Until the Day Comes
“Es flüstert ihm zu und er schmeckt die Bitterkeit, fühlt die giftigen Klauen und sieht die Dunkelheit.” Der Fluch des Ringes hat sogar die Grenzwächter von Lórien erreicht.

Kapitel 1
Es ist die fesselnde Stimme, die Haldirs Aufmerksamkeit auf sich zieht, die Stimme, die die Sage von Nimrodel und Amroth singt. Die Zeilen wabern durch die Bäume und beleben den Wald und als sie seine Ohren erreichen, ist er von ihrer Schönheit gefangen und sehnt sich nach ihnen. Er dreht sich in die Richtung, aus der die Stimme kommt und für einen Moment versinkt er in ihr und vergisst sein Misstrauen für fremde Stimmen in seinem Land.

Am Wasserfall von Nimrodel,
Der klar und kühl versprüht,
Fiel sie mit ein wie Silber hell
Ins helle Wasserlied.

Die vertraute Sage hüllt ihn ein und die Visionen, die der Song hervorbringt, umgeben ihn. Sein Bogen liegt lose in seiner Hand, als seine Augen sich schließen und er wird in eine Erinnerung gezogen, die ihn schon lange verlassen hat.

Die Sonne ist heller, die Bäume lichter und das Geräusch von Wasser vermischt sich mit der Stimme seines Vaters, wie er singt. Das Gras ist weich unter ihm, auch wenn die Halme an seinen Beinen kitzeln durch das dünne Material. Seine Beine, als er sie ansieht, erscheinen dünner und kürzer und er fühlt sich leichter.

Das Lachen seiner Mutter begleitet das Lied seines Vaters und seine Brüder brechen aus dem Gehölz und setzen sich zu ihm. Er sieht auf und sein Vater sieht ihn an, von Nimrodel und Amroth singend.

Dann verschwindet der Song und er kehrt aus seiner Erinnerung zurück. Er bemerkt, dass Fremde die Grenzen überschritten haben. Er alarmiert lautlos seine Brüder und bewegt sich dann schnell durch den Wald, den Pfaden folgend, von denen er weiß, dass sie ihn zum Fluss bringen werden. Er hat diese Grenzen seit Jahren beschützt und er kennt die schnellsten Wege durch die Bäume. Die Brüder bewegen sich, als ob sie jagen und er weiß, dass sie es tun werden, wenn sich hinter bezaubernden Stimme etwas dunkleres verbirgt.

Als er rennt, kehrt sein Geist zurück zu der kurzen Erinnerung und ein sanftes Lächeln kommt auf seine Lippen, als er sich an die wunderbare Stimme seines Vaters erinnert und das Lachen seiner Mutter. Seine Brust schmerzt, als er an sie denkt, aber er schiebt es zur Seite, sich selbst zwingend, nur an das zu denken, was seinen Wald stört.

Als er näher an den Ursprung des Liedes kommt, fühlt er nichts Böses, doch ein starkes Licht, das Lórien schon lange nicht mehr besucht hat. Die Bäume, deren Geruch und Anblick er kennt, gleiten an ihm vorbei und er kann einen kurzen Blick auf die Eindringlinge werfen. Vor ihm stehen acht Gestalten. Haldir hätte einen Pfeil abgeschossen, wenn er nicht von ihrem Kommen gewusst hätte. Sein Geist arbeitet schnell und er weiß, dass die Nachricht von reisenden Gefährten und einer ungewöhnlichen Gruppe, die den Nimrodel überquert hat, kein Zufall ist.

Orophin und Rúmil schwärmen ohne weitere Anweisungen aus und sie folgen den Gefährten für eine Weile, sie beobachtend.

Die vier Halblinge erstaunen ihn am meisten, als er sich von der Überraschung ihrer Anwesenheit erholt hat. Er hatte gedacht, dass sie eine sterbende Rasse sind, doch dann hatte er vor kurzem von ihnen gehört und nun sah er vier. Sie sind voller Furcht, Neugierde und Hoffnung, wie man es nicht oft sieht in diesen Zeiten. Ihre Unschuld ist beinahe überwältigend und wäre es auch gewesen, wenn dort nicht der geringe doch wachsende Schatten von Dunkelheit gewesen wäre, der über ihnen lag.

Der Elb bewegt sich, um auf einen der Bäume zu steigen.

“Daro!”, ruft Haldir und die Gefährten bleiben stehen.

Er lacht leise über ihren Schock und ihre Furcht, und lauscht, als Rúmil dem Elben sagt, dass der Hobbit so laut atmet, dass er ihn im dunkeln hätte erschießen können. Der Elb antwortet in der selben leichten und hellen Stimme, die vor nicht allzu langer Zeit gesungen hat. Haldir steigt schnell aber lautlos auf den Baum, der ihnen am nächsten steht und springt in die Krone des nächsten, der Mallorn, auf den der Elb steigen wollte. Er bittet den Elben, gemeinsam mit dem Ringträger hinauf zu kommen und er bemerkt, wie Rúmil und Orophin hinter ihm sind.

Legolas ist der Name des Elben mit der goldenen Stimme und Frodo ist der Ringträger. Haldir sieht den Schatten, der über den Gefährten hängt, er geht von dieser winzigen Kreatur aus und er wundert sich über die Macht, die nur eine Armlänge von ihm entfernt ist. Sie kommt von der Brust des Hobbits, in Wellen, gleitet über ihn und hüllt ihn ein.

Es flüstert ihm zu und er schmeckt die Bitterkeit, fühlt die vergifteten Klauen und sieht die Dunkelheit. Haldir erkennt die endlose Tiefe der Schatten, das unerbittliche Böse und er hat Mitleid für den Halbling. Doch seine Gedanken sind vermischt, verändern sich und er weiß, dass die Macht mit nur einer Bewegung sein sein könnte …

Haldir könnte seine Pflichten als Wächter von den Lorischen Grenzen aufgeben und stattdessen die Stärke des einen Ringes nutzen, um für immer die Gefahren zu verbannen, die den Wald bedrohen. Sein Zuhause würde der sicherste Platz in ganz Mittelerde werden und nachdem er dies erreicht hatte, würde er die letzte Allianz der Menschen und Elben zum Sieg über den dunklen Herrscher führen. Der Schatten würde verschwinden und alle würden seinen Namen kennen und ihn ehren, sogar noch mehr als den der Herrin von Lothlórien, Galadriel.

Die Macht, über die er herrschen würde, wäre die größte, die jemals gesehen worden war und Herren und Herrinnen würden sich vor ihm verbeugen, um ihre Länder und Armeen darbieten. Er würde niemals wieder die ganze Nacht ohne eine Pause Wache stehen müssen; niemals wieder mit minderen Feinden in einem Kampf kämpfen; niemals wieder würde er die Grenzen seiner Heimat verteidigen müssen.

Seine Augen sind auf Frodos Brust gerichtet und es ruft nach ihm. Sein Herz schlägt schneller, seine Haut juckt und sein Kopf pocht und er das Verlangen danach schreit lauter in ihm, als die Sehnsucht nach dem Meer es jemals getan hat. Es fühlt sich an, als ob seine Muskeln sich bewegen und die pure, wilde Lust bringt seine Hand zum zittern.

Er kann es nehmen, wenn er es will. Es könnte sein sein. Er verdient es, es zu haben. Er und seine Brüder haben diese Grenzen lange genug verteidigt. Sie haben so viel verloren durch das Böse in dieser Welt und sie haben ohne müde zu werden gekämpft, um die Ausbreitung des Schattens zu verhindern.

Er, Haldir von Lórien, sollte den Einen Ring besitzen. Er wird ihn mit seinen Brüdern teilen und sie drei werden die angesehensten Elben Könige alle Zeiten. Seine Brüder werden an seiner Seite stehen und sie drei werden alle Reiche in Mittelerde beherrschen.

Sie könnten eifersüchtig werden, wispern die Stimmen. Sie werden es dir wegnehmen…

Haldir zittert beinahe vor Wut, doch er beherrscht sich. Warum sollte er die Macht mit ihnen teilen, wenn sie nur versuchen werden, sie ihm wegzunehmen? Nein, er wird es für sich selbst behalten, da ihr Neid sie wahnsinnig machen wird und sie werden verzweifeln. Wenn sie es tun, wird er für sie bereit sein und sich selbst von solchen unloyalen und treuelosen Brüdern befreien. Viele andere werden ihm den Ring abnehmen wollen, doch auch sie wird er beherrschen.

Er hebt die Lampe, um das Gesicht dessen zu sehen, der es vor ihm versteckt. Der Ring muss sein sein. Der Ring ist sein. Er verdient es und er muss es haben, es ist sein Schatz …

Der Halbling starrt ihn an, seine Augen, so blau …

Die blauen Augen seiner Mutter, offen und ohne Leben, und sein Vater, der offen weint, als er den Körper seiner Frau zum Fluss trägt. Ihre Sachen sind voller Dreck und Blut und liegen auf ihren leblosen Armen. Ihr Kleid - einst weiß und durchscheinend wie sie es liebte - klebt nun an ihrem Körper, besudelt und voller Blut. Und als sein Vater spricht, schreit Haldirs Herz und er hatte niemals zuvor gewusst, dass Schmerz so sehr wehtun konnte.

“Das Wohlergehen dieser Wälder liegt nun in euren Händen, meine Söhne.”

Sein Vater legt sie sanft an das Ufer des Nimrodel und legt sich neben sie. Haldir sieht zu, seine Brüder neben ihm klammern sich aneinander, als ihre Eltern nebeneinander liegen. Ihr Licht ist verloschen und das seines Vater verglüht schnell. Haldir will vorwärts stürzen, seinen Vater schütteln und ihn zum kämpfen bringen, stark bleiben. Aber er weiß, dass er es nicht kann. Ohne seine Frau könnte sein Vater kaum existieren. Er würde nicht länger die Schönheit Lóriens sehen. Er hätte keinen Grund, seine Grenzen sicher zu halten. Haldir kann es nicht ertragen, seinen Vater schwinden zu sehen, doch er würde seinen Vater nicht zu einer Ewigkeit der Trauer verurteilen. Haldir schließt seine Augen, als der Grenzwächter von Lórien und seine Frau ihren Abschied von Mittelerde nehmen.

Die Luft ist voller Geheule und Knurren, doch der Wald schweigt; er trauert um den Verlust von zwei unsterblichen Leben.

Frodo blinzelt und Haldir senkt die Lampe, beinahe erzitternd ob seines kurzen Anfalls von Wahnsinn. Seine Brust brennt ob des Verlusts der Kontrolle, wegen seiner dunklen Gedanken und dem Betrug seiner Brüder. Er ist von dem dunkelsten allen Bösen versucht worden. Er hatte es beinahe gestohlen, sein gemacht und die Macht gespürt. Er hatte es besiegt, doch hätte er es nicht geschafft …

Seine Kontrolle wiedererlangend spricht Haldir in der gemeinsamen Sprache mit ihnen. Er spricht langsam, noch immer erschüttert von der Eindringlichkeit der Visionen des Ringes und bietet ihnen eine sichere Rast in den Talanen. Seiner Pflicht als Wächter nachgehend, fragt er nach der Anwesenheit des Zwerges, doch sein Geist ist noch immer bei dem kleinen Hobbit und seiner Last, also lässt er ihn ohne weitere Einwände weiterziehen.

Als die gesamten Gefährten über dem Boden und in den Baumkronen versteckt sind, nimmt er sich einen Moment um zur Ruhe zu kommen, auf den fliesenden Nimrodel blickend, versteckt in den Bäumen. Er kann weder Rúmil und Orophin nicht sehen, aber er weiß, dass sie dort sind. Sie beobachten den Fluss nach Zeichen von Orks. Sein Blut beginnt durch seine Venen zu fließen, sich nach der Befriedigung sehnend, wenn er die bösartigen Kreaturen erschlägt. Als die Horden von Orks in den wunderschönen Fluss rennen und das klare Wasser mit ihren fauligen Füßen und übelwollenden Geistern verschmutzen, ist er böse auf das, wonach sein Herz verlangt. Was er verloren hat und was sie ihm fortgenommen haben.

Es wäre aber närrisch, sich jetzt zu offenbaren. Er würde nicht so viele besiegen können, auch nicht mit seinen Brüdern bei ihm. Du kannst sie alle vernichten … Wieder ruft der Ring nach ihm und er kämpft dagegen, seine Gedanken von ihm zu trennen. Er muss an seinem Finger sein, all die Orks werden sterben. Er wird sie alle niederstrecken, bis nur noch das Andenken an ihre Asche in Mittelerde bleibt. Er wird …

Nein, aber er kann nicht, weil der Ring ihm nicht gehört. Noch wird er es jemals.

Haldir rennt nun, zu seinen Brüdern in fremden Sprachen sprechend, den Träger von der einzigen Person fortbringend, die der Ring berühren soll. Er verlässt seine Brüder, die ohne ihn gehen sollen und schlägt sich in den Wald, herumgehend, so dass er nun hinter den Orks steht. Sie schleichen hinter seinen Brüdern her und er trauert um das Gras, das sie zertrampeln und die Bäume, die sie zerstören.

Er schließt seine Augen.

Seine Mutter und sein Vater liegen noch immer am Ufer des Nimrodel und Haldir tritt vor, seine Bewegungen sind lautlos. Rúmil und Orophin folgen ihm und zusammen tragen sie die beiden Körper in den Nimrodel. Sie sehen zu, als die verschiedenen Elben hinfort treiben und unter die Oberfläche tauchen. Ohne zu sprechen oder ein Geräusch zu machen, drehen sich die drei um und verschwinden in die Bäume, Rache und Gerechtigkeit in ihren Geistern. Sie folgen dem offensichtlichen Pfad zurück, den die Orks hinterlassen haben, und finden sie kurz darauf. Momente später stehen sie alleine im Wald von Lórien, auf die verstreuten Leichen starrend und das Gemetzel, das sie verursacht haben.

Einen Pfeil hervorziehend spannt er ihn in den Bogen und hebt ihn zu seinem Auge. Er schließt eines, öffnet es dann und schießt den schlanken Pfeil ab. Das ‘twang” der Sehne klingt betäubend in seinen Ohren. Es fliegt in die Nacht, trifft in die Brust und das schwarze Herz eines Orks. Keiner hält an oder dreht sich um.

Er senkt seinen Bogen. Er braucht nicht die Kraft des Einen Ringes, um sie zu besiegen. Ork für Ork soll er die Welt ihrer Dunkelheit auslöschen. Er dreht sich herum und sieht wieder den Nimrodel an.

Haldir kehrt zu den Gefährten zurück, leichter im Herz, da er nicht länger versucht ist. Er erinnert sich nun, woran er kämpft, und erinnert sich, warum er Lórien beschützt. Bis der Tag kommt, an dem sich die Elben von seinen Grenzen zurückziehen werden und das Licht Lóriens nicht mehr scheint, wird Haldir der Grenzwächter bleiben und kein Böses wird diesen Ort betreten.

The End

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