Departing
Am Ende von Elessars Leben entscheiden sich auch andere, Mittelerde zu verlassen. - Teil 7 der “Haldir Sequence”

Kapitel 1
Der König lag im Sterben.

Gerüchte breiteten sich rasch im ganzen Land aus und als sie eintrafen, weinten Viele. Es gab kaum jemand unter den Sterblichen, der sich noch an die Tage vor der Rückkehr des Königs erinnern konnte, und obwohl sein Sohn ein guter Mann und würdiger Nachfolger sein würde, würde der Tod Elessars trotzdem schwer zu ertragen sein.

In Lothlórien wandten sich die wenigen verbliebenen Elben einander zu und nickten bedauerlich.

“Was wird mit der Königin geschehen? Hatte sie nicht die Sterblichkeit gewählt, um mit ihm zusammenzusein?”, fragte Melpomaen.

“Wir werden einfach abwarten müssen. Ich denke, sie wird, so wie Lúthien, die Wahl haben, ihren Abschied zu wählen. Sie verbrachte viel Zeit hier, genauso wie im Hause ihres Vaters in Imladris - sie mag vielleicht den Wunsch hegen, Lórien noch einmal zu sehen, bevor sie ihr Schicksal akzeptiert”, sagte sein Gefährte, Haldir.

“Es ist unsere Pflicht, für Celebríans Tochter dazusein, sollte sie kommen.” Lórindol sprach mit der Autorität des ältesten unter ihnen. “Wir blieben all diese Jahre, weil wir nicht wollten, dass unser Land darunter leidet, verlassen zu werden, nicht solange der König und die Königin leben. Wir werden jetzt noch ein bisschen länger verweilen, bis Undómiel von uns gegangen ist.”

In diesem Winter fiel überall im Königreich reichlich Schnee und Regen und die Sonne versteckte sich hinter den Wolken.

***

Der König ist tot.

Langsam verbreitete sich jetzt das Wort, als ob die Zungen zögerten, die Trauer laut auszusprechen. Gleich danach kam diejenige, die sie fast schon erwartet hatten, die verwitwete Königin.

Sie beratschlagten, ob sie sie begrüßen und sich um sie sorgen sollten. Sie bewegte sich, als würde sie die Welt um sich nicht wahrnehmen. Nachdem sie sich beraten hatten, wurde entschieden, sie sich selbst zu überlassen, bis sie sich an sie wandte. Der König - und ebenso die Königin - hatte gewusst, dass es noch immer Elben in Lórien gab, und wenn sie Hilfe oder Freundschaft wollte, würde sie sie aufsuchen. Melpomaen war nicht glücklich über diese Entscheidung, aber er fügte sich dem Willen der anderen.

Arwen machte keine Andeutung, dass sie wusste, dass sie beobachtet wurde, trotzdem überließen sie ihr Nahrungsmittel, ihr letztes Lembas, welches in Blätter eingewickelt und selbst nach Jahren noch frisch war. Als der Frühling in Sommer überging und der Sommer in Herbst, sahen sie sie durch das verlassene Caras Galadhon wandern, viele Tage und Nächte im Garten verbringend, in welchem einst Lady Galadriels Spiegel gestanden hatte. Sie wanderte durch die Wälder zum Nimrodel und schlief an dessen Ufern. Schließlich, als der Winter kam, kehrte sie zurück und verweilte in der Nähe von Cerin Amroth, zwischen den silbernen Stämmen und unter den goldenen Blättern der Mellyrn.

Dann trafen Elladan und Elrohir ein, welche von Imladris geritten kamen, um ihre Schwester ein letztes Mal zu sehen. Da sie diese zunächst bei ihren Kindern in Minas Tirith vermutet hatten, waren sie einige Wochen verspätet eingetroffen.

“Wo ist sie?” Elrohir sprach für sie beide, als Lórindol sie begrüßte.

“Sie ist nicht weit, aber ich denke nicht, dass sie Besucher willkommen heißen wird - nicht einmal euch. Seht selbst. Ihr ganzes Dasein ist nach innen gekehrt, und wir haben nicht gewagt, ihr Schweigen zu stören. Haldir wird euch hinführen”, sagte Lórindol.

Die Zwillinge kehrten betrübt zurück. “Wir werden warten”, sagte Elladan. “Ich denke nicht, dass es für lange sein wird. Und was ist schon die Zeit für einen uns?”

Als die letzten Blätter fielen, sahen sie, wie Arwen sich erhob und langsam den Hügel empor stieg, bis hin zur Mitte des doppelten Kreises aus Bäumen mit abwechselnd weißen und silbernen Stämmen. Dort im kalten Sternenlicht legte sie sich hin und stieß ein tiefes Seufzen aus.

***

Tagelang verweilten sie respektvoll. Dann hoben ihre Brüder ihr Grab aus und errichteten einen Hügel darauf.

An Arwens unscheinbarem Grab standen die Trauernden. Elladan und Elrohir lehnten sich in ihrer Trauer aneinander, und nacheinander trat jeder anwesende Elb näher, um Worte des Beileids zu murmeln.

Die letzten waren Haldir und Melpomaen.

“Nur wegen ihr haben wir gewartet. Nun werden auch wir gehen”, sagte Haldir zu den Brüdern.

“Der Goldene Wald wird vergehen”, sagte Elladan resigniert. Elrohir nickte zustimmend. “Galadriel erzählte mir, dass es im Westen Yavanna selbst war, welche den ersten Mallorn pflanzte. Ich möchte das sehen; traurig wird das Land sein, in welchem kein Mallorn wächst.”

“Das ist wahr. Ich bin froh, dass du mir gesagt hast, dass im Westen die Mellyrn gedeihen, denn ich würde es vermissen, nicht unter ihnen zu leben. Wirst du mit Lord Celeborn von den Grauen Anfuhrten abreisen?”

“Ja. Und deine Leute?”

“Das Wort erreichte uns, dass Legolas in Ithilien ein Schiff baut. Unsere wenigen verbliebenen Leute werden sich ihm anschließen, nun da es keinen Grund mehr für uns gibt, hier zu bleiben.”

***

Sie reisten nach Süden. Solange Lórien noch in Sicht war, drehten sich viele immer wieder um, um es anzusehen - auch Haldir war darunter, Melpomaen jedoch behielt seinen Blick entschlossen nach vorne gerichtet.

***

Auf Legolas’ Gesicht erschien ein Lächeln, als er die Elben aus Lothlórien eintreffen sah, um seine Reise mit ihm zu teilen. Einige aus seinem Volk würden mitgehen, aber die meisten hatten sich entschieden, etwas länger in den wohlriechenden Wäldern von Ithilien zu verweilen. Irgendwann würden auch sie folgen.

Gimli stapfte um das fast fertige Schiff herum und nickte Haldir zu. “Guten Tag, Meister Elb. Ich bin sicher, Ihr werdet mir dieses Mal nicht die Augen verbinden müssen.”

“Ich bitte um Vergebung, Meister Zwerg, aber es war damals notwendig.”

Gimli schnaubte. “Vielleicht.”

“Ich bin überrascht, dass Ihr mit uns reist”, sagte Melpomaen. “Ich wusste nicht, dass Zwerge das können.”

“Legolas erreichte diese Gnade für mich, so dass wir uns nicht trennen müssen, er konnte nicht länger in Mittelerde bleiben, nun da König Elessar tot ist. Kanntet Ihr den König persönlich?”

“Wir trafen uns in Imladris”, antwortete Melpomaen, “aber ich würde nicht sagen, dass ich ihn gut kannte.”

“Nur ein bisschen”, sagte Haldir.

Die Augen des Zwerges verengten sich. Legolas legte beruhigend eine Hand auf seine Schulter. “Ich behaupte zu sagen, dass es noch nie solch einen König unter den Menschen gegeben hatte. Es ist eine Schande.”

“Es ist ein Geschenk”, erinnerte ihn Legolas. “Du wirst es auch eines Tages erhalten, obwohl es vielleicht manchmal schwer zu akzeptieren ist.”

“Ja, Junge”, sagte Gimli schroff. “Ich weiß. Um dein Geschenk zu akzeptieren, muss ich meine Leute zurücklassen, genau so wie Arwen es tat.”

“Für uns ist der Schmerz der Trauer über solch einen Verlust selten”, grübelte Haldir. “Obwohl ich die Königin eher von ihrem Ruf her kannte als persönlich, war sie doch immer noch der Abendstern unseres Volkes - und mit ihrem Tod kommt das Ende all unserer Tage hier.”

***

An Loende, dem Mittsommertag, gingen sie an Bord des grauen Schiffes. Sie fuhren mit gerefften Segeln den Anduin hinab, begleitet von Beibooten. Als sie die Mündung des Flusses erreichten, beschlossen sie gemeinsam, der Küste zu folgen, um das Kap von Andrast herum, bis nach Harlindon, bevor sie sich nach Westen wandten, um den Direkten Weg zu befahren.

“Habt Ihr Angst?” fragte Gimli Haldir.

“Das ist nicht das Wort, welches ich gewählt hätte; besorgt eher. Ich nehme an, das sind wir alle - Ihr etwa nicht?”

“Natürlich.” Gimli nahm einen tiefen Atemzug. “Ich mag Euch Elben näher stehen, als ich es je irgendeinem Zwerg gegenüber war, aber das bedeutet nicht, dass ich es gänzlich genießen werde, bis ans Ende meiner Tage allein unter euch zu leben.”

Legolas hörte dies und sagte, “Mithrandir wird da sein, Gimli, obwohl ich überrascht wäre, wenn Frodo oder Sam noch lebten. Du wirst nicht ganz alleine sein. Tatsächlich wird Valinor auch für uns andere unbekannt sein. Ich freue mich darauf, Orome zu begegnen, und ich nehme an, du hoffst darauf, Aule zu treffen?”

“Ja, Mahal zu treffen, war ein Grund gewesen, warum ich zustimmte, mit dir zu gehen”, gab Gimli zu. “Doch am meisten würde ich mich freuen, die Lady Galadriel wiederzusehen, um ihr zu sagen, dass ich ihr Geschenk all diese Jahre über aufbewahrt habe.” Seine Hand wanderte zu dem Lederbeutel an seinem Gürtel. “Wen hofft Ihr zu sehen, Haldir? Melpomaen?”

Melpomaen zuckte mit den Schultern. “Meine Eltern. Sie verließen Mittelerde vor vielen, vielen Jahren, lange bevor der König zurückkehrte.”

“Ich weiß nicht”, sagte Haldir. “Wir haben das Leben aufgegeben, welches wir kannten, für etwas, das wir nicht kennen. Ich nehme an, so mussten sich Elessar und Arwen gefühlt haben. Etwas so sehr geliebtes aufzugeben und zu glauben, dass sie irgendwann, irgendwo, wieder vereint sein werden. Wir können ihnen nicht folgen - es liegt nicht in unserer Natur - aber diese Reise ist ein angemessenes Gedenken, da auch wir alle unsere Vergangenheit für eine unbekannte Zukunft zurücklassen.”

***

Schließlich durchfuhren sie die Schattenhaften Meere und erreichten Tol Eressea und kamen zu den Häfen von Avallóne. Sie konnten den Gipfel von Taniquetil weiß im Morgengrauen schimmern sehen.

“Elendil sagte, und nach ihm Elessar, Et Earello Endorenna utúlien. Sinome maruvan ar Hildinyar tenn’ Ambar-metta. (Aus dem Großen Meer bin ich nach Mittelerde gekommen. An diesem Ort will ich bleiben und meine Erben bis zum Ende der Welt. - Gesprochen von Aragorn in dem Kapitel “Der Truchsess und der König.”) Sie konnten nicht für immer in Mittelerde verweilen, da sie sterblich waren, ihre Erben jedoch werden es. Und wir, welche den König liebten, konnten ebenfalls nicht verweilen, nun da er von uns gegangen ist und mit ihm der Abendstern. So ist es für uns genau umgekehrt - von Mittelerde nach Valinor sind wir gekommen und hier werden wir bleiben”, sagte Legolas. Er ergriff Gimlis Hand. “Nun ist der Ringkrieg wirklich zu Ende, und hier werden wir von allen Schmerzen geheilt werden, die uns noch immer plagen.”

“Auch müssen wir uns nicht von jenen trennen, die wir lieben”, sagte Haldir und stand neben Melpomaen. “Diejenigen, die für uns einst verloren waren, werden wir wiederfinden und es wird keine Trennungen und Trauer mehr geben - Meister Gimli - ausgenommen für euch.”

Gimli neigte den Kopf. “Darf ich sagen, Haldir, dass ich nie erwartet hätte, nach unserem ersten Treffen solche Worte von Euch zu hören. Silber sind die Zungen der Elben, wenn sie es möchten! Wenn meine Zeit des Abschieds kommen sollte, werde ich Euch fast genauso vermissen wie Legolas.”

Einer nach dem anderen verließen die Reisenden das Schiff, betraten die weißen Strände und atmeten zum ersten Mal die Luft der Unsterblichen Lande. Ein neuer Tag war angebrochen.

The End

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