nicht mehr auf die beiden Elben und galoppierte hinter Boromir und Aragorn her und ahmte geschickt ihre Schläge nach.
Bald brauchte sie die Hilfe der beiden Menschen nicht mehr, da sie sich immer mehr an ihre eigenen Kämpfe erinnerte.
Die Orks hatten die Dächer der Häuser und die Ställe der Pferde und Esel angezündet. Überall rannten Menschen durch die winzigen Gassen. Kinder liefen zwischen den Pferden herum, die verwirrt und voller Angst in ihren Gattern hin und her galoppierten.
Boromir machte sich gleich daran, einige der Kinder zu retten und aus dem Dorf heraus zu tragen. Lia hatte ihre Angreifer abgewehrt und versuchte ebenfalls, einige der Einwohner zur Ruhe zu bewegen und sie außer Gefahr zu bringen.
Sie sprang von ihrem Pferd, um eines der Häuser zu betreten. Gerade als ihre Füße den Boden berührten, wurde sie von hinten angefallen.
Sie wurde aber nicht angegriffen. Als sie sich umdrehte, blickte sie nur noch in die verzerrte Fratze eines Orks, der anscheinend von Aragorn niedergestochen worden war und nun gegen ihren Rücken knallte.
Zu spät versuchte sie, auszuweichen und so fiel sie unsanft zu Boden. Die Schwerter hinter ihr klirrten und ihre Kraft reichte nicht aus, um das Gewicht von ihrer Brust zu schieben.
Ein Ork tauchte neben ihrem Kopf auf und erhob seine Waffe. Diesmal war Haldir der schnellere. Ein Pfeil zischte an Lia vorbei und der Angreifer sank zu Boden.
“Alles in Ordnung?” fragte der Elb zu Lia hinunter und schob den Leichnam von ihrem Körper.
“Ja, ich denke schon…”
“Dann komm.” Er reichte ihr seine Hand und zog sie auf die Beine.
Sie drehte sich sofort um und rannte in eines der Häuser hinein. Die Flammen schlugen um ihre Knie, doch sie lief unbeirrt weiter.
“Lia?” rief Haldir hinter ihr und folgte ihr. “Komm da raus! Es stürzt gleich ein!”
“Gleich! Hier ist jemand!” kam sofort ihr Antwort zurück. Dann verlor sich ihre Stimme im dichter werdenden Rauch.
“Lia?” Haldir konnte sie nicht mehr sehen.
Das Klirren der Schwerter war verklungen uns Boromir, Legolas und Aragorn kamen zu Haldir geeilt.
“Ist sie da drin?” fragte Legolas laut und sah in die Flammen. Haldir nickte nur stumm.
“Dann müssen wir sie da raus holen!” Legolas schob einen angebrannten Holzbalken beiseite und betrat das Haus. Doch Lia kam ihm schon entgegen.
Im Arm trug sie einen kleinen Jungen. Er hustete und auch ihr ging es nicht besser. Kraftlos schleppte sie sich und das Kind hinaus und ließ sich dann auf den Boden fallen.
Aragorn und Legolas knieten sich neben sie, um ihr zu helfen, doch sie wehrte die Hilfe fast schon ab.
“Es geht schon… nehmt ihn.”
Sie stellte den Jungen auf die Beine. Er prustete und rieb sich das Gesicht und die Augen. Als er Lia erblickte, erschrak er.
“Geh weg! Verschwinde!” Er wich ein wenig zurück. Dann trat er Lia kräftig gegen den Kopf. Und so schaffte sie es doch nicht, auf zu stehen.
“He du!” Aragorn packte ihn am Arm. “Was soll das?”
“Lasst mich los! Sie soll weggehen! Lasst… mich…” Aragorn gab ihn frei und er lief auf die große Gruppe zu, die sich am Rande des Dorfes versammelt hatten.
“Warum?” Doch Aragorns Rufe waren vergebens. Der Junge war schon fort und Boromir hatte langsam genug von der ewigen Raterei.
“Es scheint fast so, als ob wir die einzigen hier wären, die nicht wissen, worum es geht! Ich finde, wir sollten sie in das nächste Dorf bringen, das sie aufnehmen würde, und dann unsere Reise beenden!”
Allen stockte der Atem. Niemand hatte auch nur im Entferntesten daran gedacht Lia zu verlassen, ja gar auszusetzen. Doch Boromir hatte es sogar ausgesprochen.
Plötzlich redeten alle auf Boromir ein und versuchten, ihn von seinen Gedanken abzubringen.
Nur Lia nicht.
Irgendetwas war sonderbar…
Gebannt starrte sie ins Leere und hielt sich dabei den Kopf. Erst als der Schmerz langsam nachließ, hörten auch die wirren Stimmen neben ihr auf, zu lärmen.
Haldir wollte Lia wie selbstverständlich die Hand reichen, doch sie griff nicht danach.
“Komm!” sagte der Elb und sah sie diesmal dabei an.
“Nein…”
Erst jetzt hielten auch Aragorn, Boromir und Legolas inne.
“… ich erinnere mich an etwas…”
“Was?” fragte Aragorn schnell und kniete sich neben sie.
“Ich sehe… meinen… Großvater… Er hat mich geschlagen… immer wieder! Er geht nicht fort!”
Ihr ängstliches Gesicht wird immer verzerrter. Vor Schmerz, Furcht und grausamen Erinnerungen.
Keiner der Anwesenden sagte etwas. Lias Gestalt war zu hilflos, um auch nur ein Wort darüber verlieren zu können.
Wie aus dem Nichts heraus packte Legolas plötzlich Lias Arme und hob sie in die Höhe. Als sie auf ihren Beinen stand, legte er ihren Arm um seinen Schulter und seinen eigenen um ihre Hüfte. So führte er sie langsam zu den Pferden zurück.
Keiner der anderen verübelte es ihm, denn was er tat, war genau das, was die Situation erforderte.
Der Elb setzte sie auf sein Pferd und schwang sich dann hinter ihr in den Sattel. Dabei beruhigte er sie immer wieder und hielt ihre Hand.
Bald kamen die anderen hinterher, fingen die verschreckten Pferde ein und folgten Legolas, der langsam in Richtung Bruchtal ritt.
Der Himmel verdunkelte sich. Dichte Wolken zogen herauf und brachten neuen, wehenden Schnee mit sich. Die Pferde taten sich schwer damit, den Pfad entlang zu traben und bald war es fast unmöglich.
Die Nacht brach herein und keiner der Reisenden wollte es noch auf sich nehmen, die Tiere zu Fuß durch den dichten Wald zu führen.
Sie fanden eine verlassene Hütte und bald prasselte ein kleines Feuer in dem verkommenen Ofen.
Das einzige Bett hatten sie Lia überlassen, welches in einem anderen Zimmer lag. Aragorn und Boromir machten es sich auf dem Boden bequem und die beiden Elben gaben sich mit zwei zerbrochenen Stühlen zufrieden.
Haldir warf immer wieder neues Holz in die Flammen und Legolas und Aragorn begannen nach einiger Zeit ein elbisches Lied anzustimmen.
Lia bekam von dem freudigen Treiben nur wenig mit. Hin und wieder hörte sie Silben aus dem Gespräch heraus, die zusammengenommen jedoch wenig Sinn ergaben.
Und trotz der vertrauten Stimmen vernahm sie immer wieder die Stimme ihres Großvaters, der mit wilden Schreien auf sie einschlug. Und immer, wenn sie versuchte, sich mit geschlossenen Augen auf die leise Melodie von Legolas und Aragorn zu konzentrieren, wuchs ihre Angst vor den wütenden Augen des Mannes, der sich vor ihr aufbaute und dessen Hand auf ihr Gesicht zuschnellte.
Nach einer Stunde hielt sie es nicht mehr aus. Wie ein Alptraum, der sie nicht losließ, schwirrte dieser Mann in ihren Gedanken umher.
Er lief ihr hinterher, rief nach ihr.
Überall hörte sie seine Stimme.
Und sie wollte nicht verschwinden.
Vollkommen verstört riss sie das Fenster auf und packte den Rahmen.
Dann stieß sie sich vom Boden ab und sprang hinaus.
Kapitel 6 - Weit fort von hier
Sie landete ein wenig unsanft im Schnee und lief dann so schnell sie konnte auf einen hohen Felsen zu, auf den sie mit Leichtigkeit hinaufkletterte.
Sie stellte sich auf die Spitze und sah zum Abhang hinunter. Zwischen ihr und dem Boden lagen einige Meter, doch die Wahrscheinlichkeit unbeschadet davon zu kommen war so groß, dass sie es wagen wollte. Sie wollte sich nicht umbringen, nein. Sie wollte fort. Wie sie es schon einmal versucht hatte.
Und gerade als Legolas die Tür öffnete, um einem gehörten Geräusch nachzugehen, fasste sie sich ein Herz und sprang in die Tiefe…
Das letzte, was sie spürte war eine kräftige Hand, die ihren Arm packte und zurück auf den Felsen zog. Doch es war weder Legolas noch Haldirs Arm. Und auch nicht der von Boromir und Aragorn.
Die Hand zog sie auf den Felsen zurück. Lia wollte sich umdrehen und sehen, wer ihr die Flucht verwehrt hatte, doch ein harter Schlag traf sie und sie verlor das Bewusstsein.
Und deshalb hörte sie auch nicht die Rufe der anderen, die einige Momente zu spät am Felsen eintrafen…
“Fußspuren…” Aragorn sah zu Boden. “Diese sind von ihr. Diese dort nicht. Hier war noch jemand.”
Boromir suchte die nähere Umgebung flüchtig ab und rief nach ihr.
Doch es kam keine Antwort zu ihm zurück.
“Was soll das hier alles?” schrie Haldir so unerwartet die Felsen hinunter, dass Legolas und Aragorn erschraken und aufsprangen. Doch Haldir schien das gar nicht bemerkt zu haben. “Wer du auch bist, zeig dich! Dein Spiel gefällt uns nicht! Bring sie wieder her und sag uns, was hier vor sich geht! Wir haben keine Lust mehr auf Rätselraten!”
Keiner von ihnen erwartete eine Antwort. Sie wussten ja noch nicht einmal genau, ob es überhaupt jemanden gab, der ihnen antworten konnte.
Aber es rührte sich tatsächlich etwas zwischen einigen Bäumen. Doch sie konnten nichts erkennen. Nur eine Stimme drang an ihr Ohr:
“Was hier vor sich geht, wollt ihr wissen? Das werdet ihr nie erfahren. Zu viel wisst ihr schon. Wir haben sie. Und sie wird bei uns bleiben. Ihr werdet sie nicht wieder sehen. Nie wieder…”
Dann verstummte die unbekannte Stimme. Aragorn ging einige Schritte auf die Bäume zu.
“Wer seid ihr? Zeigt euch!”
“Verschwindet von hier, wenn ihr euer Leben retten wollt! Sie geht euch nun nichts mehr an!”
“Nein! Wer seid ihr?”
Stille.
“Kommt!” rief Aragorn den anderen zu. Sie zückten ihre Waffen und auf Aragorns Kommando rannten sie auf die Bäume zu, hinter denen sie die unbekannte Stimme vermuteten.
Aber sie fanden nichts außer einem Haufen Laub und Äste.
Die beiden Elben sahen sich angestrengt um.
“Lassen wir sie.” meinte Boromir plötzlich und steckte sein Schwert zurück. “Wollten wir nicht bei jedem Zwischenfall den direkten Weg wieder aufnehmen? Wir können uns nun nicht noch Stunden damit aufhalten, sie zu suchen. Man wartet sicher schon auf uns.”
Alle starrten ihn an.
“Das kann nicht dein Ernst sein.” rief Legolas ihm direkt ins Gesicht. “Wir können sie nicht einfach bei diesem… Unbekannten lassen! Wir sind hier ihre einzigen Freunde. Und jetzt braucht sie unsere Hilfe. Ich finde, unsere Reise ist da eher zweitrangig.”
Aragorn und Haldir beteiligten sich nicht. Leise tuschelten sie einige Meter von den beiden Streitenden entfernt. Als sie wieder zurückkamen, verstummten Legolas und Boromir, denn Haldir schlug jedem von den beiden kräftig gegen den Kopf, da sie auf seine und Aragorns Rufe nicht reagiert hatten.
“So.” begann er. “Wenn wir uns jetzt alle wieder gut verstehen… Wir haben beschlossen, dass einer oder zwei von uns schon nach Bruchtal reiten sollten. Wenn sie uns suchen, können sie eine größere Unruhe vermeiden. Die anderen suchen weiter nach Lia. Und wenn sie in den nächsten zwei Tagen nicht gefunden wird manchen sie keine Umwege mehr, sondern reiten direkt nach Bruchtal. Egal wie es mit ihr steht.”
Legolas und Boromir dachten kurz nach, doch sie stimmen zu.
“Wir wissen nur noch nicht genau, wer von uns gehen soll. Ich nehme an, Boromir reitet freiwillig weiter.” Boromir nickte und blickte in die Richtung in der Bruchtal liegen musste.
Es dauerte nicht lange und sie hatten beschlossen, dass Haldir und Aragorn weitersuchen würden.
Legolas und Boromir schwangen sich auf ihre Pferde. Boromir war sichtlich erleichtert, nur Legolas schien bedrückt zu sein.
“Grüßt sie von mir, wenn ihr sie findet!” rief er Aragorn und Haldir zu, als er zwischen den Felsen verschwand.
“Nun gut.” sagte Aragorn, als die anderen außer Sichtweite waren. “Lass uns gehen. Wir haben ziemlich viel Zeit verloren. Aber weit können sie noch nicht sein. Ich habe keine Pferde gehört.”
Haldir stimmte ihm wortlos zu und gemeinsam ritten sie in den Wald hinein, der seine Äste schützend über ihren Köpfen erhoben hatte.
“Es ist unheimlich hier” flüsterte Haldir leise in die geheimnisvolle Stille hinein. “Wir sollten uns beeilen.”
Er lief voraus und nach sehr kurzer Zeit waren sie tief in den Wald eingedrungen.
Die Blätter raschelten und der Boden knackte unter ihren Füßen.
Es war ein komisches Gefühl.
Sie fühlten sich beobachtet.
Von einem unsichtbaren Auge erfasst.
Keiner sagte, was er in diesen Momenten dachte.
Beide bemerkten es an sich selbst.
Die Minuten ohne eine Spur verstrichen.
Und noch immer sagte niemand ein Wort.
Sie spürten die Anwesenheit von etwas Anderem.
Etwas, das sie nicht kannten.
Vielleicht auch jemand.
Das wussten sie nicht.
Denn in Wirklichkeit wussten sie nichts.
Gar nichts.
“Sie sind hier nicht.” Haldir blieb stehen und blickte in alle Richtungen.
“Aber sie müssen hier sein.” flüsterte Aragorn. “Du hast es doch gesehen. Man kann nur auf diesem Weg weiter. Überall sind zu steile Felsen oder Gebüsche, die kein Durchdringen bieten.”
Er stockte kurz.
“Hört ihr mich? Wir wissen, dass ihr hier seid! Versucht nicht, euch zu verstecken!”
Keine Antwort.
Weshalb auch?
“Sie sind fort.” Haldir war bereits auf dem Rückweg, als Aragorn hin festhielt.
“Wir suchen weiter. Wir geben erst auf, wenn die Sonne untergeht.”
Damit war der Elb einverstanden und so ging die Suche weiter. Der Wald wurde immer undurchdringlicher. Und langsam verlor sogar Aragorn den Glauben daran, sie noch zu finden.
Der Tag neigte sich dem Ende entgegen.
“Lass uns umkehren, Aragorn. Wir finden sie nicht mehr. Es kann schließlich nicht alles ein gutes Ende nehmen.”
Aragorn seufzte, gab sich jedoch geschlagen.
“Dann… gehen wir. Es wird ein langer Rückweg.”
Legolas und Boromir unterhielten sich nicht sehr viel.
Weshalb auch?
Denn außer den gleichen Freunden hatten sie so gut wie nichts gemeinsam. Sie kamen miteinander aus und das reichte ihnen.
Ein wenig merkwürdig fand Boromir den Elben schon. Aber das dachte er über alle Elben, die er kannte und nicht kannte.
Sie waren ihm zu geheimnisvoll. Eine Eigenart, die er nicht ausstehen kann.
Legolas war von Boromir ebenfalls nicht besonders angetan. Aber er zeigte es nicht offen, was vielleicht auch besser so war.
Sie ritten den ganzen Tag durch die verschneiten Gegenden. Die Äste der Bäume hingen tief und die gefrorenen Zweige zerbrachen unter den Hufen der Pferde. Es würden noch zwei Tagesreisen bis Bruchtal sein, wenn sie schnell ritten.
Doch leider kamen sie nur langsam voran.
Der Schnee bedeckte die Wege und Pfade, auf denen sie ritten und das machte das Reisen nicht gerade leichter. Einige Male rasteten sie und warteten eine Stunde, um vielleicht am Horizont die Schatten zweier bekannter Gestalten zu erblicken.
Doch sie kamen nicht.
Boromir suchte unter den verschneiten Bäumen nach trockenem Holz und Legolas packte einige Vorräte aus, die er sorgfältig auf den Boden legte. Viel war es nicht, aber es reichte für die beiden aus.
Boromir entfachte ein kleines Feuer, das bald darauf den Schnee darum herum zum Schmelzen brachte.
“Was hältst du davon?” fragte er plötzlich in die Stille hinein.
“Ich finde es merkwürdig. Viele Zufälle haben dieses Mädchen zu uns geführt. Wenn es Zufälle waren… Aber ich denke, es ist wirklich besser, dass wir uns nicht ganz der Suche nach ihr gewidmet haben.”
“Wahrscheinlich ist sie der Mühe wirklich nicht wert. Wahrscheinlich ist sie doch nur eine Bauernmagd, die mit einem Schlag auf den Kopf ihr Gedächtnis verloren hat und die von allen gefürchtet wird, weil sie Gänse stielt. Was erwartet Aragorn denn? Eine verstoßene Königin? Eine vergessene Elbenprinzessin? Bestimmt sind sie schon hinter uns, weil sie sie nicht gefunden haben.”
Legolas antwortete nicht mehr. Von seiner Seite aus gab es nichts mehr zu sagen. Und Boromir verübelte es ihm nicht. Was hätte er auch sagen sollen?
Aber ein wenig interessierte es ihn schon, wer ihre weibliche Begegnung war.
Legolas war da etwas anders. Er hätte zu gern gewusst, wen sie da gefunden hatten. Von Boromirs Theorie über die Bauernmagd hielt er wenig. Elben sind keine Mägde. Keine eines einfachen Bauern zumindest. Und eine Elbe, der man vorenthalten wollte, dass sie eine Elbe war schon gar nicht. Bormir hatte sich bereits schlafen gelegt und Legolas beobachtete seine ruhigen Atemzüge einige Momente lang.
Den Kopf mit Fragen überhäuft, stand er schließlich auf und streifte ein wenig in der näheren Umgebung umher.
Wie gerne würde er mit Haldir den Platz tauschen, um mit Aragorn dem kleinen Geheimnis auf die Spur zu kommen…
Kapitel 7 - Ein weiterer Sturm
~”Das Leben besteht hauptsächlich aus Umwegen.”~ (Frank Thieß)
Haldir und Aragorn ritten langsam zwischen den dichten Ästen auf die zertrampelten Wege zurück. die Nacht war bereits hereingebrochen, als sie den Waldrand schon fast sehen konnten.
Sie unterhielten sich über alle möglichen Dinge, an die sich keiner der beiden einige Stunden später kaum noch erinnerte.
“Und man könnte außerdem…” begann Haldir gerade einen neuen Satz, als er plötzlich stockte.
“Was hast du?” fragte Aragorn und versuchte, sein Gesicht in der Dunkelheit erkennen zu können.
“Sie ist hier. Ganz in der Nähe. Ich kann ihre Stimme hören. Fetzen von Wörtern. Schreie und Rufe.”
“Wo?”
Haldir ritt einige Schritte in die eine und einige Schritte in eine andere Richtung. Dann blieb er stehen und lauschte noch einmal.
“In diese Richtung.” Er zeigte zum Waldrand. “Irgendwo dort. Es ist sehr leise. Und es ist jemand bei ihr, wenn mich nicht alles täuscht.”
“Dann komm. Wir müssen ebenfalls leise sein, sonst entdeckt uns dieser jemand wieder früher, als wir ihn erkennen können.”
Sie ritten einige Minuten langsam und fast geräuschlos durch die dunklen Bäume und Büsche. Dann sprangen sie ab und schlichen zu Fuß weiter, denn nun konnte auch Aragorn die Stimmen hören.
“… sei endlich still… es kommt sowieso niemand, der dir helfen kann…” Das war die männliche unbekannte Stimme, die ihnen schon einmal begegnet war.
“… Lasst mich in Ruhe. Bitte, lasst das… Was wollt ihr von mir? Lasst mich los…” Das war Lia.
Haldir lugte um einen Baum. Und ihm blieb fast das Herz stehen.
Ein großer Mann, mit der Statur eines Bären, hielt Lias Arme fest, schüttelte sie und zerrte wild an ihrem Körper herum. Das bizarre daran war jedoch, dass Lia fast nichts an hatte. Ihr Hemd hing in den Ästen eines Baumes und ihre Hose war ganz verschwunden.
“Was wollt ihr nun noch von mir?”
“Nicht mehr viel…” Er drängte sie auf einen Felsen zu und strich über ihre Brüste.
“Nein…”
Seine Hand fuhr an ihrem Körper hinab.
Plötzlich spürte er ein Schwert an seinem Rücken.
“Lasst sie los! Sofort!” Aragorns Schwert blitzte über dem weißen Schnee.
“Gut… ich lasse sie los…” Der Mann zog ein Messer unter seinem Mantel hervor und schlug Aragorn von sich.
“Verschwindet! Was machen ein Elb und ein Mensch hier in diesem Wald?”
“Wir holen sie zurück!”
“Das könnt ihr nicht. Vielleicht habt ihr ein Schwert, doch so wie ihr ausseht, dürfte es euch schwer fallen, gegen mich anzukommen.”
Das Messer schnellte auf Aragorn zu, welcher sich jedoch mühelos gegen den Angriff wehren konnte. Der Angreifer wusste nicht, wie ihm geschah. So jemand wie Aragorn war ihm selten begegnet. Und schon bald bemerkte er, dass er Aragorn nicht gewachsen war. Er warf seine Klinge in Aragorns Richtung und rannte davon.
Haldir war sofort zu Lia gelaufen und hatte das Hemd aus dem Baum gefischt. Sie sagte nichts und warf sich das Stück Stoff über die Schultern. Dann ließ sie sich an dem Baum zu Boden sinken und legte das Gesicht in die Hände.
Weinen konnte sie nicht.
Stumm saß sie da und wartete.
Doch worauf sie wartete, wusste sie nicht.
Aragorn hob das Messer auf und wischte den Schnee davon ab.
Er und Haldir sahen sich an. Und ohne ein weiteres Wort beugte Haldir sich zu ihr hinab und nahm die Hand von ihrem Gesicht. Ihre großen Augen blickten sie angsterfüllt und glasig an. Als würde sie durch ihn hindurchblicken.
“Komm, Lia. Verschwinden wir von hier, bevor er zurückkommt.” Er hielt ihr seine Hand entgegen, aber sie griff nicht danach. Stattdessen blickte sie in die Richtung, in die ihr Angreifer verschwunden war.
“Ich kenne ihn…” Ihre Stimme klang kalt und heiser. Nicht so, wie Haldir und Aragorn sie kannten. Ihr Atem gefror vor ihrem Mund.
“Er ist… er kennt meinen Großvater… ein Freund von ihm… ist er… und… ich weiß nicht…”
Aragorn überlegte. Dann suchte er die Umgebung nach Lias Kleidung ab. Nach einigen Minuten fand er ihre Hose und sogar ihren Mantel. Haldir legte ihn ihr über die Schultern und stützte sie auf dem weiteren Weg.
“Haldir?” flüsterte Aragorn zu ihm hinüber.
“Ja?”
“Ich glaube ihn auch zu kennen. Ich sah ihn einmal. In Bruchtal.”
“In Bruchtal? Bist du dir sicher?” Haldir war sichtlich überrascht, was in diesem Fall auch nicht weiter verwunderlich war.
“Ich weiß nicht genau, ob er es war. Aber es war sicher in Bruchtal.”
Der Elb sagte nichts mehr.
Lia ebenfalls nicht. Sie hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Sie machte sich keine Gedanken darüber, wohin sie lief. Stolperte sie, ließ sie sich von Aragorn oder Haldir einfach weiterziehen. Und selbst als sie die Pferde erreichten, rührte sie sich nicht.
Haldir hob sie in den Sattel seines Pferdes und setzte sich danach hinter sie. Lange sah er zu ihr hinab. Geneigt saß sie da. Ganz ruhig. Kaum ein Atemzug war zu hören. Die Augen zu Boden gerichtet. Nachdenklich wartend.
Der Elb legte die Arme um sie, um nach den Zügeln zu greifen. Und merkwürdiger Weise regte sie sich auch diesmal nicht.
Auch Aragorn bemerkte ihre Abwesenheit, sagte jedoch nichts. Er ritt voraus und Haldir und Lia folgten ihm langsam in die Nacht hinein…
Boromir und Legolas waren ebenfalls wieder auf ihrem Weg. Der Tag war heran gebrochen und in wenigen Stunden würden sie Bruchtal erreicht haben.
Die Bäume wurden jedoch schon jetzt um einiges grüner und freundlicher, wie Legolas es beschrieb.
Boromir erkannte da aber keinen Unterschied.
Immer wieder blickten die beiden sich um, doch Haldir, Aragorn und hoffentlich sogar Lia kamen nicht in Sicht.
Sie machten sich jedoch nur wenig Gedanken darüber, denn wieso sollten die anderen schneller sei als sie?
Bald konnten sie die ersten Elben zwischen den Bäumen umherspazieren sehen und sie ritten langsamer. Die Luft war kalt und eisig. Aber die Elben schien das wenig zu stören. Die Wege waren von ihrer Schneedecke befreit worden und die Eiszapfen an den Dächern kleinerer Häuser funkelten in der Mittagssonne. Ein kleiner Bach schlängelte sich leise durch das Eis um ihn herum.
“Unglaublich…” gab Boromir von sich und betrachtete die Umgebung. “…einfach fantastisch…”
“Ja…” kam Legolas Antwort zurück, der fast genauso fasziniert war.
Sie ritten durch ein großes Tor und fanden sich daraufhin mitten in einem verschneiten, großen Hof wieder.
Sie schienen schon erwartet worden zu sein, denn sofort kamen zwei stattlich gekleidete Elben aus einem der umliegenden Häuser und begrüßten die Ankömmlinge.
“Mae govannen. Der Herr Bruchtals lässt euch grüßen. Lasst die Pferde hier und folgt uns. Ich werde euch zu ihm führen.”
Boromir und Legolas ließen ihre Pferde zurück, welche von dem anderen Elben zu den Ställen geführt wurden.
“Hier entlang.” Er führte sie durch den Hof, einige Treppen hinauf und hinunter und zeigte schließlich auf die Mitte eines verschneiten Gartens.
“Dort hinten findet ihr ihn.”
Er verbeugte sich und verließ dann eiligen Schrittes den Garten.
Elrond hatte die beiden bereits gesehen und kam hinter einigen Büschen hervor.
“Legolas und Boromir. Willkommen in Bruchtal.”
Beide verneigten sich kurz.
“Sagt mir, wo sind Aragorn und Haldir? Sind sie nicht mit euch gereist? Man erzählte mir, dass ihr später eintreffen würdet. Nicht aber getrennt.”
Elrond ging langsam auf dem steinigen Weg zu den Gebäuden zurück und Legolas und Boromir folgten ihm.
“Sie wurden aufgehalten. Der Weg wurde durch eine Lawine versperrt. Oben in den Bergen.” log Legolas. Eigentlich log er nie, aber dieses Mal schien es ihm notwendig zu sein. Was sich auch später als richtig herausstellte. Und Legolas konnte gut lügen. Das konnte er früher schon sehr gut.
Boromir erhob keine Einwände und spielte mit. Sie konnten nur hoffen, dass Elrond da noch nicht anders informiert war oder sogar versuchte, zu sehen, was mit ihnen geschehen war. Aber anscheinend glaubte er ihnen.
“Aufgehalten. Ja, diese Jahreszeit hat ihre Fallen. Und das kann man nicht ändern.”
Sie erreichten ein großes Haus.
“Ich freue mich, dass zumindest ihr schon hier seid. Ich habe euch zwei Zimmer vorbereiten lassen. Eure Sachen dürften schon dort sein. Das Fest findet morgen Abend statt.”
“Schon morgen Abend?” fragte Boromir ungläubig. “Ich habe nirgendwo jemanden arbeiten sehen. Eigentlich ist es sogar noch ruhiger hier, als ich es in Erinnerung habe.”
Elrond lächelte.
“Wir werden nicht viel schmücken. Wie ich erfahren habe wart ihr von der Umgebung, so wie sie ist, doch schon sehr angetan. Wieso sollten wir das noch ändern? Das Essen wird sowieso nicht draußen zubereitet und Fackeln, Tische und das alles wird Morgen aufgestellt. Vielleicht wollt ihr nachher zusammen mit mir zu Abend essen?”
“Warum nicht?” sagten beiden wie aus einem Mund und sie begannen zu lachen. Und mit einem Lachen verabschiedete sich Elrond.
“Bis heute Abend.”
Kapitel 8 - Stimmen in der Dunkelheit
Auch Haldir, Aragorn und Lia waren bereits in der Nähe Bruchtals. In der Nacht würden sie dort eintreffen, wie sie sich ausrechneten.
Lia überraschte sie immer wieder. Denn je näher sie Bruchtal kamen, desto mehr Dinge fielen ihr wieder ein. Meist waren es unwichtige Kleinigkeiten. Welches ihre Lieblingsfarbe war oder welches Kleidungsstück sie einmal getragen hatte.
Sie wollten noch einmal rasten und ein wenig essen, denn nach Bruchtal war der Weg trotzdem noch ziemlich weit.
Aragorn legte die Zügel der Pferde über einen Ast und holte einige Vorräte aus ihren Taschen.
Er reichte Haldir und Lia jeweils ein Stück Brot und Fleisch und setzte sich danach auf eine Decke, die Haldir auf dem Boden ausgebreitet hatte.
“Was ist das eigentlich für ein Fest, von dem ihr die ganze Zeit geredet habt?” fragte Lia plötzlich und durchbrach die merkwürdige Stille.
Haldir schluckte sein Brot herunter.
“Es ist einfach ein Fest, das den Winter feiern soll. Alle zehn Jahre findet so ein Fest statt. Jedes Mal für eine andere Jahreszeit.”
“Es wird getanzt, gefeiert, gegessen.” sagte Aragorn daraufhin. “Alles was zu einem Fest dazugehört.” Dann machte er eine lange Pause. “Kannst du dich an Feste erinnern, Lia?”
Sie sah zu ihm hinab und überlegte. Und schon nach kurzer Zeit hellten sich ihre Augen auf.
“Ja! Ich.. ich kann mich erinnern!” aufgeregt lief sie umher, tanzte mit sich selber und forderte sogar Haldir zum Tanzen auf. Sie sang und wirbelte umher.
“Musik, lachende Gesichter, spielende Kinder, tanzende Paare und glitzerndes Feuer und Lichter in der Dunkelheit, die wie Sterne durch den Himmel fliegen und die Nacht erhellen, bis der Morgen graut!”
Mit einem Mal blieb sie abrupt stehen und sah zum Himmel hinauf.
Ihre Augen wanderten über die Wolken, die sich langsam über die blaue Ebene bewegten.
“Aber nie für mich…” murmelte sie leise zum Himmel hinauf. “Nie leuchteten diese Sterne für mich. Sie leuchteten für meinen Großvater. Warum weiß ich nicht. Er wurde gefeiert. Von vielen Leuten. Nein… sie…”
“Sie… was?” fragte Aragorn und stand auf. “Was taten sie?”
Haldir und er blickten Lia erwartungsvoll an. Vielleicht würde sich diesmal etwas mehr aufklären, was noch im Dunkeln lag.
“Sie… sie feierten mit ihm. Nicht für ihn. Es gab jemanden der höher stand als er. Einige gab es… über ihm… und…” Sie holte tief Luft. “Ich… glaube… er tötete meine Eltern.”
Aragorn und Haldir sagten kein Wort. Stumm sahen sie sich erst gegenseitig an, dann drehte Haldir Lia herum.
“Das glaubst du?”
Sie nickte nur.
“Erinnerst du dich an sonst etwas? An ein Gesicht, einen Namen, einen Ort?”
“Ein Name…”
Aragorn packte ihre Schulter.
“Wie lautet er?”
“Elean, Elrean, Elroin…”
“Elrond?”
Und Lia nickte.
Das Essen war vorzüglich und schon bald plauderten die drei miteinander wie alte Freunde. Fast so etwas waren sie ja schließlich auch.
Die Sonne war schon lange untergegangen, als sie sich trennten. Die Teller wurden vom Tisch geräumt und der Wein zurück gestellt.
Elrond hatte sich zurückgezogen und konnte nicht sehen, was in dieser Nacht außerhalb seiner Kammer geschah…
Legolas und Boromir gingen schnellen Fußes durch den Hof zurück zu ihren Gemächern. Es war kalt und so schön der Schnee auch war, er war im Moment nichts anderes als kalt.
Eiskalt.
Und zu allem Übel rieselten die weißen Flocken an diesem Abend stärker zu Boden als in den Nächten zuvor. Als sie endlich vor ihren Zimmertüren standen, schüttelte Boromir sich den Schnee aus dem Kragen und von den Schultern. Legolas betrat einfach so den kleinen Raum.
Ihre Zimmer lagen direkt nebeneinander, was zur Folge hatte, dass sie sich noch lange durch ihre Fenster unterhielten.
Trotz des Schnees.
Merkwürdigerweise.
“… aber es wird ein schönes Fest. Wie jedes Jahr.” schloss Legolas seinen Satz. “Und…”
“Und?” fragte Boromir nach und sah den Elben dabei verwirrt an.
“Hörst du das, Boromir?”
Boromir lauschte.
“Ja. Es kommt von dort hinten. Aus dem Wald.”
Legolas reckte sich aus dem Fenster, um in der Dunkelheit etwas erkennen zu können.
Boromir wartete ohne jedes Wort.
“Nichts.” flüsterte der Elb leise. “Nichts zu sehen. Aber, der, der bis hierher gekommen ist, ohne von den Wachen aufgehalten worden zu sein, hat entweder unglaubliches Glück oder…”
“… oder dieser jemand heißt Aragorn.” Boromir sah zu Legolas und Legolas sah zu Boromir zurück.
“Leise, man darf dich nicht entdecken!”
“Das IST Aragorn!” sagte Boromir plötzlich und hechtete zur Tür.
“Warte!” zischte Legolas hinter ihm her, doch Boromir hörte ihn nicht mehr.
Aragorn, Haldir und Lia streiften langsam durch die verschneiten Winkel Bruchtals. Aragorn kannte die Wege um die Wachen herum, denn sie wollten so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich ziehen. Besonders nicht mit Lia an ihrer Seite. Was sie mit Elrond zu tun hatte wussten sie noch nicht.
Aber etwas Gutes schien es nicht zu sein.
Und das schienen sie alle zu spüren.
Selbst Lia.
“Ducken!” flüsterte Aragorn plötzlich und warf sich auf den Boden. Haldir drückte sich gegen einen Baum und Lia rollte sich blitzschnell zwischen einige Büsche.
Der schwache Schein einer Kerze war etwa hundert Meter von ihnen entfernt aufgetaucht.
Sie hielten den Atem an.
Und vor allem Lia.
Obwohl sie nicht genau wusste., warum sie es tat.
Das hatte sie in letzter zeit selten gewusst.
Sehr selten.
Was tat sie hier eigentlich?
Woher wusste sie, dass man sie nicht in eine weitere Falle führte?
Woher wusste sie, dass es kein Fehler war?
Woher wusste sie, dass sie diesen Leuten vertrauen konnte?
Aber eine Antwort auf diese Fragen würde sie noch erhalten.
Jedoch noch nicht jetzt.
Und nicht hier.
Denn der Lichtstrahl entfernte sich wieder…
“Aragorn?” Boromir ging langsam in dem Hof auf und ab.
“Boromir…” bekam er plötzlich eine Antwort aus der Richtung des Waldes. Legolas tauchte hinter ihm auf.
“Warte!”
Doch Boromir hörte nicht auf ihn. Sofort lief er auf die Stimme zu, die er zwischen den Ästen vernommen hatte und natürlich war er keinen Augenaufschlag später von drei Elben umzingelt.
“Was macht ihr hier draußen zu so später… ach ihr seid es!” Der Elb vor ihm nahm seinen Bogen herunter.
“Ja, ich bin es. Lasst mich vorbei.”
“Das ist keine gute Idee, mein Herr. Zu dieser Zeit durch den Wald laufen ist gefährlich, obwohl ich euch das eigentlich nicht sagen muss. Ich kann euch aber bitten, zurück zu gehen. Eure Absicht lässt sich bestimmt verschieben. Es ist schon lange nach Mitternacht.”
Boromir wusste, dass er hier nichts mehr ausrichten konnte. Leider.
Die Elben würden ihn die ganze Zeit über beobachten. Und genau das wollte er schließlich vermeiden.
Und so musste er sich geschlagen geben und ging schnell durch den Schnee auf den Hof zurück. Als er sich umdrehte waren die Elben bereits wieder verschwunden.
Er schüttelte seinen Kopf und betrat das Haus.
Gerade wollte er die Tür zu seinem Zimmer öffnen, als er hinter einer anderen Tür leise Stimmen hörte. Verdutzt machte er kehrt und ging auf Legolas Zimmer zu.
Er spähte durch einen kleinen Spalt durch die Tür. Und nach zwei Sekunden stieß er sie leise auf.
Und dann blickte er in die lächelnden Gesichter von Aragorn, Haldir, Lia und Legolas.
“Was macht ihr denn hier?”
Aragorn unterdrückte sein Lachen, denn Boromirs Gesichtsausdruck war einfach zu komisch. So verwirrt hatte er ihn noch nie gesehen.
“Ja, du hast uns sehr geholfen, Boromir. Vielen Dank.”
“Wieso?”
“Weil…” Haldir zeigte aus dem Fenster. “… weil wir dort hinten waren. Links, siehst du? Und du hast die Wachen nach rechts gelockt. Wir hatten keine Probleme damit hierher zu kommen.”
“Ahja…”
Boromir musste sie erst einmal setzen.
Da hatte er den Lockvogel gespielt ohne es bemerkt zu haben.
“Boromir…” dachte er bei sich. “Manchmal bist du ein richtiger Trottel.”
Lia freute sich Legolas und Boromir wieder zu sehen, obwohl sie zugeben musste, dass sie fast ein wenig Angst vor Boromir hatte.
Doch das hatte sie vergessen. Jetzt lachte und redete sie mit den anderen. Und das noch fast eine Stunde lang.
Schließlich stand Haldir auf und unterbrach seine Freunde in ihrem Gelächter.
“Wir können nicht die ganze Nacht hier bleiben. Und wir müssen noch ein sicheres Versteck für Lia finden. Vielleicht in einem Zimmer von uns. Ich schlage vor, sie bleibt bei Legolas. Aragorn und ich werden nachsehen ob Elrond zu finden ist und unsere Ankunft melden.”
Aragorn erhob sich ebenfalls und ging schon in Richtung Tür.
“Ich finde, das ist eine gute Idee. Komm, wir gehen.”
Er öffnete die Tür und er und Haldir gingen in den Gang hinaus. Dann fiel die Tür mit einem leisen Klicken in ihr Schloss zurück.
“Na dann.” sagte Boromir nur und ging ebenfalls hinaus. Von draußen hörte man nur noch ein leises “Gute Nacht” dann einige Schritte und dann nichts mehr, außer dem Rauschen des kleinen Baches irgendwo in der Ferne.
Lia stand am Fenster und sah hinaus. Jedoch auch immer darauf bedacht, nicht entdeckt zu werden.
Legolas war daraufhin zu dem großen Schrank gegangen und wühlte darin herum. Bald fand er, was er gesucht hatte. Er zog einen langen, dunklen Umhang hervor und legte ihn Lia um die Schultern.
“Hier. Trag ihn. Man wird nicht fragen, wer du bist.”
“Danke…” Sie zog ihn fester um sich, sah Legolas dabei jedoch nicht an, sondern starrte weiter in die tief dunkle Nacht.
Legolas wartete einen Moment. Dann stellte er sich neben sie und sah ebenfalls hinaus.
“Was siehst du?”
Sie antwortete nicht.
“Lia?”
“Ich sehe Bäume, Pflanzen, Gebäude, schwarze Nischen und Tiere im weißen Schnee. Aber eigentlich ist dort nicht anderes als tiefe Dunkelheit.”
Kapitel 9 - Kein Schnee
Legolas war sichtlich beeindruckt von dem, was Lia ihm erzählte. Denn irgendwie hatte sie Recht.
Was war die Welt denn schon?
Sie bestand aus Bäumen und Pflanzen.
Doch das war nur um sie herum.
Wäre das alles nicht hier, wäre es vielleicht wirklich nur Dunkelheit, die man sehen würde.
Und für Lia war es das auch jetzt schon.
Sie konnte mit all dem hier nichts anfangen.
Und immer, wenn sie nach etwas suchte, was außerhalb von diesem Unbekannten lag, stieß sie auf die Leere.
Doch schon bald wurde Legolas von etwas aus seinen Gedanken gerissen. Und dieses Etwas war Lia.
Ein leises Schluchzen kam aus ihrer Richtung und sie wischte sich mit dem Arm über das Gesicht.
Doch der Elb sagte nichts. Er sah sie nur an. Und sie bemerkte seinen Blick.
“Sieh jemand anderes an!” befahl sie immer noch schluchzend, doch er wandte seinen Blick nicht von ihr ab. Und sie schien sich zu beruhigen. Legolas Hand wanderte auf ihr Gesicht zu, doch kurz bevor er sie berührte, packte Lia sie und hielt sie krampfhaft fest.
“Deine Hand war es doch, die mir all das angetan hat. Du warst es! Mein Blut war es, welches über deine Finger glitt! Du bist Schuld daran…”
Und die letzten Worte konnte Legolas nicht mehr verstehen, denn sie gingen in Lias Tränen unter.
Und Legolas verstand sie.
Schließlich hatte er wirklich damit angefangen.
Er wollte herausfinden, wer sie war.
Und jetzt musste sie aber den Preis dafür zahlen.
Lia sank auf dem Boden zusammen und ihre Tränen fielen vor ihren Körper. Stumm sah sie hinab und weinte.
Und Legolas konnte ihr nicht helfen. Niemand konnte das. Noch nicht einmal sie selbst konnte das.
Wie soll sie sich helfen, wenn sie sich nicht kennt?
Genau diese Gedanken schwirrten in Legolas Kopf umher. Er hasste sich für seine Tat. Nun, da er darüber nachdachte.
Aber er hatte ihr helfen wollen.
Glaubte er.
Doch jetzt saß sie da.
Vor ihm.
Allein.
Und weinte.
Ohne Erlösung.
Ohne, dass ihr jemand tröstende Worte zusprach.
Und ohne Hoffnung auf das Glück.
Allein.
Die Stunden verstrichen und Lia hatte sich zwar beruhigt, saß aber noch immer auf dem harten Boden.
Legolas bot ihr das Bett an und tatsächlich stand sie auf und ließ sich in die weichen Kissen fallen.
Ihre Augen waren rot vor Tränen, ihr Gesicht aber schneeweiß.
“Hier, nimm.” Er hielt ihr einen Becher mit Wasser entgegen. Sie nahm ihn und trank einen kräftigen Schluck daraus.
“Geht es dir besser?”
Sie schüttelte den Kopf. Dann überlegte sie. Und nickte schließlich doch leicht.
Der Elb lächelte.
“Ich… habe das vorhin nicht so gemeint. Du bist nicht Schuld daran. Das war ich selber, indem ich es zugelassen habe.”
“Nein, hier ist keiner Schuld. Vergessen wir die Sache.”
Sie nickte wieder und trank noch einen Schluck. Dann reichte sie Legolas den Becher zurück und dabei streiften sich ihre Hände.
Lia zuckte zurück.
“Wirklich schlimm?” sagte Legolas und stellte den Becher ab und zu seiner Verwunderung antwortete Lia mit einem Kopfschütteln und einem leichten Lächeln.
Als der Tag heran brach, schien ganz Bruchtal bereits auf den Beinen zu sein. Aragorn, Boromir, Haldir und Legolas traten in den Hof hinaus.
Überall liefen Elben umher und bauten Tische, Stühle und Fackeln auf.
Lia war vorerst in Legolas Zimmer geblieben und sollte abwarten, bis die vier zurückkamen.
Aber es störte sie nicht.
Sie dachte nach, über das, was Legolas ihr letzte Nacht alles erzählt hatte. Woher er kam, was er wollte und, was er glaubte, was aus ihr werden würde.
Aber zu einem Schluss kam sie nicht. Doch je länger sie aus dem Fenster sah und das glitzernde Eis betrachtete, desto mehr schien ihr wieder in Erinnerung zu kommen.
Und langsam schien sich ein Bild zusammen zu setzen. Sie erinnerte sich an ihre Eltern, an einige Freunde. Und mehr und mehr wurde ihr auch klar, dass sie das ihren vier Rettern zu verdanken hatte.
Und an was sie sich erinnerte, war nun zum größten Teil nicht mehr grausam. Es waren die Feste, an die sie sich erinnerte. An welchen sie wieder teilhaben wollte. Und dieser Wunsch schien sich ja auch bald zu erfüllen.
Denn im nächsten Moment hörte sie Aragorns Stimme.
“Lia, komm her. Aber zieh den Mantel über!” Er kam an das Fenster heran und sah in das Zimmer. “Wir werden noch nicht preisgeben, dass wir dich hierher gebracht haben.”
Lia nickte und kurz darauf stand sie im Hof und sah sich fasziniert um. Es war noch schöner, als es in der Nacht ohnehin schon gewesen war.
Die Dächer glänzten im Eis und der Schnee funkelte im Morgenlicht.
Legolas und Haldir lächelten ihr zu und nahmen sie in ihre Mitte. Aragorn ging voraus.
“Jetzt, Lia, werden wir dir Bruchtal zeigen!”
Stundenlang streiften sie durch die Hallen und Höfe, durch die Wälder und die kleinen verschneiten Wiesen. Über Brücken und unter den Gebäuden und nicht nur Lia staunte.
Als sie den größten Platz Bruchtals erreichten, blieben sie stehen. In der Mitte stand ein silbernes Podest und rings herum in den Bäumen wurden die Fackeln angebracht. Mit höchster Vorsicht natürlich. Einige Tische standen bereits an ihrem Platz und die dazugehörenden Stühle schimmerten Matt.
Und der weiße Schnee verlieh allem den richtigen Glanz.
Einige Minuten mussten sie dort gestanden haben, in denen sie vergaßen, wo sie sich befanden.
“Da fällt mir ein…” begann Haldir plötzlich. “Sie braucht ein Kleid, oder nicht? So kann sie nicht zu dem Fest gehen. So fällt sie noch mehr auf, als wenn sie nackt wäre.”
Boromir schmunzelte.
Ein Elb mit solchen Gedanken?
Das würde er nie vergessen.
“Du hast Recht.” Aragorn betrachtete sie. “Ich nehme sie mit und wir suchen jemanden, der ein Kleid für sie hat. Wir sehen uns heute Abend!”
Und Lia ging mit Aragorn in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Legolas, Haldir und Boromir betrachteten noch eine ganze Weile das Geschehen, bevor auch sie sich trennten.
Die beiden Elben beschlossen ein wenig durch den Wald zu wandern und Boromir wollte sich noch ein wenig schlafen legen.
Sie brauchten nicht lange und sie hatten jemanden gefunden, der ihnen weiterhelfen konnte.
Ein Elb, merkwürdiger weise kleiner als Aragorn, stellte sich ihnen kurz vor und führte sie dann zu einem kleinen Gebäude.
Als er die Tür öffnete, strömte ihnen der Luft von wilden Blumen und Kräutern entgegen.
Als hätte man den Sommer in diesen Räumen eingesperrt.
Links und rechts von ihnen lagen Kleider auf Stühlen und Tischen und in einem offenen Schrank.
“Ich muss den Herrn jetzt bitte, diese Räumlichkeiten zu verlassen.” sagte der Mann laut und sah mit einem strengen Blick zu Aragorn. “Macht euch nur keine Sorgen. sie ist hier bestens aufgehoben.”
Aragorn warf Lia noch einen nichts sagenden Blick zu, dann verschwand er durch die Tür. Und Lia lachte. Denn daran konnte sie sich schon die ganze Zeit erinnern: Kleider. Etwas, was sie wirklich mochte und auch sehr vermisst hatte. Und sie verbrachte ihre ganze Zeit, bis kurz vor Beginn des Festes in dem kleinen Laden, der nach Kräutern und Blütenblättern roch, als hätte man den Sommer darin eingesperrt…
Musik ertönte und Elrond stieg auf das Podest. Legolas, Haldir, Boromir und Aragorn warteten in einer Ecke unter einigen Bäumen auf Lia.
Und sie kam.
Als Elrond seine Rede beendet hatte, alle klatschten und die Musik wieder zu spielen begann, kam sie zwischen den Häusern hervor.
Sie trug ein grünes Kleid mit nur wenigen Verzierungen und einigen schneeweißen Bändern im Haar, wie viele der Frauen um sie herum.
Und, als sie bei den vieren stand, konnte keiner den Blick von ihr lassen. Legolas fand als erster seine Sprache wieder:
“Du siehst… unglaublich aus.”
Lia lächelte.
“Hannon le.”
“Und dazu gelernt hast du auch noch!” lachte Aragorn und zog seine Freunde auf die Tanzfläche. “Es ist mir zu kalt zum Stehen!”
Sofort nahm er Lia bei der Hand und führte sie zu einer etwas weniger belebten Fläche.
Doch als Lia über seine Schulter blickte, blieb ihr fast das Herz stehen.
“Aragorn! Das ist er!”
Kapitel 10 - Als Asche noch Feuer war
Die anderen bemerkten, dass etwas nicht stimmte und kamen auf sie zugeeilt.
Lia stand wie angewurzelt da und starrte einem Mann hinterher, der sie zum Glück noch nicht wahrgenommen hatte.
“Wer ist er?” fragte Aragorn und nahm ihr die Sicht, indem er sich vor sie stellte.
“M… mein Großvater! Er ist es! Ich weiß es wieder. Ich weiß alles! Ich… ich… kann hier nicht bleiben! Es ist alles anders!” Und plötzlich lief sie davon. Die andern rannten hinterher, jedoch langsam, um kein Aufsehen zu erregen. Als sie außer Sichtweite der anderen Gäste waren, stürmten sie auf das Gebäude mit ihren Zimmern zu.
Legolas riss die Tür auf.
Und da saß sie wieder.
An derselben Stelle wie letzte Nacht.
Am Boden.
In einem grünen Kleid.
Die Bänder aus dem Haar gerissen.
Allein.
Sie starrte zu den anderen hinauf.
“Was ist da eben passiert?” fragte Legolas vorsichtig und sah erst in die Runde, dann zu Lia hinab.
“Ich habe ihn angesehen. Für einen winzigen Moment habe ich in seine Augen gesehen. Aber er schien mich nicht erkannt zu haben. Und plötzlich war alles wieder da. Ich weiß alles wieder! Ich weiß wer ich bin! Ihr könnt euch nicht vorstellen, was…”
“Ganz langsam…” entgegnete Boromir und zog sie auf das Bett und setzte sich danach auf einen Stuhl.
Haldir setzte sich zu Lia und Legolas und Aragorn teilten sich die Bank neben der Kommode.
“… und jetzt erzähl uns alles, was du weißt.”
Lia holte tief Luft:
“Meine Eltern…” Sie überlegte. Interessierte Blicke trafen die ihren und sie fuhr fort. “Sie lebten hier. Mein Großvater. Der Mann von vorhin. Er ist hier ein Berater, oder etwas Ähnliches.”
Aragorn nickte. Schließlich kannte er die meisten Leute, die hier lebten.
“Er ist Elronds rechte Hand, wenn man das so nennen darf, so weit ich weiß. Und ein Mensch ist er ebenfalls.”
Alle hörten ihm zu, dann fuhr Lia fort:
“Mein Vater heiratete meine Mutter. Das heißt, er hätte seine Stellung hier aufgeben müssen und sie meinem Vater überlassen müssen. Doch er wollte es nicht. Er war zwar schon sehr alt, aber er wollte sein Amt nicht verlieren. Was hätte er danach auch tun sollen? Das habe ich mitbekommen. Ich hatte bemerkt, dass er sich merkwürdig verhielt und war nachts in sein Zimmer geschlichen, um nach etwas zu suchen, was mir die Situation erklären konnte. Ich hatte viel Glück, denn er gehörte zu den wenigen Menschen, die eine Art Tagebuch schreiben. Und so konnte ich genau lesen, was er vorhatte. Nur wie er es tun wollte, hatte er nicht geschrieben.”
Sie machte eine lange Pause und Aragorn gab ihr den Becher mit Wasser, der noch immer auf dem kleinen Tisch stand.
“Er wollte meine Eltern umbringen. Und das tat er auch.”
Sie war kurz davor, wieder in Tränen aus zu brechen, aber sie schluckte sie herunter und erzählte tapfer weiter:
“Er ließ es wie einen Unfall aussehen und niemand dachte daran, dass er es getan haben könnte. Schließlich wollte er mich umbringen. Er schlich mir abends hinterher, aber ich bemerkte ihn immer und versteckte mich. Denn zum Glück war meine Mutter eine Elbe gewesen. Aber ich konnte auch nicht einfach fort. ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Und eines Abends erwischte er mich doch. Er zerrte mich hinter sich her in genau dieses Zimmer hier.”
Sie betrachtete die Wände.
“Und dann?” Haldir lauschte Lias Worten wie denen einer Geschichte aus alten Zeiten, nur dass diese Geschichte Wirklichkeit war.
“Er machte mir einen Vorschlag.”
Alle sahen sie verdutzt an und sie trank einen Schluck Wasser.
“Er sagte mir, dass er mich nicht töten würde, wenn ich aus Bruchtal verschwinden würde. Natürlich stimmte ich zu, aber er wollte sicher gehen und überraschte mich mitten in der Nacht unter einigen Bäumen mitten im Wald. Er nahm mir alles, was mich an mein Leben erinnern könnte. Meine Kleidung, alle meine Gedanken und… meine Ohrenspitzen. Dann setzte er mich irgendwo aus. Weit weg von hier. Irgendwo, wo keine Elben lebten. Denn sie konnten erkennen wer ich war. So wie Legolas es erkannt hat. Und dann hoffte er, ich würde nicht versuchen zurück zu kommen. Und das hatte ich ja auch nicht versucht…”
Niemand sagte ein Wort.
Diese Geschichte war zu fantastisch.
Aber fantastisch genug, um wieder real zu sein.
Und genau das dachten alle in dieser Runde.
“Und nun?” rutschte es Boromir heraus.
“Ich weiß es nicht…” gab Lia zu.
Aber in Wirklichkeit wusste sie genau, was sie tun wollte.
Sie wollte ihre Eltern und sich rächen.
Sie wollte ihren Großvater umbringen.
Ihn töten, wie er es mit ihren Eltern getan hatte.
Und es wie einen Unfall aussehen lassen.
Das war ihr Plan.
Und niemand konnte sie daran hindern, ihn auch aus zu führen.
“Ich weiß ja nicht wie es euch geht…” begann Haldir langsam, nachdem sich alle wieder beruhigt hatten. “…aber ich würde jetzt gern wieder zu den Festlichkeiten zurückkehren, denn deswegen sind wir doch eigentlich nur hier, oder nicht?”
Und tatsächlich stimmten ihm alle zu. Bis auf Lia, die immer noch nicht wusste, was sie mit der neuen Situation anfangen sollte.
Haldir, Boromir und Legolas verließen das Zimmer und man hörte noch, wie sie in den Hof hinausgingen.
Aragorn wartete noch einige Momente.
“Lia?”
“Ja?”
“Kommst du mit uns?”
“Ja, ich denke schon. Ich… werde versuchen IHN nicht ansehen zu müssen…”
Aragorn nickte.
“Drei Dinge würden mich jetzt doch noch interessieren…”
“Und die wären?”
“Was war das mit dem Tannenzapfen vor einigen Tagen?”
“Ich… hatte einen Bruder. Oft hatten wir zusammen im Wald gespielt, als wir noch kleiner waren. Er war jedoch nicht der Sohn meiner Mutter, also war er ein Mensch. Es war im Herbst. Der Sturm hatte vieles verwüstet, aber wir hatten keine Angst vor dem Wind. Und als wir dort spielten, fiel plötzlich ein Tannenzapfen vor meine Füße. Ich schrie, denn hinter ihm fiel der Baum zu Boden und er bemerkte es nicht. Er hörte nur meine Schreie und lief zur Seite, aber er wurde dennoch getroffen. Er überlebte nur einige Wochen. Dann starb er. Aber er sagte mir, dass ich ihn gerettet hätte, bevor er starb. Denn in den letzten Wochen hatte er erst bemerkt, was es hieß zu leben.”
“Sehr eindrucksvoll…” sagte Aragorn nur auf ihre Antwort hin. “Und zu erzählst es mir wie eine einfache Geschichte.”
“Ich habe noch nicht wirklich wahrgenommen, was ich alles wieder weiß. Es kommt mir nicht so vor, als ob das wirklich alles stattgefunden hat. Aber ich weiß es.”
“Das zweite ist der Mann aus dem Wald.”
“Ein Freund meines Großvaters. Wahrscheinlich hatten sie herausgefunden, dass ich mich langsam erinnerte und er sollte mich umbringen. Wer weiß. Aber zuvor hat er…”
Aragorn nickte nur.
“Schon in Ordnung…”
“Was ist das dritte, das dich interessiert?”
“Dein Name.”
“Nienna Arién.”
“Nienna war die Herrin des Mitleids und der Trauer in den alten Sagen um Valinor.”
“Ich weiß.”
Aragorn erhob sich von seinem Platz und hielt Lia seine Hand entgegen.
“Dann kommt mit mir, Nienna Arién, zu Tanz und Musik.”
Er reichte ihr die weißen Bänder und sie band sie in ihr Haar.
“Zu Tanz und Musik, Herr Aragorn.”
Zurück auf dem Fest vermied Lia jeglichen Augenkontakt mit ihrem Großvater, der sich aber die meiste Zeit in irgendeiner dunklen Ecke aufhielt und mit anderen Männern plauderte, was man ihm bei seinem Alter auch nicht verübeln konnte.
Und sie freute sich.
Sie freute sich über die Musik in ihren Ohren.
Über die Frauen und Männer, die dazu tanzten und über ihre Freunde, die sie einer nach dem anderen ebenfalls zum Tanz aufforderten.
Sie lachten und tranken und nach vielen Stunden zerstreuten sich die Gäste allmählich.
Das Fest war vorüber.
Die Lichter wurden gelöscht und die Musik hörte auf, zu spielen.
Jedoch nur, weil Elrond eine weitere Rede hielt.
Dann begann sie von neuem.
Denn viele der Elben dachte gar nicht daran, schon auf zu hören.
Legolas, Haldir, Aragorn, Boromir und Lia zogen sich zurück. Sie hatten genug.
Sie waren mir ihren Kräften am Ende, wie nach einem Kampf gegen eine Horde Orks, so sehr hatten sie getanzt und gefeiert.
Lias Großvater war schon viel früher gegangen.
Und das hatte sie auch bemerkt.
Lia und Leoglas verabschiedeten sich von den anderen und betraten das Zimmer. Legolas ließ sich auf das Bett fallen.
“Was sagst du dazu?” fragte er Lia.
“Wunderbar!” freute sie sich. “Einfach wunderbar!”
“Wie schön.” lachte der Elb und ging zum Fenster. Bis hierhin hörte man die Musik.
“So bleiben!” hörte er plötzlich hinter sich und er fragte nicht weiter danach. Er wusste, dass sie sich umziehen wollte. Ihr Kleid schien auch nicht sehr bequem zu sein. Und so sah er die ganze Zeit hinaus.
“Fertig.”
Er drehte sich wieder um und sie stand in ihren normalen Kleidern vor ihm. Das Kleid lag über einem Stuhl.
Sie schlang nur noch den Mantel um ihre Schultern.
“Willst du hinaus?”
“Ja… ein bisschen.”
Aber der Elb hatte nicht bemerkt, wie sie ihm eines seiner Messer gestohlen hatte und gerade sorgfältig an ihrer Kleidung versteckte.
“Pass auf, dass man dich nicht sieht. Erst recht jetzt, nachdem wir wissen, wer du bist!”
“Jaja, das kleine Mädchen passt schon auf sich auf.” Sie grinste ihn frech an. Und sie ging nicht zur Tür, sondern schwang sie mühelos aus dem Fenster.
“Ich bin bald zurück.”
Legolas verfolgte ihre weiteren Schritte, dann zog auch er sich um und verlor sie aus den Augen.
Kapitel 11 - Tod dem Verräter
Lia sah sich kurz um. Dann ging sie langsam die Straße hinunter. Sie hatte beobachtet, in welche Richtung ihr Großvater einige Stunden zuvor verschwunden war und suchte nun nach dem Haus in dem er leben konnte.
Es war recht einfach.
Es gab ohnehin schon nur drei Gebäude in dieser Richtung.
Das eine war eine Art Wachturm und aus dem anderen kam gerade ein Elb zur Tür heraus und ging in den Wald davon.
Sie ging zu dem dritten Haus.
Die Tür war nur angelehnt.
Glück gehabt.
Aber eigentlich schlossen nur sehr wenige Leute ihre Türen ab, denn Bruchtal wurde von den besten Männern des Landes bewacht. Und niemand hatte etwas zu befürchten.
Leise stieß sie die Tür auf. Der Raum lag im Dunkeln. Nur eine kleine Kerze unter einer gläsernen Kugel auf dem Fensterbrett gab einen schwachen Schimmer ab.
Sie lauschte.
Nichts.
Sie durchschritt das Zimmer und ging durch eine der Türen.
Vorsichtig lugte sie um die Ecke.
Und da war er.
Er lag in einem großen Bett und schlief.
Er war es.
Zweifelsfrei.
Langsam schlich Lia auf ihn zu und zog dabei langsam das Messer unter ihrem Mantel hervor.
Sie hob es über ihren Kopf. Dann überlegte sie kurz.
Es würde nicht wie ein Unfall aussehen.
Nicht, wenn sie es so tat.
Sie legte also das Messer beiseite, griff nach einem der Kerzenleuchter und zielte auf den Kopf ihres Großvaters.
Sollte sie es wirklich tun?
Schließlich war er ihr Großvater.
Nein!
Das war er nicht mehr!
Sie schlug zu.
“Was sie wohl macht?” fragte Haldir zu Legolas hinüber, der von Haldir noch einmal besucht worden war.
“Wer weiß… Hoffentlich stellt sie nichts Dummes an. Ich habe da so eine Ahnung. Aber das ist ziemlich abwegig. Das traue ich ihr nicht zu.”
“Und das wäre?”
“Sie könnte doch versuchen, ihn umzubringen. Rache, verstehst du?”
Haldir nickte nur. “Für so leichtsinnig halte ich sie ebenfalls nicht.”
Lia betrachtete den leblosen Körper. Dann stellte sie den Kerzenleuchter zurück, zerrte ihren Großvater aus dem Bett, setzte ihn auf einen der Sessel, drückte ihm ein Buch in die Hand und warf dann mit aller Kraft das Regal hinter ihm zu Boden.
Das Holz schlug gegen seinen Kopf und die Bücher fielen aus den Fächern.
Genau das hatte sie beabsichtig.
Aber jetzt musste sie schnell sein.
Sicher hatte man den lauten Schlag gehört.
Sie rannte zur Tür und hechtete hinaus.
Im Laufen warf sie sich den Umhang über das Gesicht, sodass man sie nicht erkennen konnte.
Sie spurtete um die nächste Ecke und warf sich hinter einer Mauer auf den Boden, um nicht gesehen zu werden.
Genau im richtigen Moment, denn keinen Augenblick später rannten drei bewaffnete Männer an ihrem Versteck vorbei und es erschallte eine Alarmglocke aus der Richtung, aus der sie gekommen war.
Als die Männer vorbei waren, stand sie auf und lief zu dem Gebäude zurück, in dem sie ihre Zimmer hatten.
Doch die Männer hatten sie trotzdem gesehen. Sie stürmten hinter ihr her, doch Lia war schneller. Sie griff nach einer großen Fackel, die unbenutzt auf dem Boden lag und schlug einen nach dem anderen geschickt nieder. Dann warf sie die Fackel in den Schnee zurück.
Eine Kurve noch und sie hatte es geschafft.
Plötzlich wurde sie festgehalten und eine Hand hielt ihr den Mund zu.
“Komm mit!” zischte eine leise Stimme und zog sie hinter sich her und in das Gebäude hinein. Sie konnte nicht sehen, wer hinter ihr stand, aber sie hoffte, dass es keine der Wachen war.
Und da erkannte sie die Hand, die auf ihrem Gesicht ruhte.
Legolas Hand.
Er stieß sie in sein Zimmer, in dem bereits alle anderen versammelt waren und schloss die Tür hinter sich.
“So…” begann Haldir sehr langsam. “Was- hast- du- gemacht?”
“Ich…” antwortete Lia fast genauso langsam, aber Boromir war schneller als sie:
“Du hast ihn getötet. Sag es! Was hast du dir dabei gedacht? Kann man Rache nur so nehmen? Weißt du, was dir bevorsteht, wenn sie dich kriegen? Töten wird man dich!”
Lia sagte nichts. Und auch die anderen schwiegen, denn Boromir hatte vollkommen Recht. Sie würde sterben, falls man sie finden würde.
“Oh nein!” stieß Lia plötzlich einen Schrei aus.
“Was?” riefen alle fast gleichzeitig.
“Ich…” sie stockte und sah Legolas Hilfe suchend an. “Ich habe eines deiner Messer mit mir genommen und… vergessen.”
Der Elb packte sie an den Armen und schüttelte sie.
“Bist du wahnsinnig? Das führt sie hierher! Zu uns! Zu mir! Und es gibt keine Beweise dafür, dass ich es nicht getan habe!”
Lia schluckte.
Das hatte sie nicht gewollt.
Wirklich nicht.
Doch es war geschehen.
Auf einmal hörten sie Stimmen vor ihrem Fenster.
“Schnell, versteck dich!” flüsterte Haldir Lia zu und stieß sie in den Schrank. Dann knallte er die Tür zu. Und im nächsten Moment knallte die Zimmertür auf. Einer der Wächter musste einen Schlüssel besessen haben.
Fünf bewaffnete Elben traten ein.
“Eure Waffe?” fragte er Haldir und Legolas, die genau wie Boromir und Aragorn angewurzelt inmitten des kleinen Raumes standen.
Sie sagten nichts.
“Das lässt sich feststellen.” Der Mann ging zu Legolas Waffen hinüber, die neben dem Schrank auf dem Tisch lagen und verglich das Messer in seiner Hand mit dem auf dem Tisch.
“Wem gehören diese Waffen?”
“Mir.” gab Legolas zu senkte den Kopf.
“Dann werden wir euch mitnehmen. Ihr werdet beschuldigt heute Nacht einen unschuldigen Bürger Bruchtals ermordet zu haben. Folgen sie uns.”
Der Elb brachte keinen Ton heraus. Hilflos sah er zu den anderen, dann in Richtung Schrank, hinter der er Lias aufgeregten Atem vermutete.
Und einen Moment später war er mit den Wachen aus dem Raum verschwunden…
Kapitel 12 - Wahrheit
Lia versicherte sich, dass die Männer den Raum wirklich verlassen hatten, dann stieß sie die Tür auf. Und sah direkt in die Augen von Haldir, Aragorn und Boromir.
Sie schluckte.
“U…und nun?” fragte sie ängstlich und starrte zur Tür. Und alle anderen bemerkten, dass es nicht die Angst vor dem Zorn war, der auf sie herabrieseln würde, welche sich in ihren Augen widerspiegelte, sondern die Angst vor dem, was Legolas nun erleiden musste.
“Wir holen ihn da raus!” rief Boromir und ging zur Tür.
“Warte!” Aragorn lief hinter ihm her und hielt ihn fest. “Und wie willst du das anstellen? Vielleicht können wir Elrond überzeugen, dass er es nicht war, aber trotzdem werden sie dann fragen, wer es sonst gewesen sein soll!”
“Dann werde ich mich stellen!” schrie Lia in den Raum hinein und alle verstummten.
“Man wird dich töten, Lia!” Das war Haldir. “Gift wirst du trinken müssen! Die Strafe für Mord. Und zwar gleich mehrfachen Mord. An Einwohnern Bruchtals! Unter dem Schutz Elronds!”
“Das ist mir egal! Ich habe mich und meine Eltern gerächt! Ich habe alles verloren. Niemand ist mehr hier. Bei mir. Niemand, den ich liebte. Ich könnte neu beginnen. Aber zu welchem Zweck? Was macht es für einen Sinn, dann noch hier zu sein? Lieber will ich zu ihnen gehen. Dorthin, wo mir niemand folgen kann.”
“Du- bleibst- hier!” Haldir stürmte hinaus, dicht gefolgt von Boromir. Aragorn wartete.
“Du bist zwar nicht unsere Gefangene, aber in diesem Fall sollte ich dich so behandeln. Du wirst diesen Raum nicht verlassen.”
Lia seufze.
Das wollte sie doch alles gar nicht!
Jetzt war sie schon die Gefangene ihrer eigenen Freunde.
Was hatte sie bloß falsch gemacht?
Haldir und Boromir trafen wenige Momente nach Legolas und den Wächtern bei Elrond ein, der den Elben aufgeregt betrachtete.
“Wieso?”
Legolas antwortete nicht.
“Wieso versteckt ihr sie?”
Er stutzte.
Was hatte Elrond da gerade gesagt?
Wieso beschützt ihr SIE?
Wusste er von ihr?
Woher?
Auch Haldir und Boromir waren überrascht. Sie standen hinter einer großen Säule und lauschten.
“Wieso helft ihr ihr?” fragte Elrond wieder und dann winkte er zwei Wachen heran, die Boromir und Haldir aus ihrem Versteck führten.
“Warum?”
Lia überlegte, was sie tun konnte.
Aber anscheinend konnte sie nichts tun.
Gar nichts.
Aragorns Blick war so starr auf sie gerichtet, als säße sie gar nicht vor ihm.
Und sie hatte Angst.
Und diesmal vor allem.
Sie erkannte langsam, was es bedeutete, zu leben.
Je mehr sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr alles.
Was würde mit Legolas geschehen?
Und mit Haldir und Boromir?
Es war nicht ihr eigenes Leben.
Und doch interessierte es sie.
Leben.
Leben war nicht nur das, was man selber war.
Vielmehr das, was andere einem zeigten.
Und das verstand sie langsam.
Und es wuchs in ihr die Angst.
Und diesmal eine andere.
Die Angst vor dem, was sie nun erwarten konnte, falls sie sich stellte.
Der Tod.
Die drei hatten Elrond alles erzählt, was sie wussten, aber das stimmte ihn nicht um.
“Ich kannte ihre Eltern.” sagte er langsam am Ende des Vortrags. “Und vielleicht hat sie Recht mit dem, was sie meint. Mit dem, was ihr meint. Dennoch entschuldigt das nicht ihre Tat. Ihre Strafe ist unwiderruflich. Aus welchem Grund sollte ich ihr Gnade gewähren?”
Niemand antwortete.
“Auch ihr werdet eine Strafe auferlegt bekommen. Auch, wenn es schweren Herzens ist, meine Freunde. Aber es wäre nicht gerecht, euch ungestraft zu lassen. Schließlich habt ihr ihr geholfen.”
Haldir nickte.
Legolas und Boromir sagten nichts.
“Dann lasst sie uns holen. Wachen!”
Drei Männer traten hervor und führten Legolas, Haldir und Boromir zu dem Gebäude zurück, von dem sie gekommen waren.
Einer von ihnen klopfte an die Zimmertür. Aragorn öffnete.
“Ja?”
Die Wächter traten ein, ohne auf ein weiteres Wort zu warten, packten Lia und zerrten sie hinaus.
“Nein!” rief Aragorn, doch es nützte nichts mehr. Sie waren schon verschwunden. Dann erst bemerkte er seine Freunde in der Tür stehen.
“Ihr habt es ihm erzählt, richtig?”
“Was hätten wir sonst tun sollen?” Boromir schloss die Tür. Doch sofort wurde sie wieder geöffnet.
“Ihr müsst auch mit uns kommen.” Einer der Wächter stand vor ihnen. “Bitte folgt mir.”
Sie willigten ein und gingen den langen Gang hinaus.
Im Hof war alles um sie herum still.
Sogar der Wind hatte seine Stimme verloren.
Nichts rührte sich.
Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, als sie einen schmalen Weg entlangliefen.
Aragorn wusste nicht, was er tun sollte.
Was würde geschehen?
Elrond würde sie nicht töten lassen?
Oder doch?
Und was geschah mit ihnen?
Was würde ihre eigene Strafe sein?
Was würde Elrond ihnen auferlegen?
Alle diese Fragen schwirrten in seinem Kopf umher. Krampfhaft versuchte er, sie zu verjagen, aber sie kehrten immer wieder zu ihm zurück.
Immer wieder.
Als er Boromir und Haldir beobachtete, bemerkte er, dass es ihnen nicht viel anders gehen musste.
Legolas dachte an nichts, so schien es ihm.
Sie folgten den Wachen einige Stufen hinauf, dann durch eine Tür. Aragorn erkannte sofort den Kerker.
Dass Bruchtal einen Kerker besaß, hatte ihn früher schon gewundert. Aber in keiner Stadt schien Frieden zu herrschen.
Und Bruchtal war nun mal ein beliebtes Angriffsziel gewesen.
Der Kerker wurde nun schon seit langer Zeit nicht mehr benutzt. Aber hin und wieder schien doch jemand eingesperrt worden zu sein. Kerzen lagen in den Zellen und hinter einer Tür lag sogar noch ein Teller.
Es war jedoch kein Kerker, wie man ihn von den Menschen kannte. Dieser war weder dunkel, noch kalt.
Aber besonders einladend war er auch nicht.
Etwas Merkwürdiges lebte förmlich zwischen diesen Mauern.
Bald hatten sie eine der Zellen erreicht und die Wächter hielten an. Hinter den weißen Gitterstäben saß Lia. Hinter ihr wurde gerade die Tür verschlossen und sie setzte sich auf ein großes Kissen am Boden.
Als sie Aragorn, Haldir und Boromir erblickte, sprang sie auf. Legolas musste sich erst einmal durch die Reihen der Wachen drängen.
Haldir wollte ihre Hand ergreifen und etwas sagen, aber eine Stimme hinter ihm hielt ihn auf:
“Nicht. ICH werde mit ihr reden. Ihr habt das schon genug getan.”
Elrond schickte vier der fünf Wachen fort und schritt auf Lia zu.
Haldir trat einen Schritt zurück.
“Lia, nennt man euch. Oder vielleicht doch lieber Nienna Arién?”
Lia sagte nichts.
Sie sah Elrond nur an.
Wie ein Monster stand er vor ihr.
Sie wollte fort, aber sie konnte es nicht.
Und die anderen konnten es auch nicht.
Nicht jetzt.
“Vielleicht.” brachte sie heraus. “Was wollt ihr von mir?”
“Ihr habt einen meiner besten Männer ermordet.”
“Meinen Großvater und…”
“Ich kenne eure Geschichte.”
“Dann lasst mich frei!”
“Ihr wisst nicht, wen ihr getötet habt, außer drei meiner Männer. Ihr ermordetet jenen, der seit Jahren unter meinem Schutz steht, der nach mir in Bruchtal den höchsten Rang besaß und, den ich als guten Freund anerkannt habe. Und deswegen wird eure Strafe nicht geringer sein als der Tod.”
Kapitel 13 - Das letzte Eis
Allen Anwesenden stockte der Atem.
Genau auf diesen Satz wollten sie nicht stoßen.
Aber er war hier.
In diesem Moment.
In diesen Mauern.
“Dann tut, was ihr für richtig haltet.” stieß Lia hervor und trat unbewusst einen Schritt von dem Gitter zurück.
Es sollte geschehen.
Wirklich geschehen.
Noch vor einigen Tagen wollte sie sich selbst das Leben nehmen, aber nun war es etwas anderes. Diesmal wurde sie festgehalten. Von einer unsichtbaren Hand. Und dem Etwas in ihr, das ihr etwas anderes sagte.
“Morgen.” sagte Elrond leise. “Wenn der Morgen graut.”
“Wie?!” rief Boromir plötzlich.
“Wie?” entgegnete Elrond überrascht und drehte sich um. “Das sollt ihr entscheiden. Denn das wird eure Strafe sein. Ihr werdet Morgen hier sein und mit ansehen, wie sie uns verlässt. Entscheidet euch. Wie möchtet ihr sie sterben sehen?”
Er wartete.
Aragorn, Haldir, Boromir und Legolas steckten die Köpfe zusammen.
Lia starrte verzweifelt durch die Gitterstäbe.
Schließlich erhoben sich die vier wieder.
Haldir trat vor:
“Gift.”
Mehr sagte er nicht. Und man bemerkte trotzdem, wie sehr seine Stimme zitterte. Und schließlich hatte er gerade Lias Todesurteil ausgesprochen.
Und was konnte es schlimmeres geben, als einem Freund zu sagen, wie er sterben würde?
Elrond und die Wache verließen den Kerker.
“Ihr müsst sie verlassen.” hörten sie Elronds Stimme hinter sich.
Sie sahen zu Lia hinüber, die sich an die Stäbe klammerte. Tränen rollten über ihre Wangen.
Die vier sahen sie an.
Nur für einen Moment.
Aber er reichte aus, um sich alles zu sagen, was gesagt werden musste.
Und das genügte Lia.
Das genügte Nienna Arién.
Nachdem die vier das Gebäude verlassen hatten, sprachen sie kein Wort miteinander. Nicht ein einziges.
Wie konnte Elrond so etwas tun?
War dieser jemand so wichtig gewesen?
Warum?
Warum…
Lia war zusammen gesunken. Schluchzend saß sie am Boden, die Hände noch immer in die Gitterstäbe gekrallt.
Wieso war es so ausgegangen?
Hatte Elrond ihre Geschichte nicht interessiert?
War sie ihm gleichgültig?
War es ihm egal, was ihr Großvater ihr angetan hatte?
Vollkommen egal?
Es hätte anders enden sollen.
Ganz anders.
Das war die Strafe.
Der Tod.
Lange hatte sie darüber nachgedacht, was der Tod für Bedeutungen haben könnte.
Vor einiger Zeit wäre es Erlösung gewesen.
Jetzt war es Dunkelheit.
Schwarze Dunkelheit.
Nichts anderes.
Und so saß sie noch lange da.
Auf dem Boden.
An diesem schrecklichen Ort.
Weinend.
Allein.
Mitten in der Nacht schlichen Legolas und Haldir aus ihren Zimmern. Leise liefen sie durch den Hof und auf das Gebäude zu, in dem Lia festgehalten wurde.
Die Tür war nicht verschlossen.
Aber wer sollte auch in einen Kerker einbrechen?
Von ihnen selber einmal abgesehen.
Lia ging lautlos auf und ab.
Als sie die beiden bemerkte blieb sie stehen.
“Was macht ihr hier?” wisperte sie und warf sich gegen die Gitterstäbe.
“Wir wollten sich sehen und…” flüsterte Legolas ihr entgegen.
“Und ihr werdet mich nicht befreien!”
Haldir sah sich kurz vorsichtig um. Die Tür war wieder geschlossen.
“Warum nicht?”
“Ich werde zu Recht bestraft. Ihr kennt nur die halbe Wahrheit…” Sie trat einen Schritt zurück und ihr Körper verschwand in der Dunkelheit.
“Und was ist die ganze Wahrheit?” fragte nun wieder Legolas.
“Ihr… erinnert euch an die Leute aus dem Dorf…?”
Die beiden Elben nickten.
“Sie schienen dich nicht besonders zu mögen…”
“Ja, weil…”
“Weil?”
“Weil ich sie bestohlen habe. Sie betrogen habe. Einige von ihnen getötet habe…”
“Aber wozu?”
“Er hat mich dazu gezwungen.”
“Aber das ist kein Vergehen.”
“Doch, denn ich habe mich nicht dagegen gewehrt… ich dachte, er würde mich respektieren, wenn ich seine Worte befolgte.”
Ein leises Schluchzen war aus ihrer Richtung zu hören.
“Verschwindet…”
Die beiden rührten sich nicht.
“Los, haut ab! Bitte…”
Und diesmal taten Legolas und Haldir was sie sagte.
Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen zu ihr zu kommen.
Nein, das war es sicher nicht gewesen.
Diesmal nicht.
Und Haldir zog die Tür hinter sich ins Schloss.
Als der Morgen heran brach standen Boromir, Aragorn, Haldir und Legolas bereits vor der Tür des Kerkers.
Einige Momente, nachdem sie erste Worte gewechselt hatten und die beiden Elben von ihrem nächtlichen Ausflug erzählt hatten, kam ein Mann und öffnete ihnen. Hinter ihm kam Elrond, der zuerst hinein ging.
Sie folgten ihm.
Langsam.
Lia stand auf.
Ihre Augen waren gerötet, ihr Gesicht blass.
Sie sah einfach furchtbar aus.
Der Wächter schloss die Tür der Zelle auf und Elrond ging zu ihr hinein. Die anderen stellten sich an das Gitter.
“Nein, wir gehen hinaus.” sagte Elrond und Lia atmete kurz auf. Dann ging sie hinter ihm her auf das blendende Sonnenlicht zu.
Der Schnee glänzte und das Eis schimmerte, wie mit tausenden Spiegeln bestückt.
“Ich habe hier ein besonderes Gift.” begann Elrond und zog eine Flasche aus seinem Ärmel. Eine rötliche Flüssigkeit blitzte auf. “Ihr werdet es nicht spüren. Glaubt mir.”
Elrond reichte es Lia.
“Trinken.” sagte er leise und beobachtete jede ihrer Bewegungen.
Lia schloss ihre Hand um den Verschluss und öffnete die kleine Flasche.
Ein beißender Geruch stieß ihr entgegen.
Die anderen sahen sie entsetzt an.
Das konnte nicht wahr sein.
Das konnte es nicht.
Lia nahm einen Schluck.
Es war geschehen.
Die Flasche fiel in den Schnee und ihr wurde schwindelig. Sie fiel auf die Knie und schlug ihre Hände gegen ihren Kopf.
Legolas wollte ihr helfen, aber Elrond hielt seine Hand vor ihn.
Lia zitterte.
Ihre Augen suchten verzweifelt nach Hilfe.
Dann sank sie zur Seite.
Die Augen geschlossen.
Im tiefen Schnee.
Asche in Schnee.
“Nein…” formten Aragorns Lippen und er starrte zu Lia hinab. Sie war tot.
Die vier verstanden nicht, was sie gerade gesehen hatten.
Sie verstanden es einfach nicht.
Sie sahen sich an.
Lange tauschten sie Blicke.
Elrond war verschwunden. Ebenso der Wächter.
“Wir…” holte Haldir aus, doch er stockte. Dann setzte er von neuem an: “Wir… sollten gehen…”
Sie warfen einen letzten Blick auf Lia.
Boromir nickte langsam.
Und Legolas.
Und Aragorn.
Und genauso langsam gingen sie davon.
Irgendwo hin.
Dorthin, wo der Weg sie führte.
Der Weg durch Bruchtal.
Und der lange Weg durch die Welt.
Der Weg durch die Zeit.
Die Zeit des Lebens.
Denn auch sie hatten ein wenig mehr gelernt, was es bedeutete, zu leben.
Es war mehr als Erinnerung und Zukunft.
Mehr als man sich vorstellen kann und doch weniger als man glaubt.
Aber eines ist es immer:
Ein wundervolles Geschenk.
The End

