Lonely Christmas?
Eine unfreiwillige Begegnung auf dem Weihnachtsmarkt kann so einiges verändern

Fest umklammerte sie ihre warme Kaffeetasse, während sie im Schein einiger Teelichter in eine Decke eingewickelt auf ihrem Sofa saß. Der Strom war schon wieder ausgefallen - die elektrischen Leitungen in diesem alten Gebäude ließen wirklich zu wünschen übrig - doch eine bessere Wohnung konnte sie sich zur Zeit einfach nicht leisten, daher musste sie sich wohl oder übel mit diesen schlechten Bedingungen abfinden. Wenigstens hatte sie sich Wasser für Kaffee warm machen können, denn glücklicherweise hatte sie einen Gasofen.

Leise seufzte sie vor sich hin und beobachtete, wie die Kerzen Schatten an die Wände warfen. In zwei Tagen war Weihnachten - der 25. Dezember - und es war das erste Mal, dass sie es alleine verbringen würde.

Sie war erst vor ein paar Wochen nach London gezogen, weil sie dort einen Job als Übersetzerin für einen Verlag bekommen hatte, doch das Anfangsgehalt war im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten in England ziemlich dürftig ausgefallen. Sie musste erst zeigen, was sie drauf hatte, bevor sie mehr Geld bekam.
Ihre Familie wohnte weit weg in Neuseeland und konnte ihr nun auch nicht helfen, da musste sie sich nun alleine durchkämpfen.
So gerne wäre sie an Weihnachten nach Hause zu ihnen geflogen, doch ein Flugticket konnte sie sich einfach nicht leisten und ihre Familie konnte ihr das Ticket auch nicht zahlen, denn viel Geld hatten sie noch nie gehabt.

Sie kämpfte mit sich, um nicht zu weinen, wenn sie daran dachte, wie trostlos Weihnachten für sie dieses Jahr wohl sein würde. Sie erfror fast, hatte noch keine Freunde gefunden und Geschenke würden dieses Jahr wohl auch ausbleiben. Das würden wohl ziemlich deprimierende Weihnachten werden.

Nach einer Weile riss sie sich jedoch zusammen. Im Selbstmitleid versinken konnte sie später immer noch, jetzt sollte sie sich lieber etwas ablenken, was allerdings in einer Wohnung ohne Strom nicht sehr einfach war.
Ihr Blick wanderte umher, blieb erst an der Fernbedienung hängen - ohne Strom leider auch kein Fernsehen - wanderte dann weiter zu ihrem PC, wo sie ein wenig sehnsüchtig ihre Tastatur anblickte, denn mit Arbeit konnte sie sich immer gut ablenken, doch diese Möglichkeit fiel ja nun auch aus.

Seufzend trank sie ihren Kaffee aus und stand schließlich entschlossen auf. Wenn sie hier schon keine Beschäftigung fand, konnte sie ja wenigstens dick eingepackt nach draußen gehen und dort ein wenig Weihnachtsstimmung genießen, denn der Weihnachtsmarkt hier war einfach traumhaft. Mit Schal, dicker Jacke und Handschuhen ausgestattet, ging sie vor die Tür und machte sich auf den Weg zur Tube. Gerade, als sie die Treppen zu den Gleisen hinunter gehen wollte, fing es leicht an zu schneien und sie seufzte wieder. Wenn sie in ihre Wohnung zurückkam, würde es dort noch ein wenig kälter sein, wenn sich der Vermieter nicht in der Zwischenzeit um den Strom gekümmert hatte.

Sie fuhr ein paar Stationen weiter und als sie ausstieg, konnte sie nun schon den Weihnachtsmarkt erblicken. Sie liebte diesen Anblick und ein sanftes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Verträumt wanderte sie über den Markt und betrachtete die vielen schönen Dinge, die dort angeboten wurden, wobei sie ein wenig wehmütig wurde, denn wirklich leisten konnte sie sich nichts davon.

Es fiel ihr auch nicht leicht sich daran zu gewöhnen, dass es hier an Weihnachten so kalt war, immerhin war es in Neuseeland ja umgekehrt. Es war also eine ganz neue Erfahrung für sie kalte und verschneite Weihnachten zu verbringen.
So ging sie einfach verträumt aber mit leicht traurigem Blick weiter, bis sie plötzlich hart mit etwas - oder besser gesagt jemandem - zusammenprallte. Sie spürte etwas Heißes auf ihrer Jacke und ihrer Jeans und sah erschrocken auf. Der Mann mit dem sie zusammengestoßen war, hatte anscheinend eine volle Glühweintasse in der der Hand gehabt und deren Inhalt befand sich nun auf ihrer Kleidung.
“Oh mein Gott, das tut mir leid. Ich habe Sie nicht gesehen.”, entschuldigte sich der Mann sofort und sie konnte ihm ansehen, dass es ihm wirklich Leid tat.
“Ist schon gut, ich hätte ja auch aufpassen können.”, lächelte sie ein wenig unsicher.
Der Mann machte auf sie einen sehr sympathischen Eindruck und seine Augen funkelten freundlich und voller Wärme.
“Wollen Sie vielleicht kurz mit zu mir kommen? Dann könnten wir Ihre Jacke trocknen, es ist bestimmt unangenehm bei dieser Kälte mit nassen Klamotten herumzulaufen.”, bot er an.
Skeptisch blickte sie ihn an. “Falls das ein Anmachtrick von Ihnen sein sollte, kann ich Ihnen nur sagen, dass er ziemlich mies ist.”, sagte sie und überlegte, ob sie mitgehen sollte, immerhin kannte sie ihn nicht und er könnte ja schließlich auch ein Axtmörder sein oder so. Andererseits sah er dafür eigentlich viel zu nett aus.
Der Mann lachte herzhaft. “Keine Sorge, normalerweise greife ich nicht auf solch drastischen Methoden zurück.”, grinste er.
“Wie weit ist es denn bis zu Ihrer Wohnung?”, fragte sie nun, denn nachdem der Glühwein nun abgekühlt war, wurde ihr langsam kalt.
“Vielleicht 100 Meter. Dort drüben ist es.”, antwortete er und zeigte in die entsprechende Richtung.
Sie sah zwar noch etwas skeptisch aus, nickte jedoch schließlich und folgte ihm, als er voraus ging.
“Ich bin übrigens Craig.”, stellte der Fremde sich vor.
“Lucy.”, antwortete sie und schüttelte seine Hand.

In angenehmem Schweigen liefen sie nebeneinander her und Lucy staunte nicht schlecht, als sie ankamen. Es war ein Apartmentkomplex und sah ziemlich nobel aus. Irgendwie kam sie sich da ein wenig schäbig vor, vor allem, wenn sie daran dachte, wie sie vor noch ein paar Minuten in ihrer Bruchbude von Wohnung gesessen hatte.
Mit dem Aufzug fuhren sie in den zweiten Stock und die junge Frau konnte nur weiter staunen, denn in so einer feinen Umgebung war sie noch nie gewesen.
Als Craig dann jedoch seine Wohnung aufschloss und sie herein treten ließ, konnte sie sich ein Lachen nicht verkneifen.

Die Wohnung war total chaotisch und scheinbar steckte Craig gerade mitten im Renovieren. Die ganze Wohnung sah noch sehr nach Baustelle aus und nur die nötigsten Dinge schienen vorhanden. Überall standen Eimer mit Wandfarbe herum, sowie Umzugskartons, in denen sich scheinbar die restlichen Einrichtungsgegenstände befanden.
Auf einen dieser Pappkartons deutete Craig nun. “Ich habe leider im Moment keine andere Sitzgelegenheit, aber sie sind ziemlich stabil und einigermaßen bequem.”, grinste er und bot Lucy somit einen Platz an.
Auf dem Weg zu der Kiste musste sie noch aufpassen, um nicht über einen herumliegenden Zollstock zu fallen und den Staubwedel hätte sie auch fast erwischt, kam jedoch schließlich unbeschadet bei der Kiste an.
Lachend setzte sie sich. “Sind Sie gerade erst eingezogen oder renovieren Sie nur?”, fragte sie amüsiert.
“Ich bin gerade erst eingezogen.”, lächelte Craig, doch dann schien ihm wieder einzufallen, warum sie hier waren. “Am besten hängen Sie Ihre nassen Sachen bei mir über die Heizung. Ich kann Ihnen ja in der Zwischenzeit eine Hose von mir leihen.”, bot er an.
Lucy nickte dankbar und nachdem Craig ihr eine seiner Jogginghosen gegeben hatte, verzog sie sich ins Bad, um sich umzuziehen. Seine Hose war ihr zwar ein wenig zu groß, aber sehr bequem.
Ihre nassen Klamotten legte sie über die Heizung und blieb auch gleich noch etwas davor stehen, um ihre Hände ein wenig zu wärmen. “Das ist ja eine richtige Wohltat.”, rutschte ihr heraus, während sie sich wohlig seufzend gegen die Heizung lehnte.
Sie wurde von einem amüsierten Craig beobachtet. “Haben Sie noch nie das Wunder einer Heizung kennen gelernt?”, fragte er grinsend.
“Na ja, in meiner Wohnung fällt regelmäßig der Strom aus und davon ist die Heizung auch betroffen.”, erklärte sie leise grummelnd.
Craig runzelte die Stirn. “Wieso lassen Sie sich das denn gefallen? Suchen Sie sich doch einfach was Neues, wenn es so weiter geht.”, schlug er vor.
Lucy lachte nur traurig. “Sie haben leicht reden, Sie können sich ja so einen Palast wie hier leisten. Meine Wohnung ist etwa so groß, wie Ihr Wohnzimmer. Es muss schön sein, Geld zu haben.”, antwortete sie ein wenig neidisch.
Craig winkte seufzend ab. “Geld ist nicht alles.”, antwortete er nur, zu ihrem Problem mit der Wohnung sagte er lieber nichts mehr, denn er konnte sich schließlich nicht in so etwas einmischen, vor allem da sie sich ja eigentlich gar nicht kannten.
“Na ja, helfen würde es schon. Dann müsste ich wenigstens Weihnachten nicht allein verbringen.”, seufzte sie und hätte sich im nächsten Moment am liebsten auf die Zunge gebissen. Warum vertraute sie sich gerade einem wildfremden Mann an? Sie sah seinen mitleidigen aber auch leicht neugierigen Blick.
“Sie sind aus Neuseeland, nicht wahr?”, kam da von Craig und Lucy sah ihn erstaunt mit großen Augen an, denn mit dieser Gegenfrage hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Craig lachte bei ihrem Blick. “Ihr Akzent hat Sie verraten. Ich werde ja wohl noch einen Kiwi erkennen, wenn er mir begegnet, immerhin bin ich auch einer.”, grinste er und zwinkerte ihr zu.
Lucy starrte ihn weiterhin ungläubig an, da war er ihre erste neue Bekanntschaft in dieser fremden Stadt und nun stellte sich heraus, dass sie dieselbe Heimat hatten. “Sie sind ein Kiwi? Das hört man ja gar nicht.”, sagte sie schließlich erstaunt.
Craig lachte herzhaft. “Nun, ich bin beruflich viel im Ausland unterwegs, da gewöhnt man sich schnell den Akzent ab.”, antwortete er in tiefstem Dialekt, was Lucy zum Lachen brachte. Irgendwie fühlte sie sich nun direkt viel wohler, so als hätte Craig ihr ein Stück Heimat gebracht und das so kurz vor Weihnachten. Das würde dieses Jahr wohl ihr schönstes Geschenk sein.
“Haben Sie vielleicht Lust auf Tee, während wir darauf warten, dass Ihre Sachen trocknen?”, fragte Craig nun und als Lucy begeistert nickte, machte er sich in der Küche zu schaffen.

Während Craig beschäftigt war, wanderte Lucy wieder etwas im Zimmer umher. Sie trat ans Fenster und beobachtete fasziniert das Schneetreiben draußen, das mittlerweile etwas zugenommen hatte. Dicke Flocken fielen vom dunklen Himmel und bedeckten die Stadt mit einer weißen Schicht. Ihr Blick fiel nach unten auf die Fensterbank, als sie dort etwas berührte, als sie sich dort abstützen wollte. Sie entdeckte einige Haftnotizen, einen Kugelschreiber und ein Feuerzeug. ‚Aha! Bestimmt ein Raucher!’, dachte sie sich wegen des Feuerzeugs. Das war eigentlich eine Eigenschaft, die sie überhaupt nicht leiden konnte, doch dieser Craig war so sympathisch, dass sie dieses Detail nun nicht wirklich störte, worüber sie sich selbst etwas wunderte.

Nach ein paar Minuten kam Craig zurück ins Wohnzimmer und Lucy drehte sich wieder zu ihm um. Er trug ein Tablett, auf dem eine Teekanne, zwei Tassen, Honig und Löffel waren und das setzte er nun auf einem weiteren Karton ab, der kurzerhand zum Tisch umfunktioniert wurde.
So machten sie es sich relativ gemütlich und redeten über Gott und die Welt, aber vor allem über ihre gemeinsame Heimat und über ihr Heimweh, denn auch Craig war nach London gekommen, um dort zu arbeiten. Auch er würde über die Feiertage nicht nach Hause fliegen und das obwohl er es sich leisten konnte. Diese Tatsache beruhigte sie ein wenig, denn nun wusste sie wenigstens, dass es ihm nicht anders ging als ihr und auch er Weihnachten allein verbringen würde.

Nach einiger Zeit sah Lucy auf ihre Armbanduhr und war total erstaunt, dass es schon kurz nach 11 war. Eilig sprang sie auf, denn sie musste schließlich noch die letzte Tube nach Hause erwischen. Im Bad zog sie sich in Windeseile um, schnappte sich Jacke, Schal und Handschuhe und eilte zur Tür. Die Verabschiedung verlief relativ hektisch und schließlich flitzte sie los, um die Tube noch zu erwischen. Auf den letzten Drücker sprang sie in die Bahn und kam so noch gut zu Hause an.
Dort angekommen, musste sie feststellen, dass es immer noch eiskalt war, doch sich nun mitten in der Nacht noch mit ihrem Vermieter zu streiten, darauf hatte sie keine Lust. In viele Decken eingewickelt verkroch sie sich ins Bett, nachdem sie sich umgezogen hatte und schlief relativ schnell ein und träumte von Craig, dem netten Neuseeländer mit den strahlend blauen Augen.

Am nächsten Morgen wurde sie wie immer von ihrem Wecker aus dem Schlaf gerissen. Am liebsten hätte sie sich einfach wieder umgedreht und hätte weiter geschlafen, doch sie musste zur Arbeit. Sie quälte sich also aus dem Bett, fröstelte als die kalte Luft in ihrer Wohnung auf sie traf und zog sich schnell an, denn auf eine eiskalte Dusche hatte sie nun wirklich keine Lust. Auf dem Weg zur Arbeit hinterließ sie ihrem Vermieter eine Nachricht wegen Strom und Heizung.
Als sie auf die Straße trat, begegnete sie einem Polizisten, der sich grüßend an die Polizeimütze tippte und ihr freundlich zunickte. Sie grüßte zurück und lief weiter, drehte sich aber noch einmal schadenfroh grinsend um und beobachtete, wie gerade ein Strafzettel an die Windschutzscheibe des Autos ihres Vermieters geklebt wurde, weil er anscheinend mal wieder seine Parkscheibe nicht ins Auto gelegt hatte. Das geschah dem alten Trottel ganz recht, fand Lucy und ging mit etwas besserer Laune weiter Richtung Tube.

Beim Verlag angekommen, machte sie es sich mit einem starken Kaffee in ihrem kleinen Büro gemütlich und fing an zu übersetzen und da ihr die Arbeit wirklich Spaß machte, verging die Zeit wie im Flug.

Als sie schließlich am Nachmittag wieder aus dem Gebäude trat, um nach Hause zu fahren, weiteten sich ihre Augen leicht, als sie sah, dass es in der Zwischenzeit wohl wieder geschneit hatte, denn die Schneeschicht war mittlerweile knöchelhoch. In ihrem kleinen Büro hatte sie kein Fenster, daher war sie von der Außenwelt regelrecht abgeschottet und so freute sie sich nun wie ein kleines Kind, als sie den vielen Schnee sah.
Auf dem Weg zur Tube konnte sie beobachten, wie einige Kinder in einer wenig befahrenen Seitenstraße einen Schneemann bauten, mit Kieselsteinen als Augen und sogar einer Möhre als Nase. Am liebsten hätte sie sich ihnen angeschlossen und genauso vergnügt im Schnee herumgetollt, doch sie tat es nicht, denn sonst würden die meisten von ihnen sie wohl eher für eine Verrückte halten.
Während sie weiter lief, versank sie wieder in Gedanken an ihre Familie in Neuseeland, doch auf einmal kam ihr wieder Craig in den Sinn.
Mittlerweile wollte sie sich am liebsten selbst in den Hintern treten, dass sie nicht mehr über ihn wusste. Sie kannte weder seinen Nachnamen noch seine Telefonnummer und seine Adresse hatte sie sich auch nicht gemerkt, da sie auf dem Hinweg nicht wirklich darauf geachtet hatte und auf dem Rückweg hatte sie es zu eilig gehabt.
Leise vor sich hin seufzend, stieg sie in die Tube. Sie hätte Craig gerne wieder gesehen, er war wirklich ein sehr netter Mann und schlecht sah er auch nicht aus, er war sogar eigentlich voll ihr Typ. Aber nun musste sie sich wohl oder übel eben damit abfinden, dass sie ihn nicht mehr wieder sehen würde, denn sein Apartment würde sie wohl auch nicht wieder finden, ihre Orientierung war nämlich so gut wie nicht vorhanden. Zu Hause angekommen, stellte sie erfreut fest, dass der Strom wieder ging. Das musste sie natürlich sofort ausnutzen und so stellte sie sich erst einmal unter die heiße Dusche und genoss es wie sich eine wohlige Wärme überall in ihr ausbreitete.

Nachdem sie auch die Heizung wieder ordentlich aufgedreht hatte und eine Kleinigkeit gegessen hatte, sah sie sich seufzend in ihrer kleinen Wohnung um und stellte fest, dass sie wohl mal wieder aufräumen sollte.
Sie fing mit ihrem Schreibtisch an und sortierte erst einmal ein paar Karteikarten, einen Radiergummi und den Tippex beiseite, so dass sie wieder etwas mehr Platz zum Arbeiten hatte. Sie entdeckte auch noch eine alte Yen-Banknote unter einem Stapel Papier, die ihr mal eine Freundin mitgebracht hatte. Damit sie sie in ihrem Chaos nicht doch noch verlieren konnte, wurde sie kurzerhand mit einem Magnet an den Kühlschrank gehängt.
Irgendwie fand sie das Aufräumen heute jedoch nicht so lustig wie sonst und so ließ sie es seufzend wieder sein, als sie mit dem Schreibtisch fertig war.
Eigentlich wollte sie viel lieber wieder auf den Weihnachtsmarkt, denn Craig ging ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf und sie hatte die Hoffnung, dass er heute auch wieder da sein würde, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass es so war und dass sie ihm dann auch noch wieder über den Weg laufen würde, ziemlich gering war.
Sie nahm sich einen Apfel für unterwegs mit, damit sie auf dem Weihnachtsmarkt nicht doch in Versuchung kam, etwas zu kaufen, packte sich wieder warm ein und machte sich auf den Weg.

Als sie angekommen war und gerade die Straße überqueren wollte, kam auf einmal ein Krankenwagen mit Blaulicht angerauscht und hätte sie um ein Haar erwischt, hätte sie nicht jemand an der Jacke gepackt und zurückgezogen.
Sie war mal wieder so in Gedanken an ihre Familie aber auch an diesen Craig vertieft gewesen, dass sie - wie schon so oft - die Welt um sie herum einfach vergessen hatte.
Vor Schreck hatte sich ihr Herzschlag beschleunigt und nachdem sie sich von dem ersten Schock erholt hatte, drehte sie sich zu ihrem Retter um.
Sie blickte direkt in die strahlend blauen Augen von Craig, der sie fröhlich anlachte. “Träumst du immer mit offenen Augen?”, fragte er lächelnd und Lucy bemerkte erst gar nicht, dass er ins vertraute Du gewechselt war.
“Äh…na ja, das kommt öfter vor.”, gab sie zu und wurde leicht rot, da es ihr ein wenig peinlich war, dass sie sogar die laute Sirene des Krankenwagens nicht gehört hatte. “Danke übrigens. Ich schulde dir was.”, fügte sie dann noch hinzu und lächelte ihn ehrlich erleichtert an. Sie war auch einfach ins Du gewechselt, denn es schien irgendwie natürlich.
Als sie Craigs Grinsen sah, wurde sie jedoch wieder ein wenig misstrauisch. “Nun, wenn das so ist, dann kannst du deine Schuld sofort einlösen.”, grinste er und seine Augen funkelten frech. “Äh…also…”, brachte sie nicht gerade intelligent hervor, denn sie wusste nicht so recht, ob das nun eine Anspielung sein sollte oder doch ganz harmlos zu verstehen war.
“Keine Sorge. Ich habe nur ein total unnützes Wohnungseinweihungsgeschenk bekommen, das man am besten zu zweit Ausprobieren sollte.”, erklärte Craig, obwohl Lucy durch diese Antwort auch nicht viel schlauer war. Doch sie entschloss sich einfach ihre Bedenken einmal zu vergessen und sich darauf einzulassen, selbst wenn er auf Sex hinauswollte, wäre das wohl auch nicht das Schlimmste, was ihr passieren könnte, immerhin war er ja ihr Typ und sie war doch auch in der Hoffnung hier her gekommen, dass sie ihn wieder sehen würde.
Sie willigte also ein und gemeinsam machten sie sich wieder auf den Weg zu Craigs Wohnung und diesmal versuchte Lucy sich den Weg zu merken, ob sie ihn am nächsten Tag noch wissen würde, stand aber noch in den Sternen, denn darin war sie noch nie gut gewesen. Als Craig die Wohnung aufschloss staunte sie nicht schlecht.
Anscheinend hatte er heute ganze Arbeit geleistet, denn das Wohnzimmer war, so weit sie es erkennen konnte, fertig. Die Wände waren gestrichen, die meisten Möbel standen schon da und es sah viel gemütlicher und nicht mehr so nach Baustelle aus. “Wow, du warst ja richtig schnell und es sieht wirklich gut aus.”, staunte sie. “Danke, ein Freund hat mir geholfen und da ging es ganz gut voran.”, lachte Craig, er schien sich sichtlich zu freuen, dass es ihr gefiel. Er ging voraus in die Küche und Lucy folgte ihm neugierig, denn gestern war sie hier ja noch nicht gewesen.
Es war leicht chaotisch - vor allem auf dem Küchentisch lagen allerlei Sachen herum - doch irgendwie gemütlich. Während Craig in einem der Schränke herumkramte, betrachtete sie das Durcheinander auf dem Tisch. Sie entdeckte unter anderem eine Spielkarte - wobei sie sich fragte, wo wohl das restliche Spiel geblieben war - eine Sonnenbrille, die ihm bestimmt gut stand, Topflappen und einen Schlüsselanhänger mit einem lustigen Bären als Motiv.
Sie bemerkte gar nicht wie Craig sie sanft lächelnd beobachtete und fuhr einfach damit fort sich in seiner Küche umzusehen, sie liebte es einfach die Wohnungen anderer zu erkunden und so vielleicht ein paar Dinge über ihre Persönlichkeit zu erfahren.
Am Kühlschrank hingen einige lustige Fotos von Craig, seiner Familie und Freunden - soweit sie das erkennen konnte - unter anderem ein lustiges Bild von einem einige Jahre jüngeren Craig, der mit einen Trink-Helm auf dem Kopf, einer Wasserpistole in der Hand und Gummistiefeln an den Füßen posierte. Das Foto sah so urkomisch aus, dass sie einfach laut lachen musste. Als Craig sah welches Foto sie betrachtete, grinste er verschmitzt, musste jedoch schließlich einfach mitlachen, ihre Fröhlichkeit war irgendwie ansteckend.
“Das war auf einer Party während meiner wilden Studentenzeit. Irgendjemand hatte eine Sofortbildkamera dabei und hat den ganzen Schwachsinn festgehalten, den wir veranstaltet haben. Aber die Erinnerungen an die Zeit sind irgendwie lustig, daher kann ich mich nicht von dem Bild trennen, auch wenn es etwas peinlich ist.”, gestand er, nachdem sie sich beide von ihrem Lachanfall wieder etwas erholt hatten.
Lucy schüttelte nur amüsiert den Kopf, solch verrückte Sachen hatte sie nie angestellt, was ihr aber auch nicht wirklich leid tat, denn so gab es wenigstens nicht solche peinlichen Fotos von ihr irgendwo.
Neugierig versuchte sie nun auch zu sehen, was Craig aus dem Schrank gekramt hatte. “Was ist das denn nun für ein mysteriöses Einweihungsgeschenk?”, fragte sie gespannt, denn Geduld war noch nie ihre Stärke gewesen. Craig zeigte ihr lachend die Verpackung und auch Lucy fing an zu lachen, als sie sah, was es war.
“Ein Schokoladenbrunnen? Wer kommt den auf so eine Idee?”, fragte sie erstaunt. “Ach, meine Freunde wissen scheinbar einfach nicht, was sie mir schenken sollen, die sind bei so etwas immer ziemlich einfallslos. Zum Beispiel hat mir Marc, der mit heute geholfen hat, eine Klobürste geschenkt. Ich hab irgendwie nur wahnsinnige Freunde.”, erzählte Craig lachend, während er den Brunnen aus der Verpackung nahm und sich die Gebrauchsanweisung durchlas.
Lucy konnte über so etwas auch nur lachend den Kopf schütteln, aber sie beobachtete interessiert, wie Craig den Schokoladenbrunnen studierte. Er sah irgendwie süß aus, wenn er sich konzentrierte, fand sie.
“Während du dieses Ding zum Laufen bringst, könnte ich doch schon mal Obst schneiden.”, bot sie ihre Hilfe an, denn sie mochte es nicht unnütz in der Gegend herumzustehen.
Sie packte ihren Apfel aus und sah sich dann nach weiteren Früchten um.
“Warum trägst du denn bitte schön einen Apfel mit dir durch die Gegend?”, vernahm sie Craigs irritierte Frage.
Sie lachte und erklärte es ihm, während Craig vor ihr eine Schüssel mit Obst abstellte, die sie vorhin nicht bemerkt hatte. Sie grinste ihn nur an und fragte dann noch nach einem Sparschäler. Allerdings hatte er - typisch Mann - noch nie etwas von so einer Erfindung gehört und so musste sie sich eben mit einem Messer zufrieden geben. Sie kam trotzdem relativ schnell mit dem Obst voran und irgendwie fühlte sie sich hier schon so richtig zuhause, so wie sie beide in der Küche miteinander arbeiteten und miteinander umgingen. Es war, als würden sie sich schon ewig kennen und das gefiel ihr sehr.

Sie warf gerade den Apfelrest in den Mülleimer, als Craig verkündete, dass der Brunnen fertig war und die Schokolade auch schon floss.
Sie machten es sich wieder im Wohnzimmer bequem, aber diesmal auf dem Sofa, was doch sehr viel gemütlich war, als die Umzugskisten.
Lucy erblickte auf dem Sofa einige Haare und da ihre Eltern in Neuseeland auch einen Hund hatten, konnte sie sie sofort zuordnen.
“Hattest du mal einen Hund?”, fragte sie neugierig und deutete auf ein Hundehaar. Craig schüttelte lachend den Kopf. “Nein, Marc hatte seinen Hund dabei aber der faule Pascha hat nur auf dem Sofa herumgelegen, daher sind jetzt seine ganzen Haare hier verteilt.”, erklärte er kopfschüttelnd.
Amüsiert grinste Lucy bei der Vorstellung wie der Hund den beiden Männern faul bei der Arbeit zugesehen hatte, während sie ein Stück Apfel in die Schokolade tauchte. Die Schokolade schmeckte wirklich toll, vor allem in Verbindung mit den Früchten und sie war froh, dass sie auf Craigs Einladung eingegangen war.

Sie verbrachten wie schon am Tag zuvor einen schönen gemütlichen Abend gemeinsam und die Gesprächsthemen gingen ihnen nie aus.
Diesmal verquatschten sie sich jedoch wirklich und Lucy stellte erschrocken fest, dass sie die letzte Tube zu ihrer Straße verpasst hatte. Es war zu weit und vor allem zu dieser Uhrzeit auch nicht gerade ungefährlich die Strecke zu laufen.
“Ich fahre dich, wer weiß wem du sonst noch vors Auto läufst.”, bot Craig lächelnd an und duldete gar keine Widerworte, als Lucy dankend ablehnen wollte.
Insgeheim war sie ganz froh, dass sie sicher nach Hause gebracht wurde und so folgte sie Craig zu seinem Auto, das in einer Tiefgarage in der Nähe des Gebäudes stand.

Als Craig vor dem Haus hielt, in der sich ihre Wohnung befand, bedankte sie sich und wollte sich schon verabschieden, doch das ließ Craig gar nicht erst zu. “Oh nein, ich muss doch dafür sorgen, dass du wirklich heil in deine Wohnung kommst.”, erklärte er fröhlich grinsend, duldete mal wieder keine Widerrede und folgte ihr ins Haus.
Eigentlich war Lucy das nicht so recht, denn gerade im Vergleich zu Craigs Wohnung schien ihr diese kleine Bruchbude noch schäbiger als sonst und es war ihr etwas peinlich ihn mit in die Wohnung zu nehmen. Doch aus Höflichkeit würde sie so etwas nie zugeben und so musste sie ihn wohl oder übel mitkommen lassen.
Im ersten Stock angekommen, gingen sie den Flur entlang - mussten noch aufpassen, dass sie nicht über den OTTO - Katalog ihres Nachbarn fielen, der mal wieder vergessen hatte seine Post hereinzuholen - und blieben schließlich vor ihrer Wohnungstür stehen.
Sie atmete noch einmal durch, wie um sich selbst Mut zu machen das jetzt durchzuziehen und dann schloss sie ihre Wohnung auf.
Drinnen war es mal wieder eiskalt und fröstelnd musste sie feststellen, dass der Strom sich schon wieder verabschiedet hatte.
“Sorry, aber die Stromleitungen sind schon sehr alt und die Sicherungen sind auch nicht mehr die Neusten, das passiert hier dauernd.”, erklärte sie Craig, während sie sich daran machte einige Kerzen anzuzünden, um so wenigstens etwas Licht zu bekommen.
Sie bemerkte, dass Craig sich nun neugierig umsah und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Da war wohl jemand genauso neugierig wie sie selbst.
Zum Glück hatte sie ja am Nachmittag noch ein wenig aufgeräumt, daher sah ihre Bruchbude einigermaßen annehmbar aus, fand sie.
“Nett hast du es hier.”, kommentierte Craig gerade, während er eine Postkarte von einer ihrer Freundinnen aus Neuseeland betrachtete, die an der Wand hing.
“Du brauchst nicht höflich zu sein, ich weiß, dass es das letzte Loch ist.”, grinste Lucy schief und zuckte nur mit den Schultern. “Bei meinem mickrigen Gehalt ist momentan nichts besseres drin.”, erklärte sie leicht traurig.

Craig blieb nicht lange, denn es war ja schon spät. Sie hatten sich an der Wohnungstür verabschiedet und Craig drehte sich um, um zu gehen, doch plötzlich fiel ihm noch etwas ein und er drehte sich wieder zu Lucy.
“Sag mal…hast du vielleicht Lust den morgigen Tag bei mir zu verbringen?”, fragte er und Lucy konnte ihm ansehen, wie unsicher er war.
“Ich würde mich wirklich freuen.”, fügte er lächelnd hinzu.
Lucy überlegte kurz. Morgen war der fünfundzwanzigste und somit Weihnachten, der Tag vor dem sie in den letzten paar Tagen eigentlich am meisten Angst gehabt hatte, denn er verdeutlichte ihr nur all zu sehr, wie einsam sie in dieser großen noch relativ fremden Stadt war. Die Aussicht darauf diesen Tag nun nicht alleine verbringen zu müssen war einfach zu verlockend und da sie ja wusste, dass Craig sonst auch alleine sein würde, stimmte sie freudig zu.
Craigs Augen leuchteten regelrecht, als er bei ihrer Antwort anfing zu strahlen und Lucy erwiderte das Lachen, denn seine Begeisterung war irgendwie ansteckend.
Sie vereinbarten, dass Lucy am Vormittag zu Craig kommen würde und sie sich dann gemeinsam einen schönen Tag machen konnten.

Nachdem Craig dann wirklich gegangen war, kuschelte Lucy sich mit verträumtem Blick aufs Sofa und grinste einfach nur dumm vor sich hin. Sie freute sich riesig, dass sie Weihnachten nun doch nicht alleine verbringen musste und auch Craig mochte sie immer mehr, langsam aber sicher ging er ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf und spukte immer in ihren Gedanken herum, vor allem seine Augen hatten es ihr angetan.
Leise seufzte sie jedoch, als sie an morgen dachte und ihr einfiel, dass sie ihm wohl etwas schenken sollte. Immerhin war Weihnachten und er lud sie auch noch zu sich ein.
‚Na toll, der Kerl hat doch Geld wie Heu, womit soll ich ihm denn da noch eine Freude machen können?’, fragte sie sich und fing an zu grübeln. Es müsste ein einfaches Geschenk sein, denn sie hatte ja nicht wirklich Geld, um eins zu kaufen, also musste sie sich schon etwas Originelles einfallen lassen.
Nach einigem hin und her überlegen, fiel ihr schließlich etwas ein, fröhlich zog sie sich um, stellte sich für früh morgens den Wecker und war ziemlich schnell eingeschlafen, der Tag war doch ziemlich anstrengend gewesen.

Früh klingelte der Wecker und voller Elan sprang Lucy aus dem Bett. Sie hatte noch einiges vor.
Aus einem Schrank kramte sie ihre Malutensilien heraus, die sie schon eine ganze Weile nicht mehr benutzt hatte, ihr jedoch nun wie gerufen kamen. Sie hatte schon immer ein Talent fürs Malen gehabt und da Craig ja gerade erst umgezogen war, und seine Wände somit immer noch recht kahl waren, war ein Bild das ideale Geschenk für ihn.
Sie wollte etwas Abstraktes für ihn malen, da sie ihn noch nicht gut genug kannte, um jetzt ein Motiv zu wählen, das ihm gut gefallen könnte. Sie überlegte etwas, welche Farben sie wohl nehmen sollte und entschied sich schließlich für Sonnengelb und Feuerlöscher - Rot.
Sie brauchte etwa eine Stunde, bis sie mit ihrem Werk zufrieden war. Es strahlte Wärme aus und ihrer Meinung nach würde es sehr gut in Craigs Apartment passen, sie war sehr zufrieden mit sich und erst jetzt sprang sie kurz unter die Dusche und frühstückte eine Kleinigkeit.
Danach machte sie sich etwas zurecht, jedoch nicht all zu offensichtlich, da sie nicht wollte, dass Craig eventuell den Eindruck bekam, dass sie sich für ihn aufgestylt hatte. Sie band ihre schulterlangen Haare mit einer Haarspange zusammen, wählte ein paar schlichte aber doch schöne Ohrringe aus, sowie ein dezentes Make-up und fand, dass sie so gehen konnte.

Zum Glück war die Farbe des Bildes recht schnell getrocknet und so wickelte sie es noch in ein Tuch ein, damit es nicht womöglich beschädigt wurde, und machte sich dann damit auf den Weg zu Craig. Glücklicherweise hatte sie sich diesmal den Weg einigermaßen gemerkt und musste nur ein Mal einen Passanten nach dem Straßennamen fragen, bevor sie schließlich vor Craigs Tür stand.

Gegen halb elf kam sie bei ihm an und wurde von einem fröhlichen Craig hereingebeten.
“Ich hab uns ein richtig traditionelles weihnachtliches Essen zubereitet.”, erzählte er ihr, während sie ins Wohnzimmer gingen. Dort stellte sie ihr immer noch eingepacktes Gemälde ab und bemerkte amüsiert, wie Craig es neugierig betrachtete.
“Nun, es ist ja schon der fünfundzwanzigste, also kann ich es dir ja ruhig schon geben. Fröhliche Weihnachten.”, lächelte sie, wickelte das Tuch vom Bild und überreichte es ihm.

Sonne - von Angelina Friedrich Hohl (mehr unter http://www.fantasy.mastertools.ch/v2/index.htm )
Sie hoffte sehr, dass es ihm gefiel und beobachtete nun gespannt seine Reaktion.
Craig konnte nur über das Bild staunen. “Wow! Hast du das selbst gemalt?”, fragte er, während er das Bild betrachtete.
“Ja, ich hoffe, es gefällt dir. Ich dachte mir einfach, dass du noch etwas Wandschmuck gebrauchen könntest, es ist ja doch noch etwas kahl hier.”, lächelte sie.
“Ob es mir gefällt? Ich finde es einfach phantastisch. Hätte ich ein Gebiss, wäre es mir bestimmt schon vor Staunen aus dem Mund gefallen. Das Bild bekommt auf jeden Fall einen Ehrenplatz.”, grinste er und sah sich schon mal in seiner Wohnung nach einer geeigneten Stelle um.
Schließlich lehnte er es erst einmal gut sichtbar unter die ausgesuchte Stelle an die Wand, aufhängen würde er es später.
Lucy lachte bei Craigs Kommentar. Sie war froh, dass ihm das Bild so sehr gefiel. Lächelnd setzte sie sich auf die Couch und beobachtete wie er einen Platz für das Bild suchte. Dabei merkte sie, wie sie sich mal wieder eher auf ihn, statt auf das Bild konzentrierte. Als er sich dann wieder zu ihr umdrehte, sah sie schnell wieder zu dem Gemälde, denn sie wollte auch nicht dabei erwischt werden, wie sie ihn beobachtete, da sie nicht einschätzen konnte, ob er eventuell an mehr als nur Freundschaft interessiert war.
Als Craig sich nun zu ihr setzte, bemerkte sie, dass auch er ein kleines Päckchen in der Hand hielt. “Dir auch fröhliche Weihnachten.”, lächelte er und überreichte ihr das Geschenk.
Erstaunt blickte sie zwischen dem Geschenk und Craig hin und her. “Das wäre aber nicht nötig gewesen, deine Einladung war doch schon Geschenk genug.”, meinte sie leicht verlegen.
“Ach was, es ist Weihnachten und da gibt es Geschenke. Na los, mach schon auf.”, lächelte er und sie konnte ihm ansehen, dass er gespannt war, wie es ihr gefallen würde.
Lächelnd löste sie das Geschenkpapier, woraufhin eine kleine Pappschachtel zum Vorschein kam, die relativ schwer war. Vorsichtig öffnete sie diese und als sie dann sah, was sich darin befand, wusste sie nicht recht, ob sie vor Freude lachen oder vor Rührung weinen sollte.
Inhalt der Schachtel war ein Sparschwein, aber nicht irgendein Sparschwein. Sein Muster sah aus wie die Neuseeländische Flagge und als sie es aus der Verpackung nahm, konnte sie sogar schon ein paar Münzen darin klimpern hören.
“Das soll deine Reisekasse werden für ein Ticket nach Hause.”, erklärte Craig lächelnd.
Mit Tränen in den Augen sah Lucy auf. “Das ist das schönste Geschenk, das ich jemals bekommen habe.”, lächelte sie und fiel ihm kurzerhand einfach um den Hals, so überwältigt war sie von dieser einfachen aber gleichzeitig bewegenden Geste.
“Danke.”, flüsterte sie und musste sich wirklich zusammenreißen, um nicht doch noch vor Rührung zu weinen.
“Gern geschehen.”, murmelte Craig nur und legte seine Arme sanft um sie und drückte sie kurz an sich.
Schließlich lösten sie sich wieder voneinander und Lucy lächelte ihn leicht schüchtern an, da es ihr ein wenig peinlich war so einen Gefühlsausbruch gehabt zu haben.
“Ich…ich geh mal kurz ins Bad.”, sagte sie leise und lächelte sanft, als sie aufstand.
“In Ordnung, dann sehe ich mal kurz nach dem Essen.”, antwortete Craig lächelnd und verschwand in der Küche. Er fand es irgendwie bewegend, dass er sie mit so einem einfachen Geschenk glücklich machen konnte.
Im Bad kontrollierte Lucy ihr Make-up und stellte erleichtert fest, dass es nicht verwischt war, also wusch sie sich nur die Hände mit Seife, die nach Vanille roch, wie sie lächelnd feststellte. Sie wollte sich gerade wieder auf den Weg ins Wohnzimmer machen, als sie aus den Augenwinkeln etwas Gelbes am Badewannenrand entdeckte, was ihr vorher noch nicht aufgefallen war. Als sie sich umdrehte und sah, was es war, musste sie einfach loslachen. Sie hatte noch nie gesehen, dass ein Erwachsener eine quietschgelbe Gummiente besaß, und so lief sie immer noch lachend zu Craig in die Küche.
Craig blickte auf, als er Lucy lachen hörte und sah sie fragend an. “Was ist denn so lustig?”, fragte er neugierig.
“Na ja…du bist der erste erwachsene Mann, den ich kenne, der eine Quietschentchen hat.”, grinste sie und musste noch etwas mehr lachen, als Craig sie leicht verschmitzt angrinste.
“Nun…allein baden macht eben keinen Spaß.”, sagte er zweideutig und widmete sich dann wieder fröhlich dem Essen. Als Lucy das sah, konnte nur staunen. Craig hatte ja ein regelrechtes Festmahl zubereitet und allein beim Anblick lief ihr das Wasser im Mund zusammen.
“Kann ich dir irgendwie helfen?”, fragte sie, um nicht unnütz in der Gegend herum zu stehen.
“Nein, nein, ich hab hier alles unter Kontrolle, sieh dich einfach noch ein bisschen um, das Essen ist bald fertig.”, winkte Craig ab.
Lucy wollte schon einen Einwand erheben, doch wenn sie eins in der kurzen Zeit, in der sie sich kannten, gelernt hatte, dann dass man mit Craig nicht wirklich diskutieren konnte, wenn er einen so ansah.
Sie wanderte also wieder zurück ins Wohnzimmer und sah sich dort neugierig um. Seit gestern hatte er es noch weiter eingerichtet und es sah nun wirklich sehr wohnlich aus, was ihr sehr gut gefiel. Die Regale und Schränke waren auch schon eingeräumt und so schlenderte sie dorthin, um zu sehen, was er so für Bücher und DVDs besaß.
Sie grinste, als sie einen verdrehten Zauberwürfel als Deko in einem der Regale liegen sah. Sie besaß so ein Ding auch schon seit Jahren, hatte es allerdings nie geschafft ihn wieder in seine Ausgangsposition zurückzudrehen. Es beruhigte sie nun zu wissen, dass es scheinbar nicht nur ihr so ging.
Sie lief weiter an der Regalwand entlang und blieb schließlich bei den DVDs stehen und studierte die Titel.
“Na, gefällt dir meine Sammlung?”, kam es auf einmal von dicht hinter ihr und sie zuckte vor Schreck zusammen. Sie hatte Craig gar nicht kommen gehört so sehr war sie in ihre Betrachtung vertieft.
“Du hast Titanic? Du hast das freiwillig für alle sichtbar in deinem Regal stehen?”, fragte sie amüsiert, denn so ein Mann war ihr wirklich noch nicht untergekommen.
‚Vielleicht ist er ja schwul?’, wunderte sie sich heimlich.
Craig lachte herzhaft bei ihren Fragen. “Na ja, das ist ein Überbleibsel meiner Exfreundin und da ich den Film eigentlich gar nicht so schlecht finde, hab ich ihn eben behalten. Und ja, ich gebe es offen zu, dass er mir gefällt, das kann ruhig jeder wissen.”, grinste er und seine Augen funkelten fröhlich.
Lucy lachte nur, es war wirklich sehr schön mit ihm herumzualbern und da er ja auch eine Exfreundin erwähnt hatte, konnte sie sich relativ sicher sein, dass er wohl eher nicht schwul war.
“Das Essen ist übrigens fertig.”, unterbrach Craig lächelnd ihre Gedanken und Lucy folgte ihm in die Küche zum Esstisch.
Es sah wirklich aus wie ein Festmahl und sie wunderte sich wie er so etwas auf die Beine stellen konnte.
‚Er ist wirklich perfekt’, schoss es ihr durch den Kopf.
Craig lachte. “Oh nein, perfekt bin ich noch lange nicht.”, grinste er und Lucy wurde rot, scheinbar hatte sie ihren Gedanken unbewusst ausgesprochen.
“Ich habe einige Macken, aber die muss man neuen Bekanntschaften ja nicht sofort unter die Nase reiben.”, grinste er und stellte dann ein Cocktailglas mit einer blassroten Flüssigkeit darin vor Lucy ab. “Ich hab uns einen weihnachtlichen Cocktail gemixt, aber keine Angst, er ist nicht sehr stark, immerhin ist es erst Mittag, da sollte man noch nicht all zu hochprozentiges zu sich nehmen.”, erklärte er lächelnd.
Sie stießen zusammen an und Lucy musste zugeben, dass der Cocktail gut schmeckte und auch wirklich nicht sehr stark war. Dann griffen sie beide ordentlich zu und ließen es sich schmecken, bis sie nicht mehr konnten.
Sie beschlossen sich die Reste für den Abend aufzuheben und dann machten sie es sich wieder gemeinsam im Wohnzimmer gemütlich, tauschten sich über die Weihnachtstraditionen ihrer Familien aus und erzählten sich lustige Anekdoten von vergangenen Weihnachtsfeiern.
Lucy strahlte regelrecht vor sich hin, denn nie im Leben hätte sie sich vorstellen können, dass ihr diesjähriges Weihnachtsfest doch noch so schön werden würde. Craig hatte ihr Weihnachten gerettet und dafür mochte sie ihn nur umso mehr.

Am Abend machten sie sich über die Reste des Mittagessens her und danach führten sie ihr Gespräch fort. Sie redeten und redeten und vergaßen so völlig die Zeit.
Als Lucy schließlich wieder auf die Uhr blickte, weil sie so langsam müde wurde, war es schon weit nach Mitternacht und somit hatte sie ihre letzte Tube schon lange verpasst. Auch Craig schien das nun zu bemerken und wollte schon anbieten sie wieder nach Hause zu fahren, als sein Blick zum Fenster fiel und er bemerkte, dass draußen ein regelrechter Schneesturm tobte.
Ein wenig ratlos sah Lucy zu ihm und auch Craig überlegte, was sie nun tun könnten, doch ihm fiel nur eine Möglichkeit ein. “Du könntest bei mir schlafen und ich fahre dich morgen nach Hause, wenn der Schnee bis dahin etwas weniger geworden ist.”, bot er an und kaute leicht verlegen an seiner Lippe, als er sah, dass Lucy etwas skeptisch über seinen Vorschlag war. “Keine Sorge, ich nehme das Sofa und du bekommst das Bett.”, fügte er schnell hinzu und nun erwiderte sie sein Lächeln.
“In Ordnung.”, stimmte Lucy schließlich zu, auch wenn sie sich wohl in dem fremden Bett etwas komisch fühlen würde, vor allem, wenn sie wusste, dass Craig im Nebenzimmer auf dem Sofa schlafen würde.
Sie lieh sich von ihm ein T-Shirt und er zeigte ihr noch, wo sie im Bad alles finden konnte, was sie so brauchen könnte und dann machte sie sich fertig.
Nur in T-Shirt und Unterhose kam sie wieder aus dem Bad und sie war froh, dass Craigs Shirt ihr zu lang war und er somit ihre Unterhose nicht sehen konnte, denn auf dem Weg zu seinem Schlafzimmer lief sie ihm über den Weg, als er sich mit Decke und Kissen bewaffnet gerade auf den Weg ins Wohnzimmer machen wollte.
Sie wurde leicht rot und als sie Craig genauer betrachtete wurde dieser Rot-Ton sogar noch eine Spur dunkler. Craig trug nur Boxershorts und ein dünnes Shirt unter dem sich seine Muskeln leicht abzeichneten und das nicht mehr viel der Vorstellungskraft überließ. Craig grinste nur wieder sein freches Grinsen, als er sah wie sie auf ihn reagierte und wünschte ihr noch eine gute Nacht, bevor er im Wohnzimmer verschwand.
Lucy sah ihm noch eine Weile nach, doch dann gab sie sich einen Ruck und ging sie ins Schlafzimmer. Dort kuschelte sie sich in das große gemütliche Bett.
Obwohl sie müde war, konnte sie jedoch nicht einschlafen, denn sie musste die ganze Zeit an Craig denken. Sein Geruch war überall und umgab sie regelrecht. Das Shirt, das sie trug, roch nach ihm und auch die Bettwäsche. Es war fast als würde er neben ihr liegen.
Sie wälzte sich eine Zeit lang hin und her, kam jedoch nach einer Weile zu dem Schluss, dass sie so nie zum Schlafen kommen würde und so stand sie schließlich wieder auf.
Leise tapste sie ins Wohnzimmer. “Craig, bist du noch wach?”, flüsterte sie, denn das Licht war schon aus und sie konnte nicht erkennen, ob er schlief.
“Ja, bin ich.”, hörte sie seine leicht amüsierte Stimme. “Das Sofa ist nicht so bequem wie ich dachte.”, fügte er noch hinzu und Lucy lachte.
“Na ja…wir könnten ja beide in deinem Bett schlafen. Immerhin ist es groß genug.”, schlug sie zögerlich vor.
Craig zog verwundert eine Augenbraue hoch, was sie jedoch bei der spärlichen Beleuchtung nicht sehen konnte. “Bist du dir da sicher?”, fragte er noch einmal nach.
“Na ja, wie gesagt, dein Bett ist groß und wir sind zwei Erwachsene, da wird es doch wohl kein Problem sein in einem Bett zu schlafen.”, antwortete sie und lächelte dann erleichtert, als Craig aufstand, denn sie war sich nicht ganz sicher gewesen, ob ihr Vorschlag nicht doch etwas zu weit ging.

Wieder im Schlafzimmer kuschelte sie sich unter die Decke und Craig legte sich neben sie. Gemeinsam unter der Decke war es schön warm, es störte sie allerdings etwas, dass Craig bemüht schien ihr nicht zu nahe zu kommen.
Schließlich seufzte sie leise, nahm allen Mut zusammen und rutschte rüber zu Craig. Ihren Kopf legte sie an seine Schulter und einer ihrer Arme lag über seinem Bauch. “So ist’s schön.”, murmelte sie zufrieden.
Craig schien anfangs noch etwas zögerlich, doch schließlich entspannte er sich und legte auch einen Arm um sie und zog sie noch etwas näher an sich, so dass sie beide bequem lagen.

Lucy lag noch eine ganze Weile wach und lauschte Craigs gleichmäßigen Atemzügen. Sie war unheimlich glücklich. Sie wusste zwar nicht, was die Zukunft für sie bereithielt, doch sie hatte einen Job, der ihr Spaß machte und sie hatte Craig kennen gelernt. In einem Jahr würde sie mehr Gehalt bekommen und dann konnte sie aus diesem elenden Loch, das sich Wohnung nannte, ausziehen und bis dahin würde sie auch noch durchhalten.
Was mit Craig wurde, konnte sie auch noch nicht einschätzen, doch selbst wenn er nur an Freundschaft interessiert sein sollte, so war sie doch froh, dass sie sich gefunden hatten.
So glücklich war sie wirklich schon lange nicht mehr gewesen und diese Wende verdankte sie nur Craig. Mit einem Lächeln im Gesicht schlief sie schließlich ein.

Ohne dass Lucy es bemerkte, lag auch Craig noch eine Zeit lang wach und genoss es sie so nah bei sich zu spüren. Auch er konnte sein Glück noch nicht so ganz fassen, dass sein diesjähriges Weihnachten doch noch so schön geworden war, obwohl er sich schon fast mit einem einsamen Tag abgefunden hatte.
Er fand Lucy wirklich nett und auch ziemlich anziehend. Er musste sich eingestehen, dass er sich freuen würde, wenn mehr als Freundschaft zwischen ihnen entstehen könnte. Doch noch konnte er nicht einschätzen wie Lucy dazu stand und so würde er die Dinge einfach erst einmal auf sie beide zukommen lassen.
Er kuschelte sich noch ein wenig enger an sie und während er weiterhin ihren ruhigen Atemzügen lauschte, schlief er schließlich ein.

The End

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