Responsibility
Ein jugendlicher Haldir lernt einiges über das Erwachsen werden. - Teil 1 der “Haldir Sequence”

Kapitel 1
“Haldir. Haldir. Haldir!”

Die Wiederholung seines Namens durch die Mutter ließ den Jungen aufsehen. “Was ist los?”, beschwerte er sich. “Ich bin beschäftigt. Ich schnitze.” Er ließ seinen Daumen liebevoll über das Stück Holz gleiten. Es war kein sehr großes Stück, doch es kam von dem seltenen dunklen Lebethron und er wollte es einfach richtig machen - er schnitzte ein Bildnis eines Musikers, der Flöte spielte, und die Details waren schwierig.

“Ich kann das sehen, Haldir. Aber für den Moment hast du genug getan. Du musst ein wenig nach Rúmil sehen; ich besuche heute Nachmittag eine Freundin, die einige seltene Pflanzen hat, die sie mir für den Garten gibt und kann nicht Orophin *und* ihn mitnehmen.”

Seufzend erhob sich Haldir von seinem Stuhl. Er wickelte das halbfertige Stück in einen Streifen weichen Stoffes und ließ es mit seinem Messer in seiner Gürteltasche verschwinden und folgte dann seiner Mutter hinaus in den Garten, wo seine jüngeren Zwillingsbrüder warteten. Auch wenn er wusste, dass seine Mutter es genoss, sich um die Gärten von Caras Galadhon zu kümmern, wünschte er sich manchmal, dass sie es weniger ernst nehmen würde. Er kümmerte sich ebenfalls gerne um Pflanzen, aber er würde sich niemals dieser Arbeit verschreiben, wenn es zu seiner ersten Entscheidung kam; wenn ein junger Elb sich entscheiden musste, in was er oder sie zuerst hohe Fähigkeiten erwerben sollte. Manchmal dachte er an Holzarbeit, aber das schien nicht wichtig genug, um seine erste erwachsene Arbeit zu sein.

“Wir werden bei Sonnenuntergang zurück sein”, versprach seine Mutter. “Wir werden heute Abend ein besonderes Abendessen haben. Also iss nicht zu viele Früchte heute Nachmittag und verdirb dir nicht den Appetit. Und pass auch auf, dass Rúmil es nicht tut.”

“Ja, Mutter”, sagte Haldir resigniert. “Los, Rúmil. Was willst du machen?”

“Lass uns zu den Wiesen gehen!” Rúmils Gesicht leuchtete vor Freude.

Sie gingen los, um zu sehen, ob irgendwelche ihrer Freunde auf den Grasfeldern spielten. Etliche junge Elben in Rúmils Alter waren dort und sie fingen gleich an, Mannschaften aufzustellen, um gegeneinander zu laufen.

“Schau her, Haldir, schau her!”

Haldir setzte sich unter einen Baum am Rand der Wiese und winkte seinem Bruder zu. Er entfernte den Stoff um die Figur und begann wieder zu schnitzen, oft aufsehend, was Rúmil so tat. Aus einem einfachen Rennen wurde ein härterer Wettbewerb und immer mehr Kinder kamen dazu, auch einige von Haldirs Altersgenosse.

“Los, komm rennen, Haldir”, hörte er Barthan sagen, aber er schüttelte seinen Kopf, vertieft in die feinen Details des geflochtenen Haares seines Flötenspielers. Eine Kombination aus vorsichtigem Vorantasten und viel Glück hatten ihm erlaubt, die natürliche Struktur des Holzes für die feinen Strähnen des Haares zu benutzen, doch er musste sich noch sehr konzentrieren, um es richtig zu machen. Er sah auf und entdeckte Rúmil auf der anderen Seite der Wiese mit einigen seiner Freunde und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit.

Die sinkende Sonne, die in seine Augen schien, ließ ihn blinzeln und daran denken, dass es vielleicht an der Zeit war, seinen Bruder einzusammeln und nach Hause zu gehen; sicherlich würden seine Mutter und Orophin bald wieder da sein und sein Vater auch bald nach Einbruch der Dunkelheit. Er stand auf, streckte sich und sah sich nach Rúmil um. Der Junge war nirgends zu sehen. Haldir ging quer über das Feld, alle Kinder fragend, ob sie mit Rúmil gespielt hatten und wussten, wohin er nun gegangen war, aber keines von ihnen konnte ihm eine sichere Antwort geben.

Besorgt drehte Haldir erneut Runden, hoffend, dass er vielleicht seinen Bruder im Gras finden würde, wo er sich ausruhte, doch Rúmil war nirgends zu sehen.

Inzwischen war Haldir immer besorgter und schämte sich für seine Unaufmerksamkeit. Rúmil war alt genug, dass ihm schon nichts passieren würde, doch er, Haldir, hatte auf seinen Bruder aufpassen sollen, und er war gescheitert. Er umfaste seine Schnitzerei - der Grund für seine Probleme, dachte er nun - so fest, dass seine Fingerknöchel weiß wurden und er fragte sich, was er tun sollte. Seine Eltern würden noch nicht zurück sein, ja, um zu schimpfen, aber auch um ihm zu helfen, Rúmil zu finden. Dann dachte er an seinen Onkel Bereg. Bereg würde wissen, was am besten zu tun war. Haldir blickte sich noch einmal erfolglos herum, dann rannte er los, um seinen Onkel zu suchen.

Der Talan, in dem Bereg und seine Familie lebten war nicht weit und Haldir erreichte ihn in ein paar Minuten. Hinaufkletternd war die erste Person, die er sah seine älterer Cousins Andúniel, die der Herrin Galadriel diente und die das Geheimnis der Lembas-Herstellung erlernte, sehr zum Stolz der Familie.

“Mae govannen, Haldir - du siehst gestresst aus. Was ist los?”

“Ich habe Rúmil verloren”, gab Haldir zu. “Ich sollte auf ihn aufpassen, während Mutter mit Orophin einen Freund besuchte, aber wir waren an den Wiesen und er ging irgendwohin, als ich nicht aufgepasst habe.”

“Aber er ist hier”, sagte Andúniel überrascht. “Er sagte, dass er dir gesagt hat, dass er uns besuchen will und dass du ihm zugewunken hast, also ist er selbst hergekommen.”

Erleichterung überkam Haldir, doch auch Erleichterung mit einem schlechten Gewissen. Seine Mutter beschwerte sich immer, dass er nichts hörte, wenn er mit etwas beschäftigt war und das hier war der Beweis dafür. Wenn er nur aufgepasst hätte, hätte er gewusst, wohin Rúmil gegangen wäre.

“Soll ich gehen und ihn holen? Ich glaube, Vater hat ihn mitgenommen zu einem Vogelnest”, sagte Andúniel.

In diesem Moment tauchte sein Bruder auf, fest die Hand seines Onkel Bereg haltend.

“Ist es Zeit, nach Hause zu gehen Haldir? Ich will Orophin erzählen, dass ich heute beim rennen beinahe Sindo besiegt habe.”

“Ja”, sagte Haldir. “Ich denke, wir sollten jetzt gehen. Danke, Andúniel.”

“Für was?”, fragte Bereg. “Was hat meine Tochter getan?”

Haldirs Gesicht wurde tiefrot. Nun musste er seinem Onkel seine Unaufmerksamkeit beichten, der es seinen Eltern erzählen würde, die ihn ausschimpfen würden - gerade als er gedacht hatte, dass alles gut werden würde.

“Ich habe nicht bemerkt, dass Rúmil hierher gekommen ist”, murmelte er. “Ich habe nicht richtig zugehört, als er es mir gesagt hat, und ich dachte, er hätte sich verlaufen. Ich bin nur her gekommen, um dich um Hilfe zu bitten, ihn zu suchen.”

Bereg runzelte die Stirn. “Warum hast du nicht zugehört?”

“Ich habe geschnitzt.” Er hielt erklärend die kleine Figur hoch.

“Ah. Ja, deine Mutter hat mir von diesem Talent erzählt. Hast du heute etwas gelernt?”

“Ich habe gelernt, wie man geschnitztes Haar wie echt erscheinen lässt”, sagte Haldir eifrig.

“Das habe ich nicht gemeint, Haldir. Hast du etwas über Verantwortung gelernt?” Bereg legte eine Hand auf die Schulter seines jüngsten Neffen.

Haldir wurde wieder rot. Natürlich war es das gewesen, was sein Onkel hatten wissen wollen. “Ja, Onkel”, sagte er. “Ich werde nicht wieder so sorglos sein.”

Bereg sah ihn an und nickte dann. “Gut, ich glaube dir. Du solltest wirklich daran denken, ab und an von deiner Schnitzerei aufzusehen, ich verstehe, dass es dir Spaß macht, aber vergiss nicht, dass du den ganzen Körper fit halten musst, nicht nur deine Finger. Letztes Jahr hast du mir erzählt, dass du eines Tages zu den Wächtern willst. Denkst du, dass du das schaffst, wenn alles, was du kannst, herumsitzen und schnitzen ist? Ich sage dir nicht, dass du mit dem aufhören sollst, was dir so viel Freude bereitet, besonders, wenn du ein großes Talent dafür hast, versuche nur ebenfalls andere Dinge. Alles klar?”

“Alles klar, Onkel Bereg”, stimmte Haldir zu, dankbar, dass dies die ganze Standpauke seines Onkels zu sein schien.

“Dann geht mal ihr beiden. Es wird spät und eure Eltern werden sich wundern, wo ihr euch versteckt habt.”

Rúmil plapperte den gesamten Heimweg über, doch Haldir schwieg. Auch während des Essens, bei dem es seine Lieblingsspeise gab, aß er wenig und suchte sein Bett sehr früh auf.

Für viele Tage versuchte er sehr, aktiver zu sein als zuvor, er kämpfte und rannte mit seinen Freunden um die Wette und arbeitete nur selten an der Holzschnitzerei. Er musste zugeben, dass er mehr Spaß hatte als gedacht, auch wenn er sich wenig aus den kichernden Bemerkungen machte, die seine Freunde von sich gaben, wenn ein besonders hübsches Mädchen vorbeikam und hatte schließlich deswegen einen Streit mit Barthan:

“Du würdest es nicht mögen, wenn das deine Schwester wäre”, wies er ihn zurecht.

“Ich habe keine Schwester, Haldir”, sagte Barthan, bemüht geduldig zu bleiben. “Und du auch nicht.”

“Nein, aber ich habe eine Cousine und ich würde nicht wollen, dass sie dich hört!”

“Alles klar, sei nicht so empfindlich. Ich sehe nicht, warum ich sie nicht bewundern kann. Nur weil du so wählerisch bist und keines der Mädchen magst, heißt das nicht, dass der Rest von uns sie nicht mögen darf.” Aber er hob seine Hände als Haldir ihn wütend ansah. “Ich werde nichts mehr sagen, wenn sie mich hören können, wie wäre es damit? Und ich werde mich bei Lalvenna entschuldigen.”

Haldir akzeptierte Barthans Angebot sich zu entschuldigen. Er war froh, dass ihre Auseinandersetzung nicht allzu ernst gewesen war und froh, die Übereinkunft mit einem Schützenwettbewerb zu besiegeln, den er zu seiner Überraschung gewann. Der Rat seines Onkels Bereg, Dinge zu tun, die er sich weniger zutraute, schien zu wirken.

Er erzählte seinen Eltern am Abend von seinem Erfolg, als sein Onkel vorbeikam, bei ihm Cousine Andúniel. Sie gratulierten ihm ebenfalls.

Bereg sagte: “Mein Timing scheint, wie ich hoffe, sehr gut zu sein und das hier kann als Geschenk dienen.”

Zu Haldirs großer Überraschung enthielt das Päckchen, das sein Onkel ihm gegeben hatte, ein Buch. Es öffnend stellte er fest, dass es nicht in Sindarin oder gar Silvan geschrieben war, sondern in einer Sprache, die er nicht lesen konnte.

“Da du so gerne schnitzt dachte ich mir, dass dich das interessieren könnte. Es wurde von einem Menschen geschrieben. Es handelt von all den Holzarten, die er kennt und welche Werkzeuge am besten zu benutzen sind und welche Öle zur Konservierung zu benutzen sind und ähnliches. Natürlich schrieb er es in seiner eigenen Sprache, dem Westron.”

“Aber ich kann kein Westron”, sagte Haldir unglücklich.

Andúniel gab ihm ein weiteres Buch, das sehr gebraucht aussah. “Das kann dir helfen; es erklärt die Bedeutung der Westron-Worte in Sindarin und auch die andere Richtung. Eines der Mädchen von Galadriel hat mir davon erzählt. Ihr Großvater reist oft und tauscht mit den Menschen und er hat dieses Buch benutzt, bevor er die gemeinsame Sprache sprach. Sie sagte, du kannst es so lange behalten, wie du es brauchst, wenn du vorsichtig bist.”

“Aber du musst versprechen, Haldir, dass dies dich nicht davon abhalten wird, auch deine anderen Fähigkeiten zu schulen”, mahnte ihn Bereg. Haldirs Eltern stimmten ihm zu.

“Es ist gut, starke Interessen zu haben, solange du es nicht übertreibst”, sagte sein Vater.

“Wenn ich nur von meinen Kräutern sprechen würde, wäre es furchtbar mit mir, oder?”, fragte seine Mutter. “Lies das und fahre mit deiner Schnitzerei fort, aber mach so weiter wie bisher und entwickele auch deine anderen Fähigkeiten - wir sind sehr stolz auf dich, Haldir.”

“Ich werde es”, versprach er. “Ich werde dies nur eine Stunde am Tag lesen und höchstens eine weitere Stunde schnitzen.”

Die Erwachsenen sahen einander an und lächelte. Andúniel umarmte ihn und flüsterte: “Gratulation zu deinem Sieg über Barthan, Haldir. Ich habe gehört, was er über die Mädchen gesagt hat und ich bin froh, dass du ihn dafür zurecht gewiesen hast. Das war sehr erwachsen von dir.”

Er lächelte seinen Cousine schüchtern an und umarmte sie ebenfalls, brachte dann vorsichtig die beiden Bücher in sein Zimmer und legte sie fort. Er war begierig darauf, sie zu lesen und zu sehen, was der Mensch ihm über Holz und die Schnitzerei beibringen konnte, aber morgen würde auch noch früh genug sein.

The End

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