The Confused Elf
Haldir ist ein sehr verwirrter Elb. …
Kapitel 01
Lord Celeborn beugte sich über seinen Tisch und arbeitete sich durch die neueste Korrespondenz aus Rivendell. Es war ein ermüdendes Geschäft. Elrond war immer so trocken; er unternahm nie auch nur den geringsten Versuch, diese Schreiben auch nur ein wenig interessant zu gestalten. ‘Was würde ich nicht alles geben, um etwas Interessanteres zum Lesen zu bekommen’, sinnierte der Elbenlord. Er hatte gerade mit einer Passage begonnen, die von möglichen Abreisedaten von den Grauen Anfurthen handelte, als es an der Tür klopfte.
“Herein”, rief er beiläufig.
Die schwere Tür schwang auf und enthüllte die straffe Gestalt seines Grenzwächters, dessen ansehnliches Gesicht von einer zerfurchten Stirn und einem Blick voller Bestützung verunstaltet war.
“Haldir! Was für eine angenehme Überraschung! Ich hatte gehört, du wärst gefallen.”
Der Grenzwächter räusperte sich, als er über die Türschwelle trat.
“Uhm … Ja, nun …Das ist genau das, worüber ich mit Euch sprechen möchte, mein Herr.”
Celeborn richtete sich auf und zeigte auf den Stuhl vor seinem Tisch. “Setz dich bitte. Dein Rücken muss dich umbringen!”
Die Furchen auf der Stirn des Wächters wurden tiefer, er presste seine Lippen zusammen. Er setzte sich und zog einen recht großen Wälzer, der in einen roten Umschlag gehüllt war, aus einer Tasche hervor, die tief an seiner Hüfte hing.
“Ich danke dir für deine Sorge, aber meinem Rücken geht es wirklich gut. Ich komme zu Euch, weil ich vernommen habe, dass ich der Grund für viele unglaubliche Gerüchte geworden bin. Nicht zuletzt jenes, dass ich tot bin …”
“Oh ja. Ein tragischer und heroischer Tod, von einem Hieb in den Rücken eines Orks, während eines Kampfes an der Seite der Menschen in der Schlacht von Helms Klamm. Sehr ehrenwert, Hauptmann. Ich bin wirklich beeindruckt. Wie es auch die Herrin war - sie hat alles in ihrem Spiegel gesehen. Sie sagte, du hättest sehr ansehnlich ausgesehen, als du voller Zorn dein Schwert geschwungen hast. Ihr Augen haben sich sogar etwas verschleiert, als sie beschrieb, wie Aragorn deinen leblosen Körper an seine Brust schmiegte …”
Haldir bewegte sich unruhig auf seinem Stuhl. Das war nicht die Wendung, die er beabsichtigt hatte.
“Ich fühle mich geschmeichelt, mein Herr, aber wie Ihr seht, bin ich nicht tot. Die Tatsache, dass ich hier in Eurem Studierzimmer bin und diese Diskussion führe, legt das genaue Gegenteil nahe. Seht her!” Er legte das Buch auf Celeborns Tisch. Was für ein Glück! Die Valar musste geahnt haben, wie ermüdend Elronds Briefe waren, um seine Gebete so rasch zu erhören. Er wandte seine Aufmerksamkeit erneut Haldir zu, der die Seiten umblätterte, bis er die Gesuchte fand.
“Hier! In diesem Buch war ich niemals in Helms Klamm! Ich war noch nicht einmal in der Nähe! Um genau zu sein, war der einzige Elb, der in der Gegend der Hornburg war, der tuntige Prinz aus Düsterwald. Und ich bin mir sehr sicher, dass er seine Rolle in dem Kampf aufgebauscht hat.”
“Wirklich …”, zweifelte der Herr des goldenen Waldes etwas pikiert. Er sah kurz auf die Seite, die Haldir aufgeschlagen hatte und blätterte dann zum Anfang des Buches zurück. “Ich hatte meine Zweifel an ihm. Er sah einfach zu gut aus. Wie äußern sich diese Übertreibungen?”
“Nun”, fuhr Haldir fort, “Zum einen behauptet er, auf einem gebrauchten Schild gestanden und sich so fortbewegt zu haben - ich glaube er benutzte das Wort ‘gesurft’ - die Treppen hinunter, während er etliche Orks erschossen hat.”
“‘Gesurft?’ Interessant. Ich wusste, dass er einen Hang zur Dramatik hat, aber das scheint etwas zuviel des Guten zu sein.” Der Elbenlord lehnte sich in seinem Stuhl zurück, nun vollkommen vertieft in das Buch. “Aber es sollte mich nicht überraschen. Ich habe ihn einmal seine weiblichen Eroberungen mit denen der Söhne Elronds messen hören und ich bin mir sehr sicher, dass es noch nicht einmal für einen Prinzen genügend Jahre in einem Zeitalter gibt, dass er all diese Eroberungen gemacht haben könnte. Aber man kann es Grünblatt nicht übel nehmen, dass er sich ein wenig besser hinstellt - es trägt zur Legende bei.” Er blätterte eine Seite um, bemerkte nicht, dass der Hauptmann seiner Wachen ihn inzwischen sehr finster anstarrte.
“Es wäre gut, sich daran zu erinnern, dass mein eigener Ruf in diesem Bereich dem sehr ähnelt, mein Herr.”
Celeborn sah Haldir voller Sympathie an und lehnte sich über den Tisch, um die Hand des Wächters auf eine versöhnliche Art und Weise zu tätscheln. “Natürlich tat er das, Haldir. Natürlich tat er das.”
Der Grenzwächter zog ärgerlich seine Hand zurück, als Celeborns Aufmerksamkeit sich wieder dem Buch zuwendete. “TUT! Nicht TAT! Aber diese Gerüchte meines Dahinscheidens haben mir nicht wirklich geholfen, diesen Ruf aufrechtzuerhalten. Es wird schwierig, wenn gesagt wird, dass man zu den Hallen des Mandos gegangen ist. Außer natürlich, wenn man einen Balrog getötet hat, in diesem Fall scheint ein Trip nach Mandos Hallen nur das weibliche Interesse zu erhöhen.”
“Nun, wir können nicht alle Glorfindel sein, Haldir.”
“Ihr begreift es einfach nicht, Herr.”
Die Unterhaltung begann Celeborn zu langweilen. Er schob lieber rasch ein Stück Pergament zwischen die Seiten des Buches, um seine Stelle zu kennzeichnen; wünschend, dass der Hauptmann endlich einmal auf den Punkt kommen würde, damit er weiterlesen konnte. Übertreibungen oder nicht, es war um einiges unterhaltsamer in seinen schlüpfrigen Details als Elronds Erinnerungen an die Dinge, die in seinem Leben passierten. Der Halbelb schien hauptsächlich damit beschäftigt zu sein, seiner Tochter hinterherzulaufen und ihr überdramatisches Liebesleben mit dem sterblichen König auszudiskutieren. Es war geradezu eine Erleichterung, dass Arwen dieses Mal kaum Erwähnung fand. Wie auch immer, Haldir saß noch immer vor ihm, wechselweise mit einem irritierten und einem verdatterten Gesichtsausdruck. Der Elb schien zu erwarten, dass er irgendetwas sagte.
“Und der Punkt, Haldir, ist was? Dass tot zu sein dich davon abhält, mit Legolas und Glorfindel beim, ahm, Schwertschwingen Schritt zu halten?”
Was noch von Haldirs Geduld übrig geblieben war, war nun vollkommen verschwunden und es war nur durch pure Willenskraft und geballte Fäuste zu erklären, dass er seine Finger davon abhielt, über den Tisch zu schnellen und sich um Celeborns Hals zu schlingen.
“Der Punkt, mein Herr”, knirschte er, “ist, dass ich NICHT TOT BIN!”
Celeborn suchte ernst Haldirs Blick.
“Wagst du es zu behaupten, dass die Visionen meiner Frau falsch sind? Ich kann nicht glauben, dass der Hauptmann meiner Wachen so unverschämt ist!”
Haldir versuchte verzweifelt, sich zu retten. Nein, das hier lief nicht wirklich gut. “Niemals, mein Herr. Natürlich nicht. Galadriel’s Spiegel ist in ganz Mittelerde berühmt. Es ist bloß, dass … nun … Sie hat selbst gesagt, dass das, was im Spiegel passiert, nur etwas ist, das sein kann, und dass nicht alles, was sie sieht, geschehen wird.”
Celeborn dachte darüber nach. Ja, er musste zugeben, dass es eine Möglichkeit gab …
“Vielleicht war es ein Elb, der dir sehr ähnlich sah, den Galadriel erblickte, als sie in ihren Spiegel sah. Vertauschte Identitäten und so etwas. Hast du nachgeschaut, ob einer deiner Brüder tot ist?”
“Nay! Sie sind definitiv nicht tot!” Haldir schwieg und sortierte seine Gedanken. “Das bringt mich zu einem anderen Gerücht, das ich gehört habe.” Sein normalerweise unbewegliches Gesicht errötete vor Scham. “Es scheint, als ob es einige gibt, die den Eindruck haben, dass meine Brüder und ich in einige heiße … sagen wir, innerfamiliäre Beziehungen verwickelt sind.”
Celeborn zog seine Augenbraue in die Höhe. Das Gespräch war plötzlich um einiges interessanter geworden als das Buch! “Was sagen deine Brüder dazu?”
Haldirs Augen suchten den Boden. “Sie sagen, dass sie mich lieben, aber nicht auf solche Art und Weise.”
Celeborn hustete in seine Faust. “Ja, nun … Lass uns beim Thema bleiben.”
Der Grenzwächter nickte, erleichtert, dass sich das Gespräch wieder weniger peinlichen Themen zuwandte, zum Beispiel dem, ob er nun tot war oder nicht.
“Es scheint mir”, fuhr Celeborn fort, “dass du einen furchtbaren Schlag durch einen Ork erlitten hast und als tragischer Held gefallen bist. Ich bin mir nicht sicher, worum es zur Zeit geht.”
“Aber mein Herr, könnt Ihr nicht sehen, dass ich jetzt vor Euch sitze?! Wie kann ich tot sein?!”
“Hast du nicht aufgepasst? Du bist tot, weil ein sehr großer Ork ein sehr großes Schwert genommen und ein sehr großes Loch in deinen Rücken geschlagen hat. Das ist kein sehr kompliziertes Konzept, Haldir.”
Verstand er seinen Herrn richtig? War ganz Lorien vollkommen verrückt geworden? Sein Kiefer klappte für einen Moment herunter, bevor er seine Sprache wiederfand.
“Aber … In dem Buch … Es waren überhaupt keine Elben …”
Celeborn hob seine Hand und brachte den Wächter mitten im Satz zum Schweigen.
“Ich bin enttäuscht, Haldir. Du solltest am besten von allen wissen, dass nicht alles, was man liest, wahr sein muss. Besonders wenn es sich um etwas handelt, das ein Hobbit geschrieben hat. Wenn du mich jetzt entschuldigst, würde ich gerne meine eigene Lektüre fortsetzen. Wenn man es nicht ganz ernst nimmt, ist es schon recht fesselnd.”
Celeborn sah, dass Haldir keine Anstalten machte, zu gehen. Hatte er nicht verstanden, dass er herausgeworfen wurde? War er in Gedanken immer noch bei dieser Sache mit dem ‘tot sein’? Der Elbenlord seufzte. Es war ein ermüdender Teil seiner Pflichten, mit Grenzwächtern zu sprechen, als ob sie Elbenkinder wären. Er trat hinter seinem Tisch hervor und legte eine väterliche Hand auf Haldirs Schulter.
“Haldir, ich erinnere mich an die Zeit, in der du jung warst und gelernt hast, mit Pfeil und Bogen zu schießen. Du wusstest nicht, wie, du hattest Probleme, den Pfeil auf der Bogensehne zu halten, und ich dachte, es würde ein Zeitalter vergehen, ehe du ein Ziel treffen würdest. Aber mit der Zeit wurdest du ein Galdhrim-Schütze, den man fürchten musste. Das hier ist genauso. Zuerst ist es schwer zu begreifen, dass man tot ist, aber ich bin mir sicher, dass du dich mit der Zeit daran gewöhnen wirst. Du musst einfach nur daran arbeiten.”
Mit diesen Worten geleitete er den vollkommen bestürzten und niedergeschlagenen Elb zur Tür, schenkte ihm ein gütiges Lächeln und schob ihn vorsichtig hinaus. Elronds Briefe beiseite legend, legte er seine Füße auf den Tisch und bereitete sich darauf vor, etwas weitaus interessantes zu lesen.
“Nun …”, dachte er, als er sich wieder dem Buch zuwandte, “wo war ich?”
The End

